Ausgabe 
22.5.1900
 
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in meiner entbehrungsreichen Jugend um einen kleinen Teil desselben gegeben! reicht für uns alle, wird dem Hans die Wege ebnen und meinem Töchterchen den Br aut- schatz sichern.Und nun," er warf einen Blick auf seine Taschenuhr,reisen Sie mit Gott, Frau Brigitte, es ist Zeit!"

Die alte Frau ergriff seine Hand und hielt sie fest zwischen ihren beiden Händen.Gottes Segen über Sie, liebster, bester Herr Doktor! Sie haben meiner armen Frau das Scheiden leicht gemacht, Sie wollen ihrem Kinde ein Vater fein, Gott lohne es Ihnen hier und im Jen­seits."

Ihr versagte die Stimme, sie trippelte, das Tuch vor den Augen, eilfertig ins Nebenzimmer, um die Kinder, auch Hans war zugegen, .herbeizurufen.

Es ist Zeit, Elfchen, komm!"

Die Kinder hatten auf dem Fensterbrett gesessen, eng aneinandergeschmiegt. Jetzt fuhren sie auf.

Es ist Zeit, Elfchen!" wiederholte Hans, ohne seine kleine Nachbarin anzusehen.

Sie erblaßte, machte einen Schritt nach dem Neben- gemach, das der Doktor und Brigitte soeben verließen, bann flog sie zurück, des Knaben Hand fassend.

Adieu, Haus, leb wohl!" sagte sie gepreßt, mit halb erstickter Stimme.

Er streichelte ihre kleinen kalten Finger.

Adieu, Elfchen, und bleibe nicht zu lange. Du weißt, wir gehören jetzt zusammen, wir sind Geschwister!"

Und wenn ich nicht wiederkehre, Hans?"

Elfe!" Der Knabe sah sie bestürzt, erschreckt an.

Was sprichst Du da?"

Sie unterbrach ihn, ihre Worte überstürzten sich.

Ich weiß nicht, aber Brigitte thut manchmal so ge­heimnisvoll, und manches Wörtchen habe ich verstanden, wenn sie mit meinem Mütterchen flüsterte".

Sie führ in die Tasche ihres schwarzen Kleides und brachte einen dünnen goldenen Ring mit rötlichem, un­scheinbarem Steine zum Vorschein, welcher an einem schwarzen, schmalem Bande befestigt war.

Siehst Du, Hans, diesen Ring habe ich gestern ge­kauft von meinen Spargroschen, einen kleineren bekam ich nicht, aber ich- habe dieses Bändchen hindurchgezogen, und Du mußt ihn am Halse tragen, bis er auf Deinen Finger paßt. Und da soll er Dich immer an mich erinnern, wenn ich nicht wiederkehre".

In dem Gesicht des Knaben zuckte es, während die kleinen Hände das Band um feinen Hals schlangen.Als wenn das nötig wäre, Elfe", sagte er vorwurfsvoll.Als wenn ich Dich je vergessen könnte!"

Sie hatte ihr Werk vollendet, aber ihre Hände blieben auf seinen Schultern, sie tauchte ihre geheimnisvollen dunk­len Augen tief in die feinen.

Ist das wahr, Hans? Du wirst mich nie vergessen? Schwöre es mir!" gebot sie feierlich.

Ihm kam kein Gedanke an ein lächelndes Ablehnen ein Verweigern des seltsamens Wunsches. Ernst, wie sie gefordert, willfahrte er ihr. Sie hatte ihn unverwandt angesehen, jetzt warf sie die Arme um feinen Hals und preßte ihre Lippen fest auf die feinen.

Hans Volkmann stand minutenlang wie betäubt, erst als das Zufallen der schweren Hausihür zu ihm herauf­drang, fuhr er auf und stürzte au^ dem Zimmer die Treppe hinunter.

Er kam eben recht, um zu sehen, wie der Rosselenker eine kleine schwarze Gestalt in den Wagen schob, mit seiner großen roten Hand das bereifte Fenster desselben schloß und sich dann schwerfällig auf seinen Sitz schwang. Nur Brigittes verweintes Gesicht wurde noch einen Moment in undeutlichen Umrissen hinter der Scheibe sichtbar, von Elfe erblickte Hans keinen Schimmer mehr.

(Fortsetzung folgt.)

Das Geheimnis der Schwester.

Bon RenS Ghil.

Autorisierte Uebersetzung von A. Heim.

(Nachdruck Verboten.)

