Ausgabe 
22.7.1900
 
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Ein gutmütiges Lächeln huschte über des Leutnants Gesicht.Wir leben zum Glück nicht mehr in den Zeiten der Zafchwitz und Kohlhase, Fräulein von Marschall. In König Friedrichs Landen wird keinem Unterthanen je sein gutes Recht verkümmert werden."

O, davon ist nicht die Rede. Sie wollen einer offenen Antwort auf meine Frage ausweichen. Aber es lüge mir wirklich daran, zu erfahren, ob Sie so sanften und geduldigen Gemütes sind, daß Sie lieber die schwerste Unbill erdulden, als sich auf eigene Faust Ihr Recht suchen wurden."

Ihre Augen blitzten ihn beinahe zornig an- aber sie war so holdselig in ihrem Eifer, daß der junge Offizier vielleicht absichtlich mit der Erwiderung zögerte, um sich des hübschen Anblicks länger zu erfreuen.

Wer dürfte sich getrauen, im voraus zu sagen, was er in der oder jener Lage thun würde!" versetzte er end­lich.Ließe ich mir's aber jemals beifallen, mich gegen Gesetz und Ordnung aufzulehnen, so würde ich's schließlich auch für recht und billig halten müssen, wenn man mit mir verführe, wie mit diesem Roßkamm."

Spöttisch, schürzte Fräulein von Marschall die Ober- lippe.Sie hätten im alten Sparta geboren werden müssen, Herr von Plothow. Heutzutage, meine ich, sollte einem rechten Edelmann seine eigene Ehre über alles gehen."

Sie würden es also lieber mit dem Rebellen halten wie mit dem Landesherr», der seine Unterthanen gegen eigenmächtige .Friedensbrecher beschirmt?"

Ohne Zweifels" rief 'die junge Dame mit glühenden Wangen.Und niemals würde ich Achtung empfinden können vor esinem Manne, der"

Sie brach plötzlich ab, denn im Eifer des Gesprächs hatte sie den sporenklirrenden Schritt überhört, der im Nebenzimmer sich vernehmen ließ, und nun sah sie zu chrer Bestürzung die reckenhafte Soldatengestalt ihres Vaters wie aus der Erde gewachsen int Rahmen der offenen Thür. Der, Leutnant von Plothow hatte beim Anblick seines Vorgesetzten sofort eine straffe, dienstliche Haltung angenommen, das kleine Fräulein aber wandte sich verlegen ab, um den scharfen Augen des alten Kriegs- mannes sein brennendes Gesichtchen zu verbergen.

Ein Ausdruck beinahe feierlichen Ernstes war im Moment seines. Eintritts auf dem scharf geschnittenen Antlitz des Generals gewesen,- nun aber wich er einer halb erstaunten und halb belustigten Miene; denn die Verwirrung, in die sein unvermutetes Erscheinen die betden jungen Leute versetzt hatte, war zu augenfällig, als daß sie ihm hätte entgehen können. Ein paar Se- kunden lang musterte er die Verstummten mit forschenden Blicken; dann schritt er auf sein Töchterchen zu und faßte es lächelnd unter das weiche Kinn.

Was für eine Komödie wird denn hier agiert, Mademoiselle?" fragte er in seiner nach der Sitte der Zeit reichlich mit Fremdwörtern gemischten Redeweise. Lassen die Herrschaften sich nur ja nicht inkommodieren; denn ich möchte für mein Leben gern ein wenig das Publikum dabei spielen. Also nur weiter, wenn ich bitten darf! Was für ein Mann ist das, den DeMoiselle nimmermehr estimieren könnte?"

Ach, lieber Vater, es war natürlich nur ein Scherz", brachte dte Gefragte unsicher heraus.Der Herr Leut­nant und ich wir sprachen von einer Persönlichkeit aus der Weltgeschichte."

Ei, der tausend! Und das brachte meine kleine Eltsabeth so in Rage? Muß ja ein rechter Kujon ge­wesen sein, dieser Kerl aus der Historie! War's etwa der Kaunitz oder der vermaledeite Graf Brühl, so wollt' ich Dir, weiß Gott, einen tüchtigen Kuß dafür geben, daß Du ihn rechtschaffen verachtest."

1Ich bitte gehorsamst um Verzeihung, Herr General", kam jetzt mit liebenswürdigem Humor der Leutnant seiner Schülerin zu Hilfe,aber bis in die Gegenwart sind wir mit unseren Studien noch nicht gelangt. Wir befinden uns einstweilen noch tief int sechszehnten Jahr­hundert."

Jammerschade, Herr Leutnant; denn die Aussichten, daß Sie mit Ihren Lektionen bis ins siebzehnte oder acht­zehnte vorrücken werden, sind alsdann verteufelt gering. I

Statt Weltgeschichte zu lehren, werden Sie vorerst ein wenig dabei helfen müssen, welche zu machen."

