Ausgabe 
22.5.1900
 
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Innig und treu hingen die Schwestern aneinander, und still und friedlich waren die Tage bei emsiger Arbeit verflossen, bis Unruhe und Sorge in das Heim der Schwestern kam und zwar in Gestalt des Herrn Dautra.

Dieser war einer der eifrigsten Abonnenten der Biblio- thek. Fein in seinem Auftreten, ungefähr 25 Jahr, war er zuerst immer nur mit stummem Gruß gekommen und gegangen; allmählich aber hatte der junge Mann seine große Schüchternheit iiberwunden, und es war zum Plau­dern gekommen. Die Schwestern hatten erfahren, daß er Ministerialbeamter sei, und seine freie Zeit gern mit Lesen verbringe. Im Sommer freilich, da habe er vierzehn Tage Ferien, und dann reise er zu seinen Eltern. Er sprach von seiner sanften, heiteren Mutter und von dem Vater, der das kleine Landgut selbst bewirtschafte.

Herr Dautra kam sogar manchmal des Abends unter einem Vorwand und plauderte mit Marthe und Claire und da er sich stets äußerst korrekt benahm, so hatten die beiden Schwestern an solchem Plauderstündchen ihre Freude und vermißten den jungen Mann, wenn er einmal ausblieb.

War es nun die stets piütterliche Besorgnis, die Marthe zu einem Trugschluß führte, oder täuschte sie sich nicht in der Annahme, daß Herr Dautra nicht der Bücher, son­dern Claires wegen kam, und sie selbst nur als Claires Beschützerin betrachtete.

Herr Dautra aber ging nicht aus seiner Reserve her­aus, und für Marthe begann ein sorgendes Bangen; denn sie glaubte bei Claire mehr als eine gewisse Freundlichkeit dem Besucher gegenüber zu sehen. Freilich, das ver­schlossene Kind schwieg und litt augenscheinlich im stillen, zu stolz, der Schwester ihr übervolles Herz auszuschütten.

Da plötzlich war Herr Dautra vor etwa vierzehn Tagen fortgeblieben, und seitdem wurde Claire von Tag zu Tag stiller und blasser.

Und nun fragte sich Marthe angstvoll, ob sie nicht Unrecht gethan hatte, dem jungen Manne den Zutritt in ihr Haus zu erlauben. Sie fand keine Antwort auf diese quälende Frage. Plötzlich jedoch richtete sie sich auf. Sie hatte einen Entschluß gefaßt: Was kam es auf die Regeln der Etikette an, wenn das Glück der jungen Schwester auf

dem Spiel stand.

Am folgenden Tage, in der Dämmerstunde kam es zwischen den beiden Schwestern über die Ausführung einer Stickerei zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit, und da Claire bei ihrer Ansicht beharrte, so äußerte- Marthe plötzlich :Schön! Dann werde ich selbst zu Frau Raybel nach der Parkstraße gehen und fragen, wie ihre Wünsche waren".

Und ehe Claire noch ihr Erstaunen über diesen raschen Entschluß ausgesprochen, war Marthe auch schon fort. Allein geblieben, überkam Claire ein Bedauern, Marthe widersprochen zu haben; sie hatte sicherlich Recht.... Aber dieser Gedanke war noch kaum aufgetaucht, als die Ladenthür sich öffnete und eine Nachbarin erschien....

Lassen Sie sich! nicht stören, Herzenskind. . . Nicht- wahr, ich bekomme doch meinen Hut zum Samstag. . . Ja? . . . Das ist nett von Ihnen ... Bei dem, Regen­wetter ist freilich kauch die Möglichkeit vorhanden, ihn zu tragen ... es strömt ja förmlich- - - - Was hat denn Ihre Schwester so eilig zu thun... sie ist an mir in der Wallstraße vorbeigelaufen und hat mich nicht einmal ge­sehen ..." , ,

Wallstraße. . . die entgegengesetzte Richtung mit der Parkstraße!

Claires Hände krampften sich in der Erregung zu­sammen, aber sie beherrschte sich, die Nachbarin merkte nichts. o

Erst nachdem die Dame gegangen, war es mit Claires Fassung zu Ende. Das Blut sauste ihr in den Ohren . . . oh, so hatte Marthe also den Streit absichtlich herbeigeführt, um ffortgehen zu können . . . und sie war nach der Wall­straße gegangen, wo Herr Dautra wohnte. . . Marthe hätte also gelogen. . . nur um dort hingehen zu können ... zu Herrn Dautra, der nicht ihretwegen kam, tote sie geglaubt. . . dessen Besuche Marthe galten!