Wohl schon eine Stunde saß Marthe, die älteres der beiden Schwestern Wavers über das Hauptbuch gebeugt und übertrug:Soll und Haben" ihres kleinenSchnitt- und Modewarengeschäfts" ordnungsmäßig. Trotz des bescheide­nen Aussehens des Geschäftes war die Arbeit gar nicht so einfach; denn jede Branche mußte einzeln gebucht werden, und seit die beiden Schwestern sich- entschlossen hatten, die Filiale einer Leihbibliothek und einen kleinen Buchladen noch- mit ihrem Geschäft zu verbinden, war der Arbeit über­genug. Aber die blonde Marthe mit den großen, klaren Augen war dem allem! gewachsen und verlor nicht so leicht den Mut.

Dennoch seufzte sie tief auf, als die Uhr; gerade die zehnte Abendstunde verkündete; doch galt der Seufzer wohl weniger der mühevollen Buchführung; denn ein besorgter Blick fiel dabei auf die jüngere Schwester, die sich so tief über den Stickrahmen beugte und doch nur so lang­sam die Nadel herauszog.

Nicht wahr, Claire, Herr Dautra hat in den letzten vierzehn Tagen seine Lieferungen von dem Konversations­lexikon nicht abgeholt? Ich. kann sie gar nicht finden, merkwürdig hast Du sie verwahrt?"

Claire war bei den Worten der Schwester leichtj zu­sammengefahren, und der dunkle Kopf mit den schweren, schwarzen Haarwellen neigte sich noch tiefer über die Stickerei.

Nun Claire?"

Sich ja, verzeih ich weiß wirklich nicht"

Die Sprecherin hatte wohl Zeit gewinnen wollen, ihrer Stimme Festigkeit zu geben, aber diese klang doch, als wenn sie nahe am Weinen sei; die Aeltere nahm scheinbar ihre-Bücher wieder , vor, aber ein fast mütterlicher, zärt­licher Blick glitt dann und wann zur Schwester hinüber, und so sagte sie denn auch gleich darauf:

Es ist zehn Uhr vorbei, Kind, ich glaube Du bist müde. Willst Du nicht immer hinaufgehen, ich komme auch bald, ich will nur noch mit meinem Buch a jour fein".

Ja, dann gehe ich immer, ich habe Kopfschmerzen!" Claire war aufgestanden und vermied es, die Schwester anzusehen, während sie ihre Arbeit zusammenlegte.

Du siehst auch! so erhitzt aus, während Du sonst in all den Tagen äußerst blaß warst, fehlt Dir was? Sag es doch".

Claire war 19 Jahre, eine nervöse, sanguinische Natur, die den besten Willen hatte, ihre Zärtlichkeit in bereit­williger Hilfe zu betijätigen. Spontan in ihren Empfin­dungen, trug sie dieselben doch verschlossen in sich,' und in Schmerz und Freude gleich leidenschaftlich, konnte sie das, was. sie bewegte, nicht mitteilen.

Sorg' Dich nicht", gab sie der sieben Jahre älteren ' Marthe ausweichend zur Antwort,das Regenwetter macht mich nervös, weiter ist es nichts".

Marthe lauschte auf den verhallenden Schritt, hörte die Schwester in dem Zimmer über dem kleinen Laden gehen, und dann nahm sie aus dem Pult die Lieferungen, nach denen sie die Schwester gefragt. Die Blätter waren wie im Zorn zusammengeknittert!

Arme Kleine! Die Blätter haben es entgelten müssen, daß er sie nicht abgeholt hat".

Marthe stützte das feine, blasse Gesicht sorgenvoll auf die Hand und dachte an die Schwester, an der sie nun schon so lange Jahre Mutterstelle vertrat. Angstvoll fragte sie sich, ob sie nicht unbedacht, unvorsichtig gehandelt habe.

Als Waisen waren sie beide, als Marthe noch nicht 15 Jahr gewesen, zu der einzigen Verwandten, einer Tante des Vaters, gekommen, der eben das Putz- und Modewaren- tzeschäft gehörte. Das alternde Fräulein hatte in den beiden Nichten zunächst nur eine willkommene, unentgelt­liche Hilfe für ihr Geschäft gesehen, und sie gründlich aus­genutzt. Bei ihrem Tode, später, viel später, konnten bann die Nichten das Geschäft weiter fortführen. Aber der Tod war früher gekommen, als sie erwartet, und in Marthes und Claires Leben war damit ein Wendepunkt eingetreten.