Ausgabe 
21.10.1900
 
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gekommen, dieses Aeußerste zu verhindern und Frieden zu stiften; an Deinem Vater liegt die Schuld, wenn es mir so kläglich mißlang". .

Die Bitterkeit in seinen letzten Worten schien Mar­garetens töchterliche Empfindungen zu verletzen; denn es klang schon ein wenig trotzig, da fie fragte:Und was hattest Du von ihm erwartet? Was sollte er denn eigentlich thun?" _ t ....

Ich hoffte, daß er zuerst den Weg der Versöhnung beschreiten würde. Mein Vater würde sicherlich alles ver­gessen, wenn der Deine mit der Einstellung der Fernd- seligkeiten den Anfang machte".

Also Du wolltest ihm nichts geringeres zumuten, als daß er einer Versöhnung mit dem Stadtrat seine Ueberzeugung zum Opfer brächte? Und Du konntest nur einen Augenblick glauben, daß er das thun würde er.

?S* weiß nicht, was ich- Dir daraus antworten soll Walther! Ich kann das alles ja kaum verstehen. Weiß ich doch nicht einmal, woraus dieser unglückselige Streit entstanden ist. yeI6er? Es handelt sich um die

Anlage der neuen Wasserleitung, für die mein Vater einen bestimmten Plan entworfen hat, und ine er, wie er sagt, als die Aufgabe seines Lebens betrachtet. Er behauptet, daß der Kampf, welchen fein ehemaliger Freund Ruthardt mit rücksichtsloser Kraft seit einem Jahre gegen diesen Plan führt, einzig ans persönlicher Gehässigkeit entspringt, und er will unter diesen Umstanden alle Beziehungen zwischen unseren Familien gelost wissen. Wahrhaftig, ich bin mit dem redlichen Willen hcerher-

können, wenn all dieser häßliche Groll beseitigt ist, und > ; wenn ich mich nicht mehr verstohlen dahin schleichen muß, I i wohin es mich gerade am allermächtigsten zieht".

Mit einem Ruck hatte Doktor Ruthardt sein Weinglas auf den Tisch niedergesetzt. Zwischen seinen Augenbrauen waren zwei tiefe Falten.

,Es ist ja sehr interessant, was Sie nur da ver­raten, Walther! Verstohlen also haben Sie sich hierher geschlichen vielleicht gar gegen des Herrn Stadtrats ausdrücklichen Befehl?" I

Unschlüssig zauderte der junge Mann einen Augen­blick, dann aber sagte er mit herzlich klingender Offen- I heit:Ich habe kein Recht, Sie zu belügen, verehrter I Herr Doktor! Ja, es ist, wie Sie vermuten. Mein Vater hat es mir zur Pflicht machen wollen, Ihr Haus zu meiden; denn er konnte nicht darüber im Zweifel sein, daß das bestehende Zerwürfnis für mich kein Grund fern I würde. Ihnen und Ihrer Familie fern zu bleiben, eo | verbot er mir schon in 5er Stunde meiner Ankunft, I hierher zu gehen, und Sie werden es verzeihlich finden, I daß ich mich bei seiner Nervosität und Kränklichkeit nicht I gleich in dieser ersten Stunde dazu entschließen konnte, ihm offen den kindlichen Gehorsam zu kündigen. In einem ruhigeren Augenblicke werde ich "

Schon während er sprach, hatte Doktor Ruthardt nach feinem Hute gegriffen; nun fiel er dem jungen Arzt auf I eine sehr bestimmte fast barsche Art in die Rede:Es mag sehr freundlich gewesen sein, daß Sie trotzdem ge­kommen sind ; aber rund heraus gesagt, Walther, der- I artige Halbheiten und Unklarheiten sind nicht nach meuiem Geschmack. So lange Sie unter Ihres Vaters Lache sind, | uni) von Ihres Vaters Gelde leben, haben Sie seinen I Willen zu achten. Ich möchte mir wahrhaftig nicht nach- I sagen lassen, daß ich Sie ermutigt hätte, ihn ZG hinter­gehen. Wir werden uns gegenseitig eine freundliche Ge­sinnung auch wohl bewahren können, ohne uns des öfteren I

Walther Sartorius war blaß geworden. Ruthardts I Erwiderung mußte ihn bis ins innerste Herz getroffen | *a%it anderen Worten, Herr Doktor, Sie schließen sich dem'Verbot meines Vaters an? Auch Sie verweigern mir den Zutritt zu Ihrem Hause?" , !

