470
Sixtus lächelte, doch seine Augen blickten dabei traurig wie zuvor. „Dafür, daß es nicht völlig zwecklos ist, haben Sie ja soeben einen kleinen Beweis erhalten, Fräulein von Marschall! Ohne den Zufall unserer Anwesenheit wäre es Ihnen Wohl kaum gelungen, sich von den verwilderten Pferden zu befreien, deren Begegnung, wie ich und verschiedene meiner Leute aus eigener Erfahrung wissen, einem einzelnen Reiter nur zu leicht verhängnisvoll werden kann. Nehmen Sie also immerhin an, daß es unsere Aufgabe sei, solche Unglücksfälle nach! Kräften zu verhüten. Sie werden daraus zugleich erkennen, daß wir nur unsere dienstlichen Obliegenheiten erfüllen und keinerlei Anspruch haben auf einen besonderen Dank".
Wäre nicht ein so bitter-ernster Klang in seinen Worten gewesen, würde Elisabeth ohne Zweifel geglaubt haben, daß er sich über sie und ihre Frage lustig machen wolle. Immerhin mußte eine Antwort, die keinesfalls der Wahrheit entsprechen konnte, sie verletzen und ihr die Lippen verschließen. Als vb er dies selbst empfände und das begangene Ungeschick nach Möglichkeit wieder gut machen wolle, zeigte sich der Major von diesem Augenblick an gesprächiger und aufmerksamer als bisher. Er reichte ihr den Arm und führte sie zu dem Platz vor dem Block- Hause, wo auf die denkbar einfachste Weise aus eingerammten Pfählen und darüber gelegten Brettern eine Bank und ein Tisch hergestellt waren.
„Das ist bis auf weiteres mein Empfangssalon", sagte er. „An schwellenden Polstern und weichen Teppichen leidet er freilich empfindlichen Mangel, schöneren Wandschmuck aber und einen herrlicheren Plafond —" dabei deutete er auf den umgebenden Wald und den in wolkenloser Bläue leuchtenden Himmel — „haben wohl selbst des Königs Prunkgemächer schwerlich aufzuweisen".
Er lud sie zum Niedersitzen ein und richtete an einen der Soldaten, der augenscheinlich, bei ihm die Funktionen eines Dieners versah, einige befehlende Worte. Der Mann ging in das Blockhaus und brachte aus dem Innern desselben nach und nach alle Bestandteile eines richtigen Jägerfrühstücks zum Vorschein, kalte, hartgesottene Eier, den Rest einer am Spieß gebratenen Hirschkeule und einen mächtigen Laib groben schwarzen Brotes. Eine Korbflasche und zwei kleine silberne Becher machten den Beschluß der auf der roh gezimmerten Tafel erscheinenden Herrlichkeiten. Den Luxus eines Tischtuches freilich schien man hier nicht zu kennen, und statt der Schüsseln und Teller gab es lediglich kleine Holzplatten, die bei ihrer Sauberkeit indessen kaum weniger appetitlich waren. Das einzige vorhandene Besteck legte der aufwartende Husar neben den Holzteller Elisabeths, um sich dann auf einen Wink des Majors zu seinen Kameraden zurückzuziehen.
„Mit Ihrer Erlaubnis, mein gnädiges Fräulein", sagte Sixtus, indem er ein saftiges Stück von dem Braten herabschnitt und es seinem schönen Gaste vorlegte. „Als die Tochter eines Soldaten werden Sie hoffentlich keinen Anstoß nehmen an dieser formlosen Art der Bewirtung".
Er füllte die beiden Becher und reichte ihr mit artiger Verbeugung den ihren. Ehe sie ihn an die Lippen setzte, fragte Elisabeth: „Ohne Ihnen durch meine Neugier lästig fallen zu wollen, Herr Major — gedenken Sie noch längere Zeit in dieser Gegend zu bleiben?"
Er zuckte die Achseln und erwiderte, ohne sie dabei anzusehen: „Das hängt zum Teil von Umständen ab, über die ich nicht gebieten kann. Da ich aber unter meinen Leuten einige schwer transportable Fieberkranke habe, möchte ich im Interesse dieser armen Burschen allerdings wünschen, daß ich noch nicht gar zu bald von hier aufbrechen muß".
„Auf gute Nachbarschaft denn!" sagte sie, ihren Becher erhebend. „Bin ich heute Ihr Gast, dürfen Sie mir's nicht verweigern, morgen und an manchen folgenden Tagen der meinige zu sein".
