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Nettchen trat in den offenen Schuppen, in ivelchem ein grauer Bretterwagen, ein paar alte Hühnerkörbe und einige zerbrochene Taubenhäuser neben anderem Gerümpel der öffentlichen Benutzung anheint gestellt zu sein schienen. Sie ließ sich aus einem Stapel Brennholz nieder und blickte vor sich aus. Schlafen würde sie hier nicht können. Aber sie suchte auch keinen Schlaf, ihre Seele war voll von Bildern und Träumen, und fast war es ihr, als sei sie für diese Nacht noch einmal das alte Nettchen, das hinausträumte in die weite, unbekannte Welt, die so viel Wunder bringen mußte.
In diesen hohen Sommermonaten wurde es zeitig Morgen, und ehe die Schöneberger Kirchenuhr die vierte Stunde schlug, würde sie schon wieder auf den Beinen sein.
Was aber dann?!? Nach Berlin zurück, auf den großen Arbeitsmarkt. Aber bei dem Gedanken, daß sie keine Papiere bei sich habe, kein Geld, keine Ausweisung, nichts, wurde Nettchen von der ersten Bangigkeit erfüllt. Doch hatte sie nicht noch schlimmeres durchgemacht? Traurigeres? An der Seite des Mannes?
Wieder sank iHv der Trost ins Herz, daß sie ja frei, daß sie Herrin über ihr Dasein sei, und gläubig sagte sie, während sie still vor sich hinblickte:
„Gott wird schon helfen."
Wolken, die am Himmel gestanden hatten, zerteilten! sich, der Mond brach hervor und beleuchtete das öde, kleine Gartenland. Nettchen sah mit großen Augen, wie sich sanftes, stilles Licht vom Himmel herunter über die schweigende Landschaft ergoß. Es lag eine tiefe Geborgenheit in dieser stillen, hellen Sommernacht. Die freien Wiesen waren aufgethan wie Wirtsgärten, die nur auf müde Abendgäste warten. Da lagen die hochgeschütteten Heuhaufen, so sicher und geschützt, weiche und zugleich duftige Betten, und die Chausseebäume standen ivie Wächter vor den Thoren dieser vom freien Himmel überbogten Herberge.
Wie viel kleines Getier rüstete sich wohl jetzt, undj brach aus den Schlupfwinkeln, und verteilte sich über die schweigenden Wiesen und Landstraßen und Felder, nm sich für die Nacht zum Herrn des Gefildes zu machen.
Nettchen hörte es hinter sich rascheln, aber während etwas Schwarzes dicht an ihrem Holzstoß vorbeisprang, sah sie an dem Baumstamm in ihrer Nähe ein Wiesel emporschlüpfen, und mit klugen, räuberischen Augen auf die Erde hinunterspähen. Sie war emporgefahren, und zitternd stand sie unter dem alten Schuppen. Sie wagte sich nicht mehr zu setzen. Das laut raschelnde Tier hinter ihrem Rücken mochte eine Ratte gewesen sein; verflogen war für den Moment die träumerische Rühe aus ihrer Seele. Sie fühlte sich geängstigt — obdachlos!!!--
Sie war aus dem Schuppen herausgetreten, wie zur Flucht bereit, und stand doch rat- und hilflos da.
Ihre Augen wanderten in der Runde. Plötzlich rissen sie sich weit auf, als sähen sie etwas Unfaßbares. Mit einem Sprunge war Nettchen an dem grauen Bretterwagen, der zur Hälfte unter dem Schuppen, zur Hälfte unter freiem Himmel stand.
Sie riß das Blechschild empor, das mit eisernen Bändern an den Pfosten der äußeren Wagenwänd befestigt war; auf der verbogenen Platte stand in großen Buchstaben:
„Witwe Pilz. Federviehhändlerin".
Witwe Pilz! Die Frau, bei der sie einst gelebt hatte! Nettchen konnte es nicht glauben! Witwe Pilz, die freundliche Markthändlerin, bei der sie ihre Artistenkarriere begonnen hatte! Konnte es möglich sein? Konnte der Zufall, die Fügung des Himmels ihr diese große Ueberraschung zuführen wollen?
Sie lief durch das Gartenland zurück, zum Chäussee- rand, an das kleine baufällige Haus heran, hinter dessen Stacketzaun hervor ab und zu ein verschlafenes Schnattern und Glucksen hervortönte. Dort die kleinen, niedrigen Baracken, das waren die Gänse- und Hühnerställe, diese vielen, im Hofe aufgestapelten, leeren Strohgeflechte mit dem häuschenartigen Aufbau waren die Brutkörbe, die Nettchen so gut kannte!
