Ausgabe 
22.3.1900
 
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anmutigen Produktionen die Stimmung von vornherein freundliche gestaltet hatten, und aufgeregt sah nun ein jeder seiner eigenen Nummer entgegen.

Als Nettchen mit ihrer Schar auf die Bühne trat, schenkte man vor allem ihrer reizenden Erscheinung Anf- merksamkeit, ehe man sich ihren Tieren zuwandte.

Die Darstellung ging gut von statten; die Gänse schienen chhre glücklichsten Momente zu habeu, und der Truthahn war wie von einer Art Frühlingsrausch besessen; ohne jede Aufforderung wiederholte er sein Bravourstück, durch einen brennenden Reifen zu fliegen und dabei sein Rad zu schlagen, unzähligemal.

Da, als Nettchpu sich hochaufatmend eben für den gespendeten Beifall dankend verbeugen wollte, rief jemand aus dem Publikum:

Wo ist der Hahn?"

Alle blickten gespannt auf den Frager und dann in ihr Programm.Es ist wahr", hörte man murmeln,hier steht dochmit einem dressierten Hahn, der eine Pistole abschießt.""

Wo ist der Hahn", hörte man einen zweiten Ruf.

Und irgend ein Radaulustiger setzte hinzu:

Und wo ist die Henne?"

Das Wort schlug ein wie der Blitz. Sofort wurde es wie eine Münze aufgegriffen und flog von Mund zu Mund.

In diesem kleinen Badeort, wo nie die geringste Sensation herrschte, wurde diese an die Freiheiten der groß­städtischen Theater erinnernde Publikumunart als. etwas ganz neues belacht.

Man sah sich nach den Urhebern um, mehreren jungen, gutgekleideten Männern, die alsBerliner" in der bunt zusammengewürfelten Badegesellschast die ihnen gebührende Rolle spielten.

Wo ist der Hahn? Wo ist die Henne?" riefen jetzt auch einige junge Witzköpfe des Ortes.

Das Amüsement stieg. Die Damen lachten so herzlich, daß sie sich die Taschentücher vor die Lippen halten mußten.

Nettchen stand rot auf der Bühne. Sie hörte das Lachen und' Zischeln, und halb besinnungslos vor Er­regung, von ihrem heißen Blut übermannt, vom lauten Gelächter zu blinder Wut fortgerissen, rief sie mit vor Thränen funkelnden Augen in der Richtung nach den Herren:

Der Hahn ist gestorben. Machen Sie, daß Sie aus dem Garten kommen."

Ein Gelächter, so laut, daß es wie ein Windstoß über die Gesellschaft hinfuhr, folgte diesen Wörtern

Wollen Sie gleich hinter die Kulissen kommen", schrie zornbebend der Direktor aus dem Hintergrund hervor in das Toben hinein.

Aber Nettchen reagierte nicht. Ein Bild der wortlosen Erregung, blieb sie, nach Luft ringend, stehen.

Da geschah etwas unerwartetes.

Mr. Seitre, der Jongleur, trat vor. Flüchtig ver­beugte er sich vor dem Publikum, um darauf blitzschnell mit seinen Produktionen zu beginnen. Hin und her schreitend aus der Bühne, erging er sich in einem wahren Feuerwerk von Experimenten, das die Augen aller zur Bewunderung seiner Leistungen zwang.

Nettchen war zur Besinnung erwacht.

Dankbar für den Rückzug, deu ihr der junge Mann ermöglichte, schlich sie sich hinter die Kulissen.

Eiseskühle von allen Seiten empfing sie.

Nur Minja, die sich in eine Ecke verkrochen und jammernd über Halsschmerzen geklagt hatte, trat zu ihr und sagte tröstend:

Weinen Sie nicht! Mama hat man auch schon oft ausgelacht."

Ungerührt von diesem Trost, schlich Nettchen ihrer Kammer zu.

Stumpfsinnig packte sie das Federvieh in den Korb, dem sie eine Luftluke ließ, setzte sich dann auf einen alten Rohrstuhl und begann den Glanz ihrer Verkleidung abzuwerfen.

Grau und zerrissen, wie die Wände in dieser Kammer, schien ihr in diesem Augenblick das Leben.

Sie dachte zurück an den Tag, wo bereits einmal der

Hohn der Menschen sie so schwer getroffen hatte damals, als sie den Luftballon nicht besteigen wollte.

