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intb der Wein sie von den Nachwirkungen des ausgestandenen Schreckens vollkommen geheilt hätten, daß sie aber sein freundliches Anerbieten schon deshalb nicht zurückwersen dürfe, weil sie vorhin bei dem tollen Ritt jede Möglichkeit der Orientierung verloren habe.
„Ich wüßte nicht einmal, nach welcher Richtung ich mich wenden muß, und ich gestehe, daß die Erinnerung an mein letztes Abenteuer noch zu frisch ist, um mich schon wieder Sehnsucht nach einem neuen empfinden zu lassen".
„ Wenige Minuten später wurde ihr Brauner vorgeführt. Major Sixtus hob sie in den Sattel, und sie ritten davon, gefolgt von mehreren Husaren, die indessen auf einen Wink ihres Offiziers in ziemlich beträchtlicher Entfernung hinter ihnen blieben.
(Fortsetzung folgt.)
Reisebilder aus China.
Von Wilh. F. Brand.
Nachdruck verboten.
IV.
In Kiautschou.
Welcher Deutsche könnte in unseren Tagen China berühren, ohne daß der Name Kiautschou einen besonderen Reiz auf ihn ausübte! — Es war eine ereignislose, eintönige Fahrt von Shanghai nach unserer deutschen „Pachtung" in China. Nicht ein einziges Fahrzeug war uns auf per ganzen Strecke begegnet, bis sich am Abend des zweiten Tages plötzlich der großartige Anblick einer festlich erleuchteten Szene uns darbot.
Wir waren vor der Kiautschvu-Bucht angelangt und unmittelbar vor uns, noch außerhalb der eigentlichen Bucht, lag das ganze deutsche Kriegsgeschwader, von dem die Beleuchtung ausging; und kaum hatten wir uns vor Anker gelegt, als auf einmal neue Lichter auftauchten und dem ganzen Lichtmeer Leben und Bewegung verliehen. Das ging von den kleinen Dampfpinassen aus, die nun auf einmal von sämtlichen Schiffen abstießen und auf uns zukamen, sich die von uns mitgebrachte Post zu holen. Zugleich nahte nun auch eine Anzahl chinesischer Dschunken, und alsbald wimmelte es auf unserem kleinen Dampfer von deutschen Matrosen und chinesischen Schiffern, eine buntbewegte Szene im Dunkel der Nacht, nur von unseren Schiffslaternen beleuchtet.
Bei Sonnenaufgang bot sich uns ein ganz neues Bild dar. Es war ein klarer Morgen, ziemliche kalt, aber durch eine freundliche Sonne lieblich erheitert und von jenen erwärmenden, prächtigen Lichteffekten übergossen, wie wir sie in südlichen Ländern gewahren und die direkt in — das Herz hineinstrahlen, ein typischer Kiautschpu-Morgen. Und wir erkannten nun leicht und nicht ohne ein erhebendes Gefühl aus eigener Anschauung, wie die deutsche Bucht außer anderen Vorzügen auch! den ausweift, recht malerisch gelegen zu sein.
Der ganze, über das Landschaftsbild von Kiautschou ausgegossene, anheimelnde Hauch, das südliche Kolorit und das Gebilde der steil emporragenden, vielfach zerklüfteten, kahlen Berge erinnerte mich lebhaft an die Höhenzüge des Nils. Die Farbe ist dieselbe, gelbbraun, sandig, sonnenverbrannt, aber hier ist's nicht wirklich Sand, hier ist es ein fruchtbarer Boden. Und kahl und baumlos sind die Berge hier nur infolge der Mißwirtschaft der chinesischen Behörden und der Gedankenlosigkeit der chinesischen Bevölkerung. Und die deutschen Forstleute haben durch reichliche Baumanpflanzungen der ganzen Landschaft bereits ein wesentlich verändertes Aussehen verliehen.
Tsintau liegt auf der kleinen Halbinsel, die sich von Nord ost nach! Südwest in die Kiautschou-Bucht hineinzieht und dieselbe in die Vorderbucht und die eigentliche Bucht teilt. Auf dieser Halbinsel befindet sich auch eine Anzahl chinesischer Forts oder wenigstens Lagerplätze, die mit einem großen Erdwall umgeben, hübsch an geschützten Stellen, gewöhnlich in Vertiefungen errichtet sind, als ob jedes Mal die Msicht zu Grunde gelegen habe, daß dieselben von den umliegenden Höhenzügen aus mit etlichen Kanonen möglichst gründlich bearbeitet werden könnten, wie das bei unserer Besitzergreifung der Küste bei dem geringsten Widerstand auch sicherlich geschehen wäre. Auf
gepflanzt waren die deutschen Geschütze ja bereits an den geeigneten Stätten.
