Ausgabe 
21.7.1900
 
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die in derselben Kleidung vom Eisenwarenhändler oft genug gesehen und widerholt als Kundin von ihm bedient worden war.

Frau Bruscher selbst kaufte in einem entlegenen Stadt­teile einen iganz gleichen Hammer, den sie am Vorabende des Mordes unter Konstanzes Weißzeug legte, nachdem sie ihn vorher naß gemacht hatte, -sodaß es den Anschein ge­winne« mußte, als sei nach vollbrachter That das Blut abgewaschen worden. Sie hatte ihren Neffen mit einem Entreeschlüssel versehen, damit er unbemerkt in die Woh­nung gelangen konnte, und unmittelbar vor ihrer Abreise hatte sie die auf den Korridor führende Thür des Em- psaugssalons aufgeriegelt, wodurch dem Mörder der Weg in das Schlafkabinett seines Opfers freigelegt war, ohne daß er erst durch den Sammlungssaal gehen mußte, wo Konstanze ihn vielleicht hätte hören können.

Die grausige That gelang, nur durch den nicht abgegebenen Brief an das Dienstmädchen Resi und die Folgen der verspäteten Bestellung sowie durch den Spür­sinn des Detektivs sollte zuletzt das schlau gesponnene Jn- triguengewebe zerrissen werden, nachdem der Gerichtshof bereits sein Urteil über die unglückliche Konstanze Herbronn gefällt hate, deren Schuld die vielbelesene Frau Bruscher glaubhafter zu machen wußte, indem sie das junge Mäd­chen zur hochgradigen Epileptikerin stempelte.

Zwischen Tante und Neffen war verabredet worden, daß der letztere nach verübter That eine größere Summe erhalten und sich nach Amerika begeben sollte. Er mochte die Absicht der Tante, ihn los zu werden, Wohl durch­schaut haben, und da er wahrscheinlich im Sinne hatte, die reiche Erbin nach Möglichkeit auszupressen, so blieb er im Lande. Frau Bruscher erwarb die gerade zum Verkauf ausgebotene SägeMühle für ihn, vermutliche um ihn in ein gut fundiertes Geschäft zu setzen, welches seine geregelte Thätigkeit in Anspruch nahm und ihn von einem gefähr­lichen Müßiggänge fernhielt.

An jenem Abende, wo das Verbrecherpaar in der Mühle den Plan zur Beseitigung des Detektivs flüsternd besprach, war zugleich auch Wippachs Tod beschlossen wor­den. War es schon unbequem, daß er um Bruschers Namensfälschung wußte, so wäre es im höchsten Grade bedenklich gewesen, ihn in das Komplott gegen Allram ein- zuweihen. Der Hauptgrund war jedoch ein anderer. Wip- pach selbst sollte gewissermaßen das gegen den Detektiv geplante Verbrechen decken und mit diesem zugleich ins Wasser gestürzt werden, damit sich die Sache so darstellte, als seien beide während der Ueberfahrt verunglückt, was bei der bekannten Trunksucht des Fährmanns durchaus glaubhaft erschienen wäre. Das Fährboot hatte Bruschjer dann leer den Strom hinabtreiben lassen wollen.

Frau Bruscher leugnete dem Untersuchungsrichter gegenüber jede Mitschuld an dem Verbrechen ihres Neffen. Als ihr defsen Geständnis vorgehalten wurde, schien ihr alles Blut aus dem Antlitz gewichen, und ihr Aussehen glich dem einer Leiche, aber über ihren Mund kam kein Wort mehr. Am anderen Morgen fand man sie tot in ihrem Gefängnisse. Die ärztliche Untersuchung stellte eine Ver­giftung durch Cyankali fest. Sie hatte das dem Detektiv zugedachte Pülverchen leicht zu verbergen gewußt und es selbst eingenommen.

Gleich nach ihrer Inhaftnahme war in ihrer Wohnung in Berlin eine gründliche Haussuchung vorgenommen wor­den, weil man Briefe von ihrem Neffen zu finden hoffte. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht, dagegen fand man einen Brief Herbronns, der an seine Tochter Konstanze gerichtet war. Er schilderte ihr darin seine geschäftlichen Unglücks­fälle und seine hoffnungslose Lage, welche ihn zu dem verzweifelten Schritte eines Selbstmordes dränge. Nur Konstanze könne ihn davor bewahren. In jebein ihrer Briefe an die verstorbene Mutter habe sie die teilnahms­volle, ja väterliche Güte gerühmt, die Georgi ihr erweise ein warmes Wort der Fürbitte an den edlen Mann werde gewiß einem Verzweifelnden, der Konstanzen so nahe stehe, Hilfe und Rettung bringen.

Dieser Brief war niemals in Konstanzes Hände ge­langt und der unglückliche Schreiber desselben, der ver­gebens auf eine Antwort wartete, war in bitterer Ver­kennung seiner Pflegetochter, von der er sich verlassen und vergessen glauben mußte, aus dem Leben geschieden.