Irgend ein übernatürliches Mißgeschick, ein finsterer Neid der Götter mußte sich an ihre Versen heften, daß er ihre Erfolge trübte und zerriß.

In ihrem stumpfen Brüten wurde sie durch einen wahren Sturm von Stimmen geweckt, die mitBravo"- Dacapo"-Rufen das Haus erschütterten.

Langsam öffnete sie die Thür ihrer Kammer eine Spalte breit.

Mr. Seitre trat aus den Kulissen. Der brausende Beifall verfolgte ihn bis in den Hintergrund dieses Raumes.

Er sah kalt und ruhig aus. Gleichgültig balanzierte er, gleichsam ein zur Angewohnheit gewordenes Spiel fort­setzend, seinen Filzhut und Regenschirm vor sich her.

Nettchen hatte ihr Kleiderpaket ergriffen, trat ans der Garderobe und gesellte sich wie zufällig dem jungen. Manne zu.

Er grüßte flüchtig; ohne sich weiter nach ihr umzu­sehen, schritt er dem Ausgang zu.

Obgleich, er den dunklen Seitenweg des Gartens nahm, wendeten sich doch ein paar Frauenköpfe aus dem Publi­kum nach ihm um.

Das ist der Jongleur!" flüsterte man.

Nettchen hatte sich den Kopfshawl tief übers Gesicht gezogen; niemand erkannte sie, wie sie, vermummt bis über hie Ohren, ein Kleiderbündel im Arm, aus dem Bühnenraum heraustrat. Niemand hätte in dieser flüchtig dahineilenden Frauengestalt den reizenden und in seiner wilden Heftigkeit so amüsanten Pagen von vorher erkannt.

Mr. Seitre schritt eilig durch den Hof und stieg in den grünen Wagen ein.

Es verlangte ihn darnach, für die ersten, ungestörten Minuten nach den Strapazen und dem Trubel des Tages allein zu fein.

Zudem wollte er einen Plan ins Werk setzen, der ihm noch int Laufe des Tages gekommen war.

Ein verächtliches Lächeln schwebte um seine Lippen, als er in die Kammern, Kämmerchen und Ställe blickte.

Er hatte ein Engagement bei Stanioli unter diesen für ihn, den gefeierten Artisten im Grunde beschämenden Umständen neben seinen Geldsorgen nur angenommen, um Gelegenheit zu finden, sich vor dem Auftreten in großen Städten und vor einem weniger anspruchsvollen Publikum, in seiner Sicherheit zu üben.

Aber dieser erste Tag bei der Truppe, in einer Um­gebung, wie er sie seit feinen Kinderjahren nicht mehr gekannt hatte, demütigte ihn.

Er dachte anBauer" in Berlin und dasCafee de la Paix" in Paris, wo er feinem Hange zum Vornehmen folgend, die Mitternachtsstunden zugebracht hatte, während er die Artistenlokale, in die feine Kollegen untertauchten, verschmähte.

Der Abstand zwischen jenem Dasein und dem jetzigen konnte nicht größer sein. Er grübelte über diese Wechsel­fälle einer solchen, stets ans den Zufall gestellten Laufbahn nach, vor feinen Augen erschien eine andere Welt als die seine, ein Funkeln von Gold und wieder Gold fuhr blendend durch seine Träume, und seine Augen weiteten sich und wurden starr.

Nettchen war leise an ihm vorbeigeschlichen. Sie ging in ihre Kammer, legte ihr- Bündel ab, löste ihr Haar und netzte mit frischem Wasser ihr Gesicht. Eine schwere, un­gewohnte Traurigkeit lag über ihrer Seele. Sie öffnete ihr Kammerfenster und lehnte sich weit hinaus.

Wie ein goldenes Horn hing der Mond zwischen flau­migem, flockigem, dunklem Gewölk am Himmel. Ab und zu blitzte aus dem Geflock ein Stern hervor, wie ein glänzender Knops aus unendlich weithin verbreitetem, tiefgefärbtem, wogendem Sammt.

Sanft reckten sich die Linien des nahen Gebirges am Horizont empor, eine Luft, vom Dufte über das ganze Land verbreiteter Nadelwälder förmlich schwer, drang gleich, einer Wolke in den kleinen, schwülen Kammerraum. Rings war die ländliche Welt so still, als habe eine Riesen­tzünd sich! beschwichtigend auf sie niedergelegt; nur aus dem Thale heraus kam ab und zu der nackMehende Klang