Ausgabe 
22.4.1900
 
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Da kam zufällig einegute Freundin" zu ihr, die wußte ebenfalls von dem Vorfälle, denn sie tvar sogar als Zeugin in dieser Sache geladen. Das arme Mutterherz krampfte sich vor Schmerz zusammen.Sie werden doch mein Kind nicht unglücklich machen!" rang es sich aus der Brust der Mutter. Die harmlosen Worte wurden von einer guten Freundin zur anderen weiter getragen, bis sie zu den. Ohren des Staatsanwalts drangen. Man erhob Anklage Die ehrsame Frau soll sich der Verleitung zum Meineide schuldig gemacht haben. Das Zuchthaus soll sich ihr öffnen.

Der Gedanke macht die Unglückliche wahnsinnig. Und morgen soll das Urteil gefällt werden!! O diese schreck- lichen Nächte, die sie während dieser Zeit verlebt hat! O diese furchtbare Nacht, die sie noch verbringen wird! Man weist jetzt schon mit Fingern auf sie; denn bald wird sie Zuchthäuslerin sein. Aber noch gießt es ja einen Richter, der nicht nach einem Buche mit toten Paragraphen, das Menschen machten, richtet. Wenn sie nur einst vor dem besteht.

Ich bringe Sie sicher frei!" spricht neben ihr der Verteidiger tröstend.

.Gott gebe Ihnen die Kraft dazu!" entgegnet sie ge­faßt, und drückt ihm die Hand. Sie geht.

Als die Unglückliche das Zimmer verlassen hat, tritt ein alter, elegant gekleideter Herr ein. Der Rechtsanwalt geht ihm entgegen. Beide reichen sich stumm die Hände. Des alten Herrn Augen sind feucht. Er nimmt im Sessel Platz. Neben ihn fetzt sich der Rechtsanwalt.

Ich sagte es voraus, Herr Baumeister. Die Sache Ihres Sohnes war von vornherein verloren. Wir können noch von Glück reden, daß der Gerichtshdf solche Milde walten ließ."

Und der alte Herr erwidert mit zitternder Stimme: Ich bin der elendeste Mensch der Welt. Da habe ich nun für meinen Sohn die größten Opfer gebracht. Die beste Bildung habe ich ihm angedeihen lassen.Jugend hat keine Tugend!" Oft sagte ich mir das zur eigenen Be­ruhigung, wenn ich von seinem flotten Leben so manches hören und seine Schulden decken mußte. Aber daß er ehr­los, daß er zum Betrüger werden würde, das hätte ich nie geglaubt. O, mein guter Name!"

Der alte Herr blickte trostlos vor sich hin. Mitleidig schaut ihn der Rechtsanwalt an.Es wird sein erster und letzter Fehltritt sein!" spricht er zu dem Vater tröstend.

Gebe es Gott. Das sagten Sie auch den Richtern in Ihrer Verteidigungsrede. O, sie war schön, ergreifend schön! Sie haben gethan, was man für einen Menschen, der schuldig ist, thnn kann. Doch wollte ich Sie nochmals fragen, Herr Doktor: Können Sie nicht gegen das Urteil Revision einlegen? Vielleicht, daß Sie eine noch mildere Strafe erzielen?"

Ich habe hin und her überlegt. Ich habe nachgedacht und nachgegrübelt. Das Urteil ist unanfechtbar. Ihr Sohn mag seine Schuld büßen. Gegen diesen Rechtsspruch läßt sich nichts machen!"

Run denn", spricht;mit bebender Stimme der Greis, mag er seine Strafe reuevoll ertragen. Ich dulde mit ihm. Wenn Sie versichern, daß sich nichts mehr in der Sache thun läßt, so müssen wir uns fügen. Ich wollte nur thun, was fn den Kräften eines alten Vaters steht. Adieu!"

Mit bleichem Antlitz entfernt sich der würdige Greis. Ein altes Bauernweib tritt ein und macht einen tiefen, ehrfurchtsvollen Knix. Sie fetzt einen großen Korb auf den mit Teppichen belegten Parkettboden nieder und be­ginnt:Ach, mein guter Herr Rechtsanwalt. Ich kann Sie immer noch nicht vergessen. Ich muß Sie heute doch noch 'mal besuchen!"

Ra, na, liebe Frau! Sie haben wohl schon wieder jemand bedroht?"

Um Gotteswillen! Das machen iöir nicht wieder. Ich bin bloß froh, daß Sie mich freigekriegt haben. Vielleicht brummte ich jetzt gerade, wenn Sie nicht so warm für meine Unschuld eingetreten wären. Aber, Herr Doktor, ich komme heute nehmen Sie mir es nicht übel! Ich will Ihnen meinen Dank nochmals sagen. Sie haben von der armen Frau nichts genommen. Rehmen Sie nachträg­lich ,wch von ihr ein bescheidenes Präsent."