Er that ihr Bescheid, ohne indessen anders als durch eine Verneigung zu antworten. Dann, wie wenn er so rasch als möglich über ihre Einladung hinweggehen wollte, begann er von ihrem Vater zu sprechen, dem er offenbar noch immer eine sehr warme Verehrung bewahrte. Er war über alle Umstände seines heldenhaften Todes genau
unterrichtet, und konnte Elisabeth sogar manches erzählen, das ihr selbst bis dahin unbekannt geblieben war. Auf die natürlichste Art von der Welt brachten ihre hier und da eingeworsenen Fragen ihn dann dahin, von seinen eigenen Kriegserlebnissen zu sprechen, und die Erinnerung an die großen Ereignisse, deren Zeuge er gewesen war, ließ allgemach den schmerzlichen Ernst aus feinen Zügen und die tiefe Traurigkeit aus seinen Augen verschwinden. Er war weit entfernt, seine Verdienste in besonders glänzende Beleuchtung zu rüden; aber als er sich einmal zu ihr herüberneigte, um ihren Becher aufs neue mit Wein zu füllen, sah sie — halb unter der Uniform versteckt — an seinem Halse das wohlbekannte achtspitzige Kreuz des Ordens pour le merite, das König Friedrich nur für besonders hervorragende militärische Leistungen oder außergewöhnlich tapfere Thaten zu verleihen pflegte.
Während er von den ruhmreichen Schlachten und noch mehr von manchem tollkühnen Handstreich erzählte, an dem er mit seinem Korps beteiligt gewesen, war sein Wesen fast wieder von derselben Heiterkeit und Frische, die ihm dereinst ihr Herz gewonnen hatte, und so wurde Elisabeth doch zuletzt ihrem vorhin gefaßten Vorsatz untreu, keine neugierige Frage mehr an ihn zu richten.
„Ich will mich gewiß nicht vorwitzig in militärische Geheimnisse drängen, Herr Major, aber ich möchte doch gern erfahren, ob dienstliche Interessen es wirklich unumgänglich notwendig machen, daß Sre mit Ihren Leuten unter freiem Himmel lagern, während sich ganz in der Nähe, zum Beispiel auf Lasdehnen, leicht genug Unterkunft für Mannschaften und Pferde schaffen ließe".
So merkwürdig schnell verflog bei ihren Worten alle Munterkeit aus seinem Benehmen, daß sie sich int stillen verwundert fragte, durch welche Ungeschicklichkeit sie den jähen Wandel wohl verschuldet haben möge.
Er zögerte zu antworten, dann aber erhob er mit einer stolzen Bewegung den Kopf und sagte freimütig: „Das gnädige Fräulein befinden sich da in einem Irrtum, den ich nicht länger bestehen lassen darf, ohne geradezu zum Lügner zu werden. Meine Leute und ich haben hier keinerlei dienstliche Interessen wahrzunehmen; denn wir sind nicht, wie Sie ohne Zweifel glauben, Soldaten Seiner Majestät des Königs von Preußen. Das Freikorps, dem wir angehörten, ist seit mehr als Jahresfrist durch königliche Ordre aufgelöst".
Elisabeth war von dieser Mitteilung aufs äußerste überrascht, und in der ersten Betroffenheit entschlüpfte ihr die etwas unvorsichtige Frage: „Aber wenn es sich so verhält, Herr Major, als was sonst sind Sie denn hier?" Sixtus leerte den Rest seines Bechers und stand auf. „Sie sollten mir die Antwort darauf erlassen, mein gnädiges Fräulein", sagte er düster. „Unsere Begegnung ist wie ein letzter Sonnenblick in mein dunkles Dasein gefallen, und ich wäre glückliche gewesen, wenn ich während des karg bemessenen Restes meiner irdischen Laufbahn ohne ein Gefühl der Beschämung an Sie hätte zurückdenken können. Sie wollen mich jetzt daran hindern, indem Sie mich zu einer Auskunft nötigen, die mir unter allen Umständen Ihre Verachtung eintragen muß".
„Meine Verachtung? Nimmermehr!" rief das junge Mädchen im Tone einer unerschütterlichen Ueberzeuguug. „Ich weiß wohl, daß ich kein Recht auf Ihr Vertrauen habe; aber ich weiß auch, daß nichts, was Sie mir sagen können, meine Achtung und meine Dankbarkeit zu verringern vermöchte".
Sixtus atmete schwer. Sie sah, wie ihm unter der dunkel gebräunten Haut das Blut zum Gesicht gestiegen war. Klopfenden Herzens harrte sie aus seine Entgegnung, die lange, fast unerträglich lange auf sich! warten lieh.
„Wohl, Fräulein von Marschall — mögen Sie es denn aus meinem Munde erfahren, was Sie über kurz über lang ja doch von den anderen hören würden. Wer ich denke, paß Sie vor allem den Wunsch haben, nach Lasdehnen zurückzukehren, ehe man sich dort wegen Ihres langen Ausbleibens ängstigt. Wenn Sie sich bereits stark genug fühlen, wieder in den Sattel zu steigen, werde ich Sie mit Ihrer Erlaubnis ein Stück Weges geleiten".
Elisabeth durfte ihm natürlich nicht sagen, wie gern sie diesen Augenblick der Trennung noch recht lange hinausgeschoben hätte. Sie versicherte ihm also, daß die Ruhe


