Ausgabe 
22.7.1900
 
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^^^edes menschliche Alter hat seine Freuden, und die Güte Gottes lSKäj^ hat keines ohne eine beglückende Aussteuer gelassen.

M Zschokke.

(Nachdruck verboten.)

Geächtet.

Roman von Lothar Bkenkendors.

Erstes Kapitel.

Daß er auch in seines eigenen Herren Lande den Frieden brach, besiegelte sein Geschick. Durch eine erdicht tete Botschaft wurde Hans Kohlhase*) nach Berlin gelockt, mitsamt seinem Genossen Georg Nagelschmidt gefangen ge­nommen und im März des Jahres 1640 durch das Rad vom Leben zum Tode gebracht."

Ein stattlicher junger Offizier in preußischer Husaren- uniforrn war es, der mit diesen Worten seine Erzählung von den Thaten und Schicksalen des rebellischen Berliner Roßkammes beschloß. Leicht aus die Lehne eines zierlichen Sessels gestützt, stand er seiner einzigen Zuhorerm, einem Mädchen von höchstens siebzehn Jahren, gegenüber Die kostbare Ausstattung des Zimmers, darin sich die beiden befanden, ließ keinen Zweifel an dem Reichtum und der Vornehmheit des Hauses. Sie war ganz in jenem verfei­nerten französischen Geschmack gehalten, der seit der Thron­besteigung des Königs Friedrich II. namentlich in den Hof­kreisen zur herrschenden Mode geworden war. Schon ge­malte Darstellungen idyllischer Schäferscenen schmückten in goldenen Umrahmungen die Wände; wertvolle Porzellane und andere auserlesene Kunstgegenstände hatten auf dem Kaminsims wie auf Wandbrettern ihren Platz gefunden, und ein glitzernder Kronleuchter aus geschliffenem Berg- krystall hing von der Decke hernieder.

Die freundliche Augiistsonue, die breite Ströme ihres warmgoldigen Lichtes durch die unverhängten Fenster sandte, übergoß das ganze Gemüch mit einem milden Glanze, der es zu einem wahrhaft prächtigen Rahmen für die beiden beneidenswerten, in Jugend und Schön­heit prangenden Menschenkinder machte. Sie zählten allem Anschein nach zu jenen Glücklichen, denen em gnädiges Geschick als Lebensmitgist schon in die Wiege gelegt hat, was andere trotz der härtesten Kämpfe nimmermehr erreichen: Wohlleben, Ueberfluß und emen bevorzugten Platz in der menschlichen Gesellschaft. Sicher­lich waren es nur die sonnigen Seiten des irdischen

*)Michael Kohlhaas", wie H. v. Kleist ihn in seiner später (1810) erschienenen Novelle genannt hat, ist unrichtig.

Daseins, die sie bisher aus eigener Anschauung kennen gelernt hatten. Und es war darum vielleicht ein wenig befremdlich, daß dem anmutigen Kinde ihrer Gestalt und dem unschuldsvollen Ausdruck ihres Antlitzes nach war die junge Dame in der That noch ein Kind die herben Schicksale des Friedensbrechers Hans Kohlhase augenscheinlich! sehr zu Herzen gingen.

In gespannter Aufmerksamkeit, fast mit verhaltenem Atem, hatte sie dem letzten Teil der srifch und lebendig vorgetragenen Erzählung gelauscht. Nun, da sie des tarrsinnigen Roßkammes tragisches Ende erfahren, fun­kelten helle Thränen an ihren Wimpern, und um den rosigen Kindermund zuckte es verräterisch, während sie in einem Tone ehrlicher Entrüstung sagte:O, das ist garstig! Welche abscheuliche Ungerechtigkeit hat man an dem armen Menschen begangen!"

Der junge Offizier schüttelte ernsthaft seinen hübschen, gepuderten 'Kopf.Keine Ungerechtigkeit, Fräulein v. Marschall! Er hatte den Landfrieden gebrochen und dadurch sein Leben verwirkt: Die Richter, die ihm den Prozeß machten, durften kein anderes Urteil fällen."

Aber er hatte fie mit dieser Aufklärung keineswegs überzeugt.

Das verstehe ich nicht. Sagten Sie denn nicht vorhin selbst, Herr Leutnant, Hans'Kohlhase sei gegen den Junker v. Zaschwitz und sogar gegen den Kurfürsten von Sachsen in seinem guten Rechte gewesen? Sollte er es etwa ftill- schweigend' dulden, daß ihm Gewalt geschah?"

Er.mußte sich vor allem den Gesetzen unterwerfen. Daß ihm Unrecht angethan worden war, gab ihm noch keinen Freibrief, nun auch selbst Unrecht zu thun. Ein Staat könnte nicht bestehen, der seinen Bürgern gestatten wollte, Selbsthilfe zu üben, wenn es ihnen gefällt. Hoch über dem Glück oder Unglück des Einzelnen steht das Wohl des Ganzen. Dieser Kohlhase mag ein viel geringerer Uebelthäter gewesen sein als der Junker, der ihm bei Wellaune seine Pferde wegnahm. Wir dürfen ihn be­klagen; aber wir dürfen die Richter, die ihn zum Tode verdammten, fo wenig tadeln wie den brandenburgischen Kurfürsten, der den Spruch an ihm vollstrecken ließ."

Die etwas schulmeisterliche Art dieser Belehrung legte die Vermutung nahe, daß auch der geschichtskundige Leut­nant in seiner reizenden Zuhörerin bei aller Ehrerbie­tung doch eigentlich nur ein Kind sah. Das kleine Fräu­lein aber schien damit nicht sonderlich! zufrieden, denn es klang fast ein wenig gereizt, da es entgegnete:

Ich möchte wohl wissen, Herr von Plothow, ob Sie sich mit so weisen Betrachtungen überdas Wohl des Ganzen" auch getröstet hätten, wenn Sie an der Stelle dieses Mannes gewesen wären. Was würden Sie denn thun, falls Ihnen einmal etwas ähnliches begegnete und Sie nirgends Ihr Recht finden könnten?"