Und die Frau entwickelt eine solche Zungenfertigkeit

und bedankt sich einmal nach dem andern, daß, der ver­blüffte Rechtsanwalt, der die Alte, die einst wegen £&e? drohung mit einem Verbrechen an geklagt war, verteidigt hatte, gar nicht 'zu Worte kommen konnte. Während sie von Dank und Dankbarkeit spricht, packt sie den Korb ge-- schäftig aus und legt ein Stückchen Butter nach dem andern auf das Fensterbrett, sodaß der Rechtsanwalt glaubt, feine, frühere Klientin, die er als eine so besonnene, lammfromme Frau geschildert hatte, sei übergeschnappt.

Aber beste Frau, was soll denn das?"

Das schenke ich Ihnen, Herr Doktor! Sie dürfen es mir nicht abschlagen. Ich bin eine arme und alte Frau und habe Sie nicht bezahlen können. Aber vergelt's Ihnen Gott. Lassen Sie sich die Butter recht gut schmecken und grüßen Sie mir Ihre liebe, gute Frau Gemahlin recht herzlich!"

Und hinaus ist sie, ohne daß ihr Verteidiger noch recht zur Besinnung gekommen ist. Ha, was soll er denn mit der vielen Butter anfangen, er, der Junggeselle, der noch dazu seine Fran, die er nicht hat, grüßen soll? ---

Leise klopft es. Schüchtern tritt eine schwarzver­schleierte Dame ein. Ihr Gesicht ist schön, sehr schön, aber bleich und abgehärmt. Eine leichte Röte fliegt über die blassen Wangen der jungen Frau, als sie den Mann vor sich! sieht, von dem sie so viel großes und gutes vernommen hat. Sie hat von seinen Erfolgen, von seiner Herzensgüte und seinem Edelmute gehört. Ihm will sie sich anver- trauen.

O, ich bin tief unglücklich. Ich bin das elendeste Geschöpf der Welt!" lispelt sie und bricht in Thränen aus.

Setzen Sie sich, meine Gnädigste, und schütten Sie mir Ihr Herz aus. Vielleicht steht es in meiner Macht, Ihnen zu helfen!" Er spricht es mit so milder und zu­versichtlicher Stimme, daß die schöne Frau zu ihm Ver­trauen faßt, wie ein Kind zu seinem Vater. Und sie schüttet ihm das Herz aus. Sie erzählt von ihrer unglück­lichen Che, die von Anfang an für die Arme, der ein un­geliebter Mann von den Eltern ausgezwungen sei, nur bitteres Leid und Elend gewesen sei. Sie erzählt von dem Manne, der sie nicht nur nicht verstehe, sondern sogar mißachte, der sie auf das Unwürdigste behandle und sogar mißhandele. Sie klagt dem Verteidiger all ihr Leid mit so kindlichem Vertrauen, daß dieser gerührt auf das bleiche, schöne Weib schaut.O, helfen Sie mir und be­freien Sie mich von einem Leben, das eines Weibes un­würdig ist; das der Hölle gleicht."

Lange schaut sie der Verteidiger an. Er, der sonst so redegewanot ist, findet jetzt nicht gleich das rechte Wort. Er schaut ihr tief in die großen, schwermütigen Augen. Sie errötet und blickt scheu vor sich nieder. Jetzt endlich saßt sich der Rechtsanwalt und spricht:Ich kann und werde Ihnen helfen. Wenn Sie aber Ihre Freiheit wieder er­langt haben, so bewahren Sie sie sich. Sie ist das höchste Gut. Und wenn Sie sich wieder verschenken sollten, so verschenken Sie sich an einen Würdigeren!"--

Noch lange reden beide miteinander. Und als endlich die Unglückliche geht, ist wieder Lebensmut und Hoffnung in ihr Herz gezogen. Der Rechtsanwalt aber lehnt sinnend in seinem Sessel. Ihm ist plötzlich ums Herz so sonderbar geworden.

Zwischen den staubigen Akten lächelt schelmisch Gott Amor hervor. .

GeineinniUziges.

Ield und Karten.

Wie sich die Ansichten ändern! Wenn bis heute in Deutschland jemand einen Obstbanm pflanzt, so wird er mit Aengstlichkeit darüber wachen, daß der Baurn eine schöne Krone, eine reiche Bewurzelung hat, daß das Pflanz­loch groß und weit angelegt und der Baum mit aller Sorg­falt in dasselbe gepflanzt wird. An der Spitze seiner soeben erschienen Nummer bringt der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau einen Bericht aus Nordamerika, wonach man dort mit außergewöhnlichem Erfolge ange­fangen, mit diesem Pflanzsystem zu brechen, und die Pflanzung sehr zu vereinfachen. Erfinder des Systems ist Herr Stringfellow in Texas, der selbst ausgedehnte