Zwischen dem Dorfe und der eigentlichen Bucht wird die künftige deutsche Stadt errichtet. Südlich davon, am offenen Meere, von zackigen Klippen umrahmt, dürfte das — „Villen-Quartier" erstehen. Auf den Vorgebirgen zu beiden Seiten des Einganges der Bucht sind natürlich: die Hauptbefestigungen angelegt. Nördlich von Tsintau, durch einen Höhenzug davon abgegrenzt, ist der Platz für die Chinesenstadt, und dort in der eigentlichen Bucht, wo hart am Gestade zwei kleine Inseln eben aus dem Wasser emporragen, wird ein Wellenbrecher zum Schutze gegen den widerlichen Nord-Ost-Monsun errichtet und der Hafen angelegt. Ja, was aus Tsintau nicht noch alles werden — kann!
Indessen, wäre es immer noch zu früh von der künftigen Bedeutung Kiautschpus viel Aufsehens machen zu wollen, so kann man doch noch viel weniger behaupten, die daran geknüpften Erwartungen ließen sich nicht erfüllen. Jedenfalls dürfte.es an der ganzen chinesischen Mste keine geeignetere Stätte für einen Hafen geben. Man braucht deshalb ja nun nicht gleich daran zu denken, daß Tsintau bald sogar solche mächtige Handelsplätze wie Shanghai und Hongkong überflügeln wird. Aber wenn wir einmal lediglich die natürliche Beschäffenheit der Hafenplätze als solcher ins Auge fassen, so kommen sie dem deutschen Hafen jedenfalls nicht gleich. Die Einfahrt in denselben ist ganz unabhängig von Ebbe und Flut, leicht und ungefährlich! und kann zu jeder Stunde bei Nacht und bei Tage geschehen. Wir wissen auch, das dem Welthandel noch, fast uneröffnete südliche Schantung ist ein fruchtbares Land. Es werden nicht nur Weizen, Gerste, Bohnen, Hirse, süße Kartoffeln, Obst und ein prächtiger Kohl hier gebaut, sondern der Boden ist auch für Weinbau und Seidenindustrie geeignet. Dazu giebt es reichhaltige Kohlenlager im Innern.
Da tönte plötzlich wüstes Lärmen an mein Ohr! Trommel-Gewirbel! Was ist das? Lauter und lauter! Das sind keine deutschen Trommeln. Jetzt klingt auch das Tam-Tam mit ein. Sind die Chinesen plötzlich im Anzug. Ich eile aus der primitiven Behausung, in die ich mittlerweile vom Dampfer aus übergesiedelt war, ins Freie. Ein mächtiger Bär richtet sich plötzlich vor mir auf und — tanzt, tanzt nach der Musik von Trommeln und Tam-Tam. Und ringsum stehen die Zuschauer in dichtgedrängten Massen. Es ist eine Szene wie aus dem deutschen Jahrmarktsleben. Und wenn ich dann beobachte, wie die Kinder aufjauchzen, und die Alten vergnüglich: dreinschauen, und weiter abseits die Buben sich balgen, die Weiber schwätzen, und die Männer ihr Pfeifchen rauchen — alles ganz wie bei uns —, da fällt es mir wieder und wieder auf, wie doch: die Menfchen überall eben Menschen sind. Die Chinesen mögen die Ausländer nicht lieben. Sie trieben uns gewiß gern alle auf das Meer zurück. Aber was sie insgesamt hoch schätzen, das sind die „Käsch", gleichviel woher sie kommen. Davon haben die „ausländischen Teufel" ja so viel, daß sie auch den Chinesen gern zu verdienen geben. Die Deutschen zahlen gar hohen Lohn. Kann doch ein Mann bei ihnen täglich seine 180 bis 200 Käsch erwerben. So etwas ist in Kiautschou noch nicht dagewesen, denn das sind ungefähr vierzig deutsche Reichspfennige.
Auf dem freien Platze, wo der Bär tanzt, steht der alte Tempel von Tsintau. Welch ein Gegensatz! Hier das an die Heimat erinnernde Jahrmarkts-Bild, dicht daneben der altertümliche Tempel mit seinen Götzenbildern, wahrhaften Schreckgespenstern, mit seinem alten, so entsetzlich schmutzigen Priester und dem noch älteren und noch schmutzigeren, fast ganz erblindeten „Hohenpriester". Eine trübselige Stimmung überkommt uns plötzlich wieder bei dem Gedanken, auf welcher niedrigen Stufe der Mltur doch die Nation stehen muß, die solche Tempel mit solchen Götzen und solchen Priestern aufweist. Und doch! — wiederum ein merkwürdiger Gegensatz — was für Räume sind das dort, die sich auf dem Tempelhof befinden und zu denk Tempel selbst gehören? Es sind die „Fremdenzimmer", wo jeder Reisende unentgeltlich ein Unterkommen findet. Wohl sind sie dürftig und schmutzig, und der Gedanke, diese allerdings recht freundlich und wohlwollend dreinschauenden.


