Ausgabe 
21.10.1900
 
Einzelbild herunterladen

ls

£

M

Mensch hat nichts so eigen, So wohl steht ihm nichts an, Als daß er Treu erzeigen Und Freundschaft üben kann, Wenn er mit seines Gleichen Soll treten in ein Band, Verspricht sich, nicht zu weichen, Mit Herzen, Mund und Hand.

Die Red' ist uns gegeben, Damit wir nicht allein Für uns nur sollen leben, Und fern von Leuten sein. Wir sollen uns befragen Und seh'n auf guten Rat, Das Leid einander klagen, So uns betreten hat. Simon Dach.

(Nachdruck verboten.)

Unter dem Schwerte der Themis.

Roman von Reinhold O r t m a n n.

. (Fortsetzung.)

Dns junge Mädchen schlüpfte hinaus, und als hätte er nur darauf gewartet, daß sie miteinander unter vie^, Augen seien, sagte Dr. Walther Sartorius hastig, wenn auch mit merklich beklommener Stimme:Zu meinem Schmerz ist hier in Waldenberg nicht alles so unverändert geblieben, wie dies Zimmer. Ich mußte in meinem Eltern­hause vernehmen, daß es häßliche Mißverständiüsse ge­geben hat zwischen Ihnen and meinem Vater; daß die alte Freundschaft nicht mehr besteht, der ich seit meiner Knabenzeit so viele glückliche Stunden zu danken hatte".

Wenn Ihr Vater Ihnen das mitgeteilt hat, wird er Ihnen auch gesagt haben, warum es so ist", er­widerte i)er~ Hausherr ruhig.Und Sie werden danach einsehen, daß es am besten ist, nicht viel davon zu reden".

Aber, mein Gott, wenn nicht davon geredet werden soll, kann es doch auch niemals anders werden. Und nichts liegt mir so sehr am Herzen, als der Wunsch, das alte vertraute Verhältnis ivieder hergestellt zu sehen. So wie es jetzig ist, darf es ja unter keinen Umständen bleiben".

Seine Worte klangen sehr herzlich; Doktor Ruthardt aber legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit tiefem Ernst:Es wird wohl so bleiben müssen, lieber Walther; denn wir beide, der Herr Stadtrat Sartorius >

und ich> sind am Ende zu alt, um über solche Dinge hin- iveg zu kommen, wie über ein Knabengezänk. Es giebt Verhältnisse im Leben, mein junger Freund, wo ein ehr­licher Groll hundertmal besser ist, als eine schwächliche Versöhnung".

So ist es wahr, was ich für einen Irrtum meines Vaters, für etwas ganz Unmögliches hielt? Ihre einstige Zuneigung für ihn hat sich wegen jener unglückseligen Meinungsverschiedenheit in Haß und Feindschaft ver­wandelt?"

Haß und Feindschaft?" fragte Doktor Ruthardt be­fremdet.Nein! Ich wüßte nicht, daß ich ihm je etwas Derartiges gezeigt hätte. Meine Gegnerschaft gilt vor allem der Sache, die er vertritt, und die ich für eine schlechte halte. Seine Person kommt erst in zweiter Linie, und sie wäre bei unserem Streit wahrscheinlich ganz aus dem Spiel geblieben, wenn nicht er selber die Sache aus persönliches Gebiet hinübergezogen hätte".

Genau das nämliche ist es, verehrter Herr Doktor, was mein Vater Ihnen zum Vorwurf macht. Und ich bin darum doch wohl berechtigt, von einem Misverständnis Zu sprechen, das sich bei einigem guten Willen aufklären und ausgleichen ließe. Sie kennen den verhängnisvollen Starrsinn meines Vaters und seine leicht gereizte Empfind­lichkeit. Selbst die Erkenntnis begangenen Unrechts würde ihn kaum bestimmen können, den ersten Schritt zur Ver­söhnung zu thun. Aber ich bin gewiß, daß er nicht mit einer Zurückweisung antworten würde, wenn Sie sich ent­schließen könnten, ihm die Hand zum Frieden zu bieten".

Der Herr Stadtrat soll seine verderblichen Pläne aufgeben, und ich werde keine Veranlassung mehr haben ihn zu bekämpfen".

Margarete kam mit dem Wein und den Gläsern zurück so daß Walther verhindert wurde, sogleich! eine Antwort Zu geben. Aber es war in seiner niedergeschlagenen Miene zu lesen, daß er mit dem bisherigen Ergebnis seiner Be­mühungen durchaus nicht zufrieden war.

Auf das Wohl des neuen Doktors und auf eine fruchtbare Zukunft", sagte Ruthardt, als er die Gläser- gefüllt hatte. Er hatte auch! Margarete eins davon zu­geschoben, und die Blicke der beiden jungen Leute ruhten sekundenlang ineinander, während sie sich Bescheid thaten.

Walther Sartorius trank nur ein paar Tropfen, um dann, gegen Ruthardt gewendet, zu antworten:Ich danke Ihnen von Herzen; aber ich möchte dies erste Glas, das ich in der Heimat mit meinem verehrten väterlichen Freunde trinken darf, auf eine glückliche Wiedergeburt der alten, schönen Freundschaft zwischen den Häusern Rut­hardt und Sartorius leeren. Werde ich mich doch der Wiederkehr in meine Vaterstadt erst dann recht freuen