Elisabeth von Marschall hatte mit einem Male alle Verlegenheit abgestreift. In gespannter Erwartung wen­dete ihr Antlitz sich dem Vater zu.

Ist es möglich? Der König wird Oesterreichs den Krieg erklären? Und gerade jetzt, wo alle Welt sich der Segnungen des Friedens freut?"

Ei, Du Gelbschnabel! Was weiß denn die Demoi- selle von den Segnungen des Friedens und von der Mei­nung aller Welt? Ja, Kinder, es wird endlich wieder Krieg geben und, so Gott will, eine Kampagne, wie sie in Preußens Geschichte noch nicht dagewesen ist. Seitdem ihr unser Fridericus so hart zugesetzt, hat sie ja eifrig genug nach mächtigen Alliierten sich umgethan, die kluge Kaiserin Maria Theresia, und wenn wir heute losschlagen, steht halb Europa gegen uns in Waffen. Aber wir fürchten uns darum nicht. Was wir bei Mollwitz und bei Chotusitz konnten, bei Hohenfriedberg und bei Kesselsdorf, das können wir auch noch heute. Ich meine sogar, wir haben inzwischen noch mancherlei dazu gelernt, und der Spott über diePotsdamer Wachcharade" soll denen schon ver­gehen, die jetzt in ihren geheimen Traktaten uttser viel­geliebtes Preußen bereits unter sich verteilt haben, wie ein herrenloses Land. Daß der König nicht warten will, bis die ganze Meute über ihn herfällt, sondern daß er mit frischem Mute unter sie fährt bei meiner Seele, dafür sollen ihn noch unsere späteren Nachkommen segnen."

(Fortsetzung folgt.)

Heidetraum.

Novellette von Max Wundtke.

Nachdruck verboten.

Es mußte schon schlimm kommen, wenn der lustige Hans von Gussow einmal den Kopf hängen lassen sollte, und jetzt ließ er ihn hängen, wie er es noch niemals in seinen fünfundzwanzig Jahren fertig gebracht hatte. Es war also schlimm gekommen, und zwar gleich so schlimm, daß er sein ganzes Leben lang daran zu tragen haben würde. . . . Das hübsche, intelligente, offene Gesicht mit dem blonden Schnurrbart und den warmtönigen, großen, braunen Augen wandte sich weder rechts noch links. Die schlanken, harzduftenden Tannen neben ihm, der krystall- klare Himmel mit dem blendendweißen Wolkenstreifen über ihm und das wunderbar stimmungsvolle Panorama vor ihm . . . alles djas existierte nicht für ihn. In Sinnen verloren stand er an einen Baum gelehnt. Tranmselige Sommermittagsstille rings umher! Trüb' flog sein Blick in die Ferne. Drüben, nur noch dreiviertel Meilen .Weges, lag das väterliche Gut. Wie schwer ihm der Weg heut wurde! Heut kehrte er nicht mit leichtem Sinn und fröh­lichem Künstlerherzen in die Heimat zurück, wie er es sonst gethan. Heut war seine Heimkehr gleichbedeutend mit Ent­sagung von seinen stolzen Träumen und von einer glän­zenden, ehrenreichen, schaffensfrohen Zukunft. Das alles, an dem seine junge, von der Kunst begeisterte Seele mit glühender Liebe hing, sollte er heut für "alle Zeit begraben. Waren die väterlichen Zuschüsse bisher auch karg genug gewesen, es focht ihn nicht an. Manche Anerkennung hatte der junge Maler schon errungen, aber noch immer blieb der klingende Erfolg aus, der bei dem Vater allein das Unterfangen des Sohnes rechtfertigen konnte und dessen er so sehr bedurfte. Seine zwei Schwestern waren herangewachsen, die Mutter wttrde kränklich . . . Haus hakte zuletzt schon auf seinen Zuschuß verzichtet; jetzt aber stand er vor dem Moment, da das Leben größere Opfer von ihm forderte. Der Vater hatte ihm mitgeteilt, daß das Gut überverschuldet sei, und daß der Hauptgläubiger, ein benachbarter Grundbesitzer, das Zeitliche gesegnet habe. Der plötzliche Tod des Besitzers hatte zur Folge, daß die Hypothekensummen sämtlich fällig wurden; eine Respekt­frist von sechs Monaten, das war alles, was Herrn von Gussow noch von seinem völligen Zusammenbruch trennte; denn darüber konnte sich niemand einer Illusion hingeben: Der Ablauf der Hypotheken bedeutete in dürren Worten die Subhastation des Gutes. Laut testamentarischer Be­stimmung sollten aber die Schuldsummen unkündbar auf