Sie schlich sich bis an die Hausthür, studierte das kleine Porzellanschild, das dieselbe Firma wie der Wagen nannte, und war nun ganz beruhigt. —
Dann setzte sie sich auf die Thürschwelle, lehnte den Kopf an die Wand und schloß die Augen. —
Heimatsgefühl umgab sie tote eine wohlige, laue Atmosphäre. Nun war sie geborgen, nun brauchte sie nicht mehr auf der Straße umherzuirren. Mutter Pilz würde ihr weiter helfen. —
(Fortsetzung folgt.)
Beim Rechtsanwalt.
Bon Curt Müller.
(Nachdruck verboten.)
Sein Ruf ist weit über die Grenze der Großstadt bis; ins Land hineingedrungen. Er ist berühmt als Rechts-' anwalt und hochgeachtet als Mensch. Seine Eltern ehren und lieben ihn, wie kranke Leute ihren Arzt, der sich in besonders aufopfernder Weise um sie bemüht. Er ist ein scharfer Denker und gewandter, schlagfertiger Redner. Er besitzt Kenntnisse und Erfahrungen, aber, was noch mehr ist, er besitzt ein großes, edles Herz, das empfänglich ist für die Leiden, die Not und den Jammer der Menschen. Das ist allgemein bekannt. Und deshalb ehren ihn alle, Richter, Kollegen und Klienten. Gar manchem Armen, der ihn um Hilfe anflehte, stand er vor Gericht bei. Und er sprach ebenso warm und überzeugend für den Bettler, von dem er nichts nahm, wie für den reichen Bankier, dem er die „standesgemäßesten" Preise machte.
Er sitzt in seinem reich ausgestatteten Sprechzimmer und wühlt in jden hohen Aktenstößen, die vor ihm auf dem Tische liegen, herum. Das ganze Lebentwischen Akten! Er, der blühende, lebenskräftige Mann, 8W ein Herz, das sich nach Liebe sehnt, im Leibe hat! Wohl ward ihm oft Gelegenheit geboten, sich eine Lebensgefährtin zu küren; nur zu oft!1 Aber nie fand fein Herz, was er suchte. Reich waren sie alle, die Damen, doch eines vermißte er an jeder, er wußte es selbst nicht, was. So steht er nun einsam da in der Welt und sucht sein Glück allein hinter staubigen Akten.
Da pocht es. Eine ältere, feingekleidete Dame tritt ein.
„O bitte, nehmen Sie Platz, gnädige Frau! Wie Sie erregt sind!"
'„Ach, mein bester Herr Doktor, ich möchte wahnsinnig werden! — Morgen ist der furchtbare, der schreckliche Tag! Nein, ich erlebe ihn nicht. Morgen um diese Zeit weiß ich vielleicht schon, daß ich ins — Zuchthaus muß!" Laut schluchzend hält sie die Hände vor das Gesicht. Ihr Verteidiger tritt nahe an sie heran und legt die Hand auf ihre Schulter. „So trösten Sie sich doch, gnädige Frau", spricht er mit ruhiger Stimme. „Haben Sie doch Vertrauen zu mir. Ich kann Ihnen mit Bestimmtheit versichern, daß ich Sie frei bekomme. Ihre Sache steht gut, sehr gut!"
Die Dame atmet etwas erleichtert auf.
Die Unglückliche! Niemals war sie mit dem Gesetze in Konflikt geraten. Sie wußte nicht, was Justiz, Richter und Staatsanwalt ist. Sie wußte nur, daß sie ein Gott angenehmes Leben zu führen bestrebt war; daß sie als ehr- und tugendsam von allen geachtet wurde. Aber so manches weiß der beste Staatsbürger nicht, was ihn doch vor Gericht und ins — Zuchthaus bringen kann. Das Gesetz ist verletzt worden von einem, der es gar nicht kennt; und der eine muß dafür büßen. Unkenntnis des Gesetzes schützt nicht vor Strafe. Der unvernünftigste Satz, den menschliche Vernunft ausgeklügelt hat.
Sie ist Witwe. Es ist ihr ganzer Lebenszweck, ihre beiden Kinder zu guten und nützlichen Staatsbürgern zu erziehen. Sie hielt sie stets zur Frömmigkeit und zu einem moralischen Lebenswandel an.
Würden alle Mütter ihre Kinder so streng und rechtlich erziehen wie sie, der Staat könnte sich glücklich preisen und brauchte jenes Buch mit den eisernen Paragraphen, durch deren „gerechte Handhabung" schon manches Familienglück für immer zerstört worden ist, nicht mehr. Sie ist aber auch Mutter und hat den einzigen, aber verzeihlichen Fehler, daß sie für das Wohl ihrer Kinder alles zu opfern bereit ist.
Eines Tages verging sich doch der älteste Sohü gegen die heiligen Gesetze des Staates. Es war nichts schlimmes, was er begangen hatte, aber die Mutter war außer sich.