Und dem Impuls folgend, sprang Claire auf griff schnell nach ihrem Hut, schloß den Laden, und ohne schützen­

des Tuch oder Schirm, lief sie hinaus in den Regen . . ; fort nach der Wallstrahe.

Ganz außer Atem stand sie vielleicht zehn Minute« darauf vor der Portierlrge, und erst die erstaunten Blicke der Verwalterin ließen ihre Fassung notdürftig wieder- sinden, so daß sie fragen konnte:

Nicht wahr, Herr Dautra wohnt doch hier".

Jawohl, er ist zu Hause..."

Können Sie mir nicht sagen... es wird nach der Dame eifrig gefragt . . . nicht wahr ... es ist eine Dame bei ihm!.'

Mit leinem langen braunen Mantel? ... Ja, die ist vielleicht vor einer Viertelstunde hinaufgegangen und . .

Claire hörte schon nichts mehr.

Hinaus, nur fort! weiter hatte sie keinen Gedanken, und wie ein gehetztes Wild stürmte sie fort, ohne zu wissen, wohin sie ihr Weg führte.

Als Herr Dautra auf das Glockenzeichen die Entree- thür geöffnet, hatte er zum größten Erstaunen in der Be­sucherin Marthe Wavers erkannt; er hatte sie in fein kleines Arbeitszimmer geführt, ihr einen Stuhl angeboten und war selbst vor ihr stehen geblieben.

Herr Dautra, Sie sind sicherlich äußerst überrascht, mich hier zu sehen", begann Marthe traurig ...Bitte, urteilen Sie nicht zu streng über mich . . . sehen Sie, bitte, darin nur einen Beweis meiner Hochschätzung für Sie . . ."

Gnädiges Fräulein, Ihr Besuch ehrt mich... ich muß mich bei Ihnen übrigens entschuldigen... ich bin vierzehn Tage fort gewesen und gestern erst nach Paris zurückgekehrt . . . ganz plötzlich wurde ich an das Krauken-- lager meines Onkels gerufen, der mich gern noch vor seinem Tode sehen wollte . . . Noch am Tage meiner Ankunft ist der alte Mann entschlafen. . . Ich habe nicht gewagt, Ihnen vorn dort zu schreiben . . . und hätte Ihnen doch so viel zu sagen gehabt! . . . Aber verzeihen Sie, Sie wollten mir etwas mitteilen?"

Ja. . . aber reden Sie, bitte, erst... ich kann warten".

Und Herr Dautra fuhr fort:

Ich habe bei dieser Gelegenheit meine Eltern wieder­gesehen und ihnen mitgeteilt, auf welcher Hoffnung mein ganzes Lebens glück basiert . . . mein Onkel hat mir sein kleines Vermögen hinterlassen, und nun können meine Wünsche schneller, als ich zu hoffen gewagt, in Erfüllung gehen, wenn . . . darf ich sprechen ... ich liebe Fräulein Claire:Darf ich es ihr sagen, wird sie mich hören wollen . . .?"

Marthe war mit glückstrahlendem Gesicht aufge­sprungen.

O, wie unbeschreiblich beglückt mich das ... ich kam zitternd nnd zagend zu Auen . . . Leben und Gesundheit für meine Claire bergen Ihre Worte!"

Wie? Leben und Gesundheit?"

Wenn Sie Claire sehen, dann werden Sie mich ver- verstehen. . . Seit Sie fort sind, grämt sie sich. . . des­wegen komme ich zu Ihnen. . . wie eine Mutter, die über den Schmerz ihres Kindes in Verzweiflung, zum äußersten greift! ... So habe ich, mich doch nicht ge­täuscht . . . Sie lieben Claire!"

Und Sie meinen, daß Claire. . . oh, bitte! sprechen Sie rasch. mit ihr . . . oder darf ich gleich mitkommen?"

Ja, ja, Herr Dautra! Kommen ©ie nur mit* mir, dann ist alles gut".

Als die beiden vor der Portierloge vorbeikamen, hörte. Dautra sich bei Namen gerufen:

Herr Dautra, vorhin war eine Dame hier, die hat nach der Dame, die bei Ihnen war, gefragt . . . Das junge Fräulein schien sehr erregt und ist gleich fortgelaufen!"

Marthe fuhr in jähem Schreck zusammen.

War sie brünett?" fragte sie halb mechanisch die Frau.

Ja, ich glaube, so genau habe ich sie nicht angesehen, ich habe nur bemerkt, daß sie kleine Granatohrringe in Form von Fliegen trug . .

O Gott! Das war Claire ... wie kommt die hierher . . . und wie hat sie erfahren, daß ich hier war . . .Kom­men Sie schnell, ganz schnell Herr Dautra . . . wenn nur fein Unglück geschehen ist ..."