Offenbar hatte Frau Bruscher den Brief unterschlagen, und mit welchem Erfolge sie die Kenntnis seines Inhalts gegen die Angeklagte zu benutzen verstand, wie sie ihr eine tiefe, bis zur tätlichen Rachsucht gehende Verstimmung gegen den Professor anzudichten wußte, welcher die Bitte seiner Vor­leserin abgewiesen haben sollte, dürfte dem Leser noch erinnerlich sein.

Alles hatte jene hinterlistige, von Habsucht und Geld­gier geleitete Frau aufs genaueste berechnet, um den Mord auf Konstanzes unschuldiges Haupt zu wälzen. Nur ein einziges Moment war vorhanden, darin sie sich dem Zufalle anvertraute: daß nämlich der verdächtige Hammer bei Kon­stanze gefunden und zu deren erstem Ankläger werde. Das Blut an Konstanzes Hand war das Eintreten dieses außer aller Berechnung liegenden Zufalles, indem es zur Durchi- suchung ihrer Sachen führte.

Abermals kam nun der Mordprozeß vor dem Schwur­gerichte zur Verhandlung. Wider Erwarten war Bruscher von seiner schweren Verwundung wieder genesen, sodaß er persönlich vorgeführt werden konnte. Auch Konstanze Her­bronn war eben erst von schwerem Krankenlager erstanden. Nach ihrem mißglückten Fluchtversuche hatte sie wochen­lang zwischen Leben und Tod geschwebt, aber ihre Jugend unb ihre elastische Natur, besonders jedoch bie Kunst und Pflege ihres Arztes Doktor Gerth hatten sie dem Tobe entrissen. Freilich; trug sie bie Spüren all ihrer Seelen­leiben unb der kaum überwundenen Krankheit an sich,, und wer sie bei der ersten Verhandlung- des Prozesses gesehen, der kannte das schöne junge Mädchen kaum wieder, dessen gebrochene Haltung und tief schwermütiger Gesichtsaus- druck eine furchtbare Leidensgeschichte erzählten. Durfte sie auch sicher sein, daß sie, von ^Schuld entlastet und gereinigt, diesen Saal verlassen werde, so fühlte sie sich doch von einer entsetzlichen Angst bedrückt, denn wie ein Damoklesschwert schwebte die Möglichkeit über ihr, es könne im Laufe der Verhandlung zu Tage kommen, daß Georgi ihr Vater gewesen sei, und der Fehltritt ihrer Mutter könne sich ent­schleiern, für welche sie alle die Leiden einer unschuldig Verurteilten ertragen hatte. Aber Frau Bruscher hatte jenes Geheimnis mit ins Grab genommen.

Dem Leben wieder zurückgegeben, klammerte sich Bruscher von neuem an dieses an und widerrief seine Ge­ständnisse, aber er selbst hatte seine Schuld zu klar bewiesen, und mit finsterer Ergebung vernahm er sein Todesurteil.

Konstanze Herbronn wurde freigesprochen. Fast Ueber- menschliches hatte sie ausgestanden, aber in der finsteren Nacht der Leiden war ihr der Stern erschienen, dessen freundliches Licht von nun an ihr Leben verklärte:, sie ward von Gerth als Gattin heimgeführt.

Der Irrenarzt schied für immer aus St- Rochus und reiste mit seiner jungen Frau nach Italien.

Als Beide nach Jahr und Tag von dort zurückkehrten und in Konstanz den Dampfer verließen, -der sie von Bre­genz über den blauen Bodensee gebracht hatte, trafen sie im Gedränge der Reisenden, welche das schon wieder zur Rückfahrt sich rüstende Schiff bestiegen, unerwartet einen alten, lieben Bekannten. Es war Titus Allram. Kon­stanzes Anblick überraschte ihn, so schön war sie im Süden von neuem erblüht. Er wünschte dem jungen Paare, wel­ches ihm eine unbgglrenzte Dankbarkeit bewahrte, Glück und Segen. Wie gern hätten, beide einige Stunden mit ihm verplaudert! Aber er hatte leider große Eile und durfte den Abgang des Dampfers nicht versäumen. Wie es schien, befand sich der Unermüdliche wieder auf irgend einer Fährte.

Chinas Staatsverfaffung.

Nachdruck verboten.

Die gegenwärtige politische Lage giebt uns leider Ver­anlassung, uns eingehender mit China zu beschäftigen, und so dürfte es jedermann interessieren, auch über die Staats-Verfassung und Verwaltung deshimmlischen Reiches" etwas Näheres zu erfahren.

An der Spitze des chinesischen Staates steht unter regu­lären Verhältnissen der Kaiser,der Sohn des Himmels", der abgöttische Verehrung genießt und unumschränkte Ge-