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aller Zeiten und Weltteile leicht in allerhand Bewegungen, bei denen nicht nur die Füße beteiligt sind, sondern auch der Oberkörper und die Arme. Diese in einer bestimmten Ordnung vor sich gehenden Bewegungen des menschlichen Körpers iund seiner Teile „lehrten wahrscheinlich den Menschen zuerst, daß er Anlage zum Tanzen habe." Die Tänze der frühesten Zeitalter waren in ihrer ungekünstelten Ursprünglichkeit nichts anderes als unregelmäßige und willkürliche Bewegungen. Die Erfahrung zeigte dann die einschlägigen Regeln, und Geschmack, Genie, überhaupt veredelte Gefühlsstimmungen erhoben schließlich den Tanz als „Ausbruch froher Empfindungen" zu einem, Werke der Kunst. Ein idealer Grundzug in den grotesken Bein- und Armbewegungen, sowie in den wunderlichen, lächerlichen Verdrehungen des Körpers machte sich gewissermaßen erst dann geltend, als man diese seltsamen Aufführungen zu Ehren der Götzen und Götter stattfinden ließ. Wes aber das Herz voll ist, des geht der Mund über, und so kam es, daß man in diese tollen Bewegungen auch allerhand jubelnde Töne mischte, also während des Tanzens auch sang, um voll und ganz „der Freude am Leben" Ausdruck zu verleihen. Tanz und Musik sind auf diese Weise schon frühe miteinander verbunden gewesen, sowohl bei heiteren als auch bei ernsten Gelegenheiten. Während die rohen Naturvölker heute noch singend tanzen, so begleiten hingegen gesittetere Nationen ihre Tänze mit musikalischen .Instrumenten aller Gattungen.
Mit dem allmählichen Bemühen, das Schöne, Edle und Erhabene im Tanzen zu äußern, der Form eine bestimmte Ordnung zu verleihen, wurde der Rhythmus eingeführt, die beruhigende Gleichheit der Bewegungen. Nachdem die im Dienst der Götter stehenden Priester der verschiedenen Völker jene bestrickende Macht erkannten, welche dem Tanze innewohnte, die der musikalische Rhythmus herrisch auf das empfängliche Gemüt der Menschheit ausübte, bestrebten sie sich vollen Eifers, ihn für ihre gottesdienstlichen Zwecke heranzuziehen. Der Erfolg war ein gewaltiger; denn das Volk beteiligte sich jederzeit massenhaft bei solchen religiösen Aufführungen. „Der Tanz, der heutzutage in froher Laune bei geselligen Zusammenkünften von der Jugend geübt wird, galt ursprünglich durchaus nicht als weltliches Vergnügen, sondern bildete bei fast allen Völkern des grauen Altertums einen Teil der religiösen Handlungen zu Ehren der Götter." Die ägyptischen Priester hatten ihre sogenannten Tempeltänze, und die Ebräer ihre religiösen Kreistänze, während die Assyrer, Meder und Perser ihren Götzen Opfertänze weihten.
Diese verschiedenen Tanzweisen waren größtenteils ausdrucksvolle, gemessene Bewegungen. Ihre Charakteristik lag hauptsächstch in der Pantomimik, d. h. im Ge- bärdenspiel, welches zeitweise durch heftige Bewegungen verstärkt wurde und die zufällige Seelenstimmung des Anbetenden ausdrückte. Mit Recht kann man wohl diese religiösen Darstellungen als die Uranfänge unserer heutigen Ballettänze mit ansehen. Besonders viel Gefallen fanden die sogenannten Prozessionstänze bei dem ehemals leicht erregbaren Volke, wie denn überhaupt keine andere der „schönen Künste" ihren geheimnisvollen Zauber so unmittelbar wirken zu lassen vermochte wie gerade die Tanzkunst, weil sie weit mehr als Dichtkunst, Musik und Bildhauerkunst die Mitthätigkeit in Anspruch nimmt, gewissermaßen persönlich sich bethätigt. Im Vordergründe standen zu jeder Zeit stets die heiteren Tänze, denn „da die Natur allen Menschen, so roh und ungebildet sie auch sein mögen, reichliche Gelegenheit zu feierlichen Gemütsäußerungen darbietet, und da es dem natürlichen Menschen weit leichter ist, die Empfindungen seines Herzens durch seinen ganzen Körper als durch ein einzelnes Organ aus- zudrücken, so giebt es kaum ein Volk der Erde, das nicht seine Tänze der Fröhlichkeit hätte."