Wenn es durchaus mit dürren Worten ausgesprochen werden soll ja! Wenn Sie dermaleinst ein freier Mann und durch Ihre Erfahrungen dazu berufen fern werden, aus eigener Ueberzeugung abzuwägen, wo rn diesem Streite Recht und Unrecht gewesen sind, bann mögen Sie mir von neuem willkommen sein, vorausgesetzt, daß ^hr Herz Sie auch dann noch zu mir zieht. Bis dahin mögen Sie getrost auf Ihres Vaters Seite bleiben, ^ch werde deshalb nicht schlechter von Ihnen denken. Guten Morgen!"

Er ging hinaus, und zwischen den beiden Zurück­gebliebenen war es eine geraume Weile totenstill. Wie von Entsetzen gelähmt stand Margarete dem Jugendfreunoe gegenüber. Der aber hatte die Zähne tn ine Unterlippe gegraben und atmete schwer. Erst nach Verlauf von Minuten brach es voll schmerzlicher Bitterkeit aus ihm hervor-Also in aller Form hinausgeworfen! Wahr­haftig, das wäre das letzte gewesen, aus das ich Mich, gefaßt gemacht hätte, als ich hierherkam. Und Demes Vaters Auffassung ist nun auch wohl die Deunge,

Ich sehe allerdings, daß ich mich getäuscht habe, und daß keiner der Streitenden dem anderen an Eigen­sinn etwas nachgiebt".

Margarete warf den Kopf zuruck, und ihre Oberlippe schürzte sich unwillig.Du könntest Deine Ausdrucke immerhin etwas behutsamer wählen. Um einen Mann von der Art meines Vaters so zu kritisieren, muß man doch wohl älter und und reifer fein als Du".

Wieder veränderte der junge Arzt die Farbe.Mag diese Zurechtweisung nun verdient oder unverdient sem, ich werde sie meinem Gedächtnis gut einprägen", sagte er, ohne seine tiefe Gekränktheit zu verbergen.Und ich bitte um Entschuldigung, daß ich noch immer hier bin. Es war wohl ungehörig, so lange in einem Hause zu verweilen, dessen Besitzer mich deutlich genug zum Wetier- gehen ausgefordert hat". , _

Was sollte mein Vater denn anders thun, da Du ihm nichts besseres zu sagen wußtest?"

Besseres? Ich verstehe nicht, wie das gemeint ist,

Wenn Du es nicht verstehst, hätte es auch keinen Zweck, daß ich Dir's zu erklären suche. Mann kann es eben nicht gleichzeitig mit zwei feindlichen Parteien halte^und das ist nun meine Verabschiedung? Du kannst mir nichts Besseres auf den Weg geben, als diese unfreund­liche Wahrheit?" r u

Margarete hatte die Lippen fest aufeinandergepreßt, und ihr Blick war starr an dem Jugendfreunde vorbei auf das Fenster gerichtet. Mit einer Gebärde, die Walther Sartorius für den Ausdruck der Gleichgiltigkeit und Ge- ringschätzung nahm, zuckte sie die Achseln. Da nahm er endlich seinen Hut und wandte sich zum Gehen. Noch in der Thür erwartete er offenbar, daß sie ihn durch ein gütiges Wort zurückhalten würde.

Adieu, Margarete!" sagte er, und es war, obwohl er sich gewiß nach Kräften zusammennahm, ein verräter­isches Beben in seiner Stimme. Aber Doktor Ruthardts Tochter vermied es noch immer, ihn anzusehen, und weil

I ihr Gesicht von ihm abgewendet war, klang ihm die Erwiderung seines Grußes vielleicht noch kälter ins Ohr, als sie wirkliche gemeint war.

Adieu, Walther!" antwortete sie, ohne ftd) zu rühren, und sie verharrte in ihrer Regungslosigkeit auch noch, als die Thür sich längst hinter ihm geschlossen hatte.

I Aber als sie ihn bann ein paar Minuten später draußen auf der Straße dahinschreiten sah, warf sie sich Plötzlich

I in die Sofaecke und drückte laut auffchluchzend ihr gluhen- I des Gesicht in die Hände.

(Fortsetzung folgt.)

Zur Geschichte des Tanzes.

Von F. Kunze.

Nachdruck verboten.

(Allgemeines.)

Siehe, wie schwebenden Schrittes im Wellenschwung sich die Paare drehen! Den Boden berührt kaum der geflügelte Fuß.

(Schiller.)

Ebenso wie die Trauer des Herzens unwillkürlich zu gewissen Gebärden oder körperlichen Bewegungen fuhrt, I so äußert sich auch, die frohe Stimmung bei den Volkern