Nachdruck verboten.
„Es sah eine Linde ins tiefe Thal."
Novelle von R. Litten.
(Fortsetzung.)
„Komm, mein Kind", sprach er weich — wo hatte die sonst so rauhe Stimme diese Laute her? — „Derne Mutter schläft einen Schlaf, aus dem es kein Erwachen mehr hier auf Erden giebt. Aber Du sollst darum doch nicht verlassen sein- Ich will Vaterstelle bei Dir vertreten. Willst Du von heute cm mein liebes Töchterchen sein, Elfe, mrch Vater nennen?" . , 1
Tas Kind hörte seine letzten Worte nrcht. Langsam, wie gelähmt, schritt es zu Hans, beide Hände auf seine Schultern legend. . .
„Hast Du es gehört, Hans", sprach es lerse, wre rm bangen Traume. „Mama wacht nicht wieder auf, nremals! Ist denn das möglich, Hans? Wie lange ist es denn her, eine — zwei Stunden vielleicht, da sprach sie nut nur, nannte mich ihr Herzblatt, ihren Sonnenstrahl, und nun sollen ihre Lippen geschlossen bleiben immer — immer?"
Der Knabe wandte ihr sein von Thränen überströmtes Gesicht zu. „Arme kleine Elfe", schluchzte er, „jetzt smd wir beide Waisen, haben beide weder Vater, noch Mutter!"
Elfriede sah ihn starr an, dann schrie sie laut auf, und nun brach sich ein Jammer Bahn, der den zarten Körper schüttelte wie der Sturmwind ein junges Reis. Willenlos ließ sie sich von dem Arzt ins Nebenzimmer tragen und auf das Sofa legeu. Hans folgte ihm. Nach- einer Viertelstunde wurde das Weinen leiser, verstummte ganz, und der Doktor trat wieder mit Frau Brigitte ins Sterbezimmer. Lange saßen die beiden in flüsterndem Gespräch bei der Leiche des jungen, noch im Tode schönen Weibes, während drinnen im Nebengemach der blonde Knabe das schlafende Kind behütete, ihr zuckendes Händchen fest in der feinigen haltend.--- . . .
Ein paar Wochen später stand vor demselben Hause ein geschlossener, mit zwei feisten Braunen bespannter Wagen. Der Kutscher, der in Friesrock und Pelzmütze aus seinem erhöhten Sitze thronte, war eingeschlafen, die Peitsche in seinen mit roten, gestrickten Handschuhen bekleideten Han-
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ie unter den Lasten am Wege sie keuchen, Den Sorgenlasten an Ehren und Habe! Und könnten am leichten Wanderstabe
So fröhlich das Ziel ihrer Reise erreichen.
Julius Lohmeyer.
den schwankte leise aus und nieder. Erst hatte er darüber nachgedacht, daß sein sWagen — Kutsche nannte er das! schwerfällige Vehikel — erst vor kurzem auf derselben Stelle gehalten, damals, als die junge Frau, die blasse Klaviere lehrerin, begraben wurde. Er hatte seinen langen, schwarzen Rock angehabt und weiße baumwollene Handschuhe statt der warmen roten,- und sie waren ganz feucht gewesen, weil er sich immer über die Augen wischen mußte, wenn er das kleine bleiche Mädchen, welches neben der alten Frau, und dem Doktor Hannemann in seinem Wagen saß, weinest hörte.
Auch Doktors Hans war dabei gewesen, und heute, war er gekommen, die Kutsche — sie war der einzige Mietsi wagen hier im Ort — zu bestellen, damit er die Alte und das Kind zur nächsten Bahnstation bringe. Wo sie nun hinfahren wollten? Und verkauft hatte Frau Brigitte auch alles — seine Frau hatte richtig das halbe Dutzend Rohr<^ stichle haben müssen, nach welchem schon so lange ihr Sinn gestanden — es sah fast aus, als wollten sie nicht wieder-- kehren. Doch — spintisieren ist nicht jedermanns Sache, besonders wenn man heute bereits seine vier Führest Klafterholz aus dem Stadtwalde geholt hat, da ist ein! wenig Schlaf jedenfalls das Ratsamere.
Indessen standen Dr. Hannemann und Frau Brigitte! in der Fensternische des kahlen, ausgeräumten Zimmers, in welchem vor wenigen Wochen Frau Kraneck die müde! Seele ausgehaucht hatte. Die alte Frau war bereits irst Reiseanzuge — im unmodischen wattierten Kragenmantel und sammtverbrämter Kapotte — und schaute aus trüben, verweinten Augen zu ihrem Gegenüber auf.
„Gewiß, Herr Doktor", sagte sie, als seine eindring^ lichen Worte verstummten, „die Papiere lasse ich nicht von mir. Aber ich denke, ich bedarf ihrer nicht. Die Aehnlichkeit des Kindes mit seiner Großmutter macht sie überflüssig. Und dann ist ja auch der Brief da, den meine arme Frau noch kurz vor ihrem Tode mit ihrer schwächest Hand geschrieben und mir übergeben hat. „Grüße ihst herzliche, sagte sie dabei mit ihrer leisen, heiseren Stimme, „und er soll mir verzeihen, bitte ich! Ihr verzeihen?"
Brigitte weinte bitterlich. „Ihr, die im Leben keinem Wurm weh thun konnte, gegen die gesündigt wurde von- Kindheit an. — Aber es wird ja alles nichts nützen, lieber Herr Doktor, ich kenne ihn und das rothaarige falsche Weib, seinen bösen Engel. Das arme Würmchen, das Kind, bringe ich Ihnen bald wieder. Sie werden es sehen!"
Der Arzt legte seine Hand aus ihre Schulter.
„Nun, dann findet es bei mir ein offenes Herz und ein offenes Haus, ebenso wie Sie selbst, meine liebe Fräst Brigitte. Sie wissen auch, daß ich kein Opfer deswegen! zu bringen brauche. Das Geld, welches mir noch m meinest alten Tagen gleichsam zum Hohn zufloß — was hätte ich