Bald konnten die Priester nicht mehr verhindern, daß her Tanz allmählich auch bei weltlichen Festen und Vergnügungen in Anwendung gebracht wurde. Sie waren schließlich gezwungen, ihr bisheriges Vorrecht aufzugeben, wenn auch mit vielem Widerstreben. Es entstand nun neben dem gottesdienstlichen Tanz auch der weltliche, jenes unsterbliche Belustigungsmittel, das bei aufgelegten Naturen seine Anziehungskraft nie verliert. Aehnlich wie bei dem zeremoniellen „Singetanz" der Priester hielten sich
auch bei den weltlichen Reigensprüngen der Geschlechter gesondert; es waren diese Tänze anfänglich nur nach gewissen Regeln ausgeführte Massenbewegungen und Aufzüge. Erst das löbliche Bestreben, die eigene körperliche Gewandtheit, Schönheit oder andere äußere Tugenden öffentlich zu zeigen, rief die cheit jüngeren Einzeltänze hervor. Anfänglich waren bei diesem Sonderbemühen viel Zerrbilder und Unnatur zu beobachten; denn ein jeder Teilnehmer suchte den andern an unnatürlichen Bewegungen zu überbieten und gefiel sich in absonderlichen Gliederverzerrungen und lächerlichen Gauklerkunststückchen. Aus diesen eigenartigen' Darstellungen entstanden jene wohlbekannten Narrentänze des buntscheckigen Mittelalters, wie sie hente noch bei Maskenbällen und Faschings- delustigungen an der Mode sind.
Während bei den männlichen Personen vorzugsweise beabsichtigt wurde, beim Tanz Kraft und Geschicklichkeit an den Tag zu legen, so wollte wiederum das zarte Geschlecht der Frauen anmutig und reizend erscheinen, was ebenfalls dnrch die erwähnten Einzeltänze sehr leicht zu ermöglichen war. So glaubten die heidnischen Priester Indiens die göttliche Gnade ihres mit menschlichen Fehlern und Schwächen vermeintlich behafteten Molochs vorzugsweise dann zu erlangen, wenn sie ihm zu Ehren die sinnverwirrendsten Tänze von schönen, üppigen Jungfrauen aufführen ließen. Trotz aller solcher und ähnlicher Ausschreitungen suchte indes der angeborene Schönheitssinn des Menschen immer die edelsten Formbewegungen zu finden. Das innere Gefühl für eine vollendete Plastik erwachte und wurde eine zwingende Lehre, hervorgebracht durchs Ueberfättigung, die immer neue Reize begehrt. Ums Fahr 2000 v. Ehr. soll das sinnliche und entartete Volk der Griechen zu seiner Zerstreuung bei den geräuschvollen Vergnügungen die sogenannten Verschlingungstänze, ausgeführt von Personen beiderlei Geschlechts, erfunden haben. Nun, daran dürfte unter Umständen nicht zu zweifeln sein, doch wollte man in diesen altklassischen Reigen die eigentlichen Anfänge unserer modernen Gesellschaftstänze erblicken, wie kurzsichtige Gelehrte zu thun belieben, so dürfte man leicht irre gehen. Wer möchte z. B. in unserem nationalen Walzer nur die leiseste Aehnlichkeit mit einem Tanze herausklügeln, in welchem sich zwei tolle Menschen in den widernatürlichsten Drehungen und Verschlingungen wie höllische Furien gebärdeten! „Bald Kopf oben, bald Kopf unten, wirbelten die ur geschichtlichen Verschlingungstänzer ihre verrenkten Körper wie ein Kreisel, bald wälzten sie sich wieder in wildem Taumel oder verbissen sich ineinander, berauscht von wahnsinnigen Verzuckungen, kurz, tanzten bis zur völligen Erschöpfung." Man könnte diese Verschlingungstänze, deren Zweck und Ursache darin gipfelte, zuschauenden Personen ein besonderes Vergnügen zu bereiten, eher als Uranfänge des Ballets betrachten. Unsere modernen Salontänze, belebt von der geflügelten Musik talentvoller „Meister der Töne" sind nur da, um den Tanzenden selbst eine Ergötzung zu bereiten; denn der Tanz an und für sich ist schon eine äußere Tugend des Menschen, und als solche können zwecklose Sprünge und lächerliche Gliederverrenkungen keineswegs angesehen werden.
Die gotische Bezeichnung für das Tanzen ist laikan, alt- und mittelhochdeutsch der leich, woraus leichen-hüpfen hervorging. Im althochdeutschen Dialekt bestand aucfy noch dinsan und - danson, welches Wort das Führen, Hin- und Herziehen der Paare auszudrücken schien; denn aus dem Stamme dieser Vokabel ist das romanische danse gebildet, eine Benennung, welche die Deutschen feit dem Ende des 12. Jahrhunderts von den Franzosen wieder zurückgenommen haben. Wenn es in einer mittelalterlichen Predigt heißt: „Die tenzer ziehent und tenent den tanz", so scheint damals, das Hüpfen beim Reigen weniger an der Tagesordnung 'gewesen zu sein. Der eigentliche Begriff einer „Tanzkunst" entwickelte sich erst dann, als man anfing, dem sich bewegenden Körper eine gewisse ästhetische Anmut und Schönheit zu verleihen, eine wohlgefällige Formenschönheit zu zeigen, so daß es gewissermaßen heißen könnte: „Wie sich leis der Kahn auf silberner Flut schaukelte, wie der leichte Rauch, vom Zephyr gewiegt, in die Luft fliegt, so hüpt der gelehrige Fuß auf des Taktes melodischer Wage."


