Ausgabe 
21.8.1900
 
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(Nachdruck verboten.)

Geächtet.

Roman von Lothar Brenkendorf.

(Fortsetzung.)

Elisabeth wäre am liebsten in Thränen ausgebrochen, so Weh that ihr die kühle Fremdheit in seinem Wesen. Für sie war ja das Wiedersehn das größte, das herrlichste Ereignis ihres Lebens eine Befreiung von jahrelanger Gewissensqual, ein Wunder, wie es selbst ihre kühnsten Wünsche seit langem nicht mehr zu erhoffen gewagt. Sie würde laut aufgejubelt, würde demWieder- gesundenen, der ja in ihren Augen ein vom Tode Erstan­dener war, voll überströmender Herzensfreude ihre beiden Hände dargereicht haben, wenn in seinen Worten oder in seinen Mienxn auch nur das kleinste Zeichnen gewesen wäre, daß er ihre Empfindungen teile. Statt dessen aber hatte er sie begrüßt, wie irgend eine gleichgiltige Bekanntschaft aus vergangenen Tagen, ohne Groll und ohne Herzlichkeit, iit jenen tadellos höflichen Formen, die ihm durch seine Er­ziehung vorgeschrieben waren. Ihre Dankbarkeit gegen das Geschick, das ihn am Leben erhalten, und sie so vor der schwersten Schuld bewahrt hatte, war zwar dadurch nicht geringer geworden; die schmerzliche Enttäuschung jedoch träufelte einen gar bitteren Tropfen in den Becher ihrer Freude.

Mit einem leise gesprochenen Dankeswort hatte sie das Anerbieten des Majors angenommen, und nun ritt er im vorsichtigsten Schritt an ihrer Seite, immer darauf bedacht, ihr sofort Beistand leisten zu können, falls sie unterwegs von einer Schwäche befallen würde. Sein Gesicht, das in diesen acht Jahren noch edler und männ­licher geworden war, hatte einen tief bekümmerten Aus­druck angenommen, und als sie einmal scheu zu ihm aufsah, glaubte sie in seinen Augen eine beinahe düstere Traurigkeit zu lesen. Sie wagte nicht, eine Frage an ihn zu richten, obwohl sie sich vergebens den Kops dar­über zerbrach, wie er mit seinen Soldaten gerade hierher gekommen sein möge. Denn hier gab es ihrer Ansicht nach für eine Militärabteilung nicht das geringste zu thun, und sie begriff nicht einmal, wo die vielen Leute mit ihren Pferden Unterkunft gefunden haben konnten.

as beste Lebensregiment

Ist, wo Gefühl die Seele schwellt Und die Vernunft das Ruder hält.

Senme.

Da ihre von Minute zu Minute wachsende Befangenheit ihr verbot, dem Blick des schweigsamen Begleiters allzu oft zu begegnen, wandte sie sich wiederholt nach den Husaren zurück, die ihnen in geringer Entfernung folgten. Dabei machte sie erst jetzt die Wahrnehmung, daß die Uniformen der Leute Abzeichen trugen, wie sie solche nie zuvor gesehen hatte, und daß sie überdies abgetragen, geflickt und ver­blichen waren. Nur der Umstand, daß sich die Pferde durchweg in vorzüglichster Verfassung befanden, und daß die Reiter ausgezeichnet im Sattel saßen, konnte der kleinen Truppe auf den ersten Blick ein leidliches Ansehen geben; bei näherer Betrachtung erschien sie verwahrlost und ab­gerissen, wie es sonst nur in Kriegszeiten erklärlich ist.

Ter stumme Ritt führte eine kurze Strecke durch den Wald, welcher der jungen Herrin von Lasdehnen hier besonders dicht und verwildert vorkam, und endete nach etwa zehn Minuten an einer Lichtung, deren Anblick sie in neues Erstaunen versetzte. Tenn nichts hatte sie so wenig erwartet, als hier, inmitten der einsamen, schwer zugänglichen Wildnis, ein richtiges Feldlager im kleinen anzutreffen. Eine Anzahl Hütten, deren Wände aus Tannenzweigen geflochten waren, ein paar Feuerstellen, über denen unter der Aufsicht anderer Husaren mächtige Fleischstücke brieten oder dampfende Kessel hingen, und ein etwas größeres, aus unbehauenen Baumstämmen roh zusammengeschlagenes Blockhaus inmitten des Platzes gaben der ganzen Szenerie durchaus den Charakter eines Biwaks, deren Elisabeth während der unruhigen Kriegs­jahre genug gesehen hatte.

Einer der im Lager zurückgebliebenen Soldaten eilte sofort herzu, um das Pferd des Majors zu halten, während Sixtus sich mit der Gewandtheit und Elastizität eines Jünglings aus dem Sattel schwang. Ein anderer wollte Elisabeth, die von allen mit offenkundigem Er­staunen betrachtet wurde, beim Absteigen behilflich sein; der Offizier aber schob ihn beiseite, um mit starken Armen seinen jungen Gast selbst aus dem Bügel zu heben.

Sie sehen, mein Fräulein, daß es nur der Gastlich­keit rauher Krieger ist, die ich Ihnen hier erweisen kann", sagte er mit einem Anflug von Selbstironie.Ich würde es unter anderen Verhältnissen sicherlich nicht gewagt haben, sie Ihnen anzubieten; jetzt aber muß mir wohl die alte Wahrheit zur Entschuldigung dienen, daß nur ein Schelm mehr giebt, als er hat".

Elisabeth war' froh, daß er wenigstens endlich das lange, bedrückte Schweigen gebrochen hatte, und seine Worte gaben ihr den Mut zu einer Frage:

Hat Ihr Verweilen in dieser Gegend einen be­sonderen Zweck, Herr Major, daß Sie genötigt sind, wie bei einem Feldzuge mit Ihren Leuten im Freien zu kampieren?"