Ausgabe 
21.7.1900
 
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(Nachdruck verboten.)

Die Irre von Sankt Rochus.

Kriminalroman von Gustav Höcker.

Schluß.

Der geheimnisvolle Gast des Lindenhofs wurde lauf seinem gewohnten Spaziergange im Garten von dem Kri­minalkommissar und seinen Leuten ergriffen. In der That ergab es sich, daß er der bankerotte Bankier Ludwig Sexauer war, an dessen Einbringung seinen zahlreichen Gläubigern so viel lag. Wie sich herausstellte, war die Frau des Lindenhofpächters Sexauers Schwester. Er hatte seiner auffallenden, im Steckbrief genau angegebenen äußeren Merkmale wegen nicht gewagt, sich aus längerer Eisenbahnreise der Gefahr einer Erkennung auszusetzen, sondern es vorgezogen, sich im Liudenhofe so lange ver­borgen zu halten, bis einiges Gras über die Sache ge­wachsen sein werde, um dann mit größerer Sicherheit feine Flucht ins Ausland fortzufetzen. Inzwischen hatten seine Verwandten Has Gerücht von seiner Anwesenheit in Kairo zu verbreiten und ausrecht zu erhalten gewußt und darin größeres Geschick bekundet, als in der Verbergung ihres Schützlings, der sichl zudem in seinem Exile zu mancherlei Unvorsichtigkeiten hatte verleiten lassen.

§err Titus Allram hatte an diesem Abende somit einen Doppelfang gemacht, wenn er sicht.auch in dem Sexauerschm Falle die Hande der Kriminalpolizei dazu lieh. Auf seine Veranlassung wurde Frau Bruscher sofort verhaftet, ihr schwer verwundeter Neffe ins Spital gebracht. Die aus dichter Nähe auf ihn abgefeuerte Revolverkugel hatte, nahe am Herzen vorbeigehend, die Lunge gestreift und bei der siebenten Rippe den Körper wieder verlassen. An fernem Wiederaufkommen zweifelten die Aerzte, und er selbst hielt seinen Tod für gewiß. So legte er denn ein rückhaltloses Geständnis ab, denn, selbst wenn er mit dem Leben davon- kam, war ihm doch die Strafe für die Ertränkung dev, Fährmanns sicher, da diese That in der Person UllraiM' einen nnanfechtbaben Zeugen gehabt hatte, hierzu tmn noch seine Furcht vor der Schlauheit seiner Tante, welche sicher kein Mittel unversucht lassen würde, sich aus der Schlinge zu ziehen, um ihm allein alle Schuld auszuburden.

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icht eine Münze von allgilt'gem Wert

Ist unser Glück, nach dem wir alle jagen: Jedwedem ward das Hoheitsrecht beschert,

Des eignen Glückes Münze sich zu schlagen.

Julius Lohmeyer.

Dahin deutete er auch- ihre Beteuerung, daß nie das Henker­beil ihren Hals berühren werde, obgleich dieses Wort in einem ganz anderen Sinne gemeint war.

'In seiner kommissarischen Vernehmung durch einen hierzu beauftragten Richter, welcher mit Protokollführer und Zeugen am Krankenbette erschien, machte Bruscher folgende Aussagen:

Der Zufall hatte es gewollt, dast er als Angestellten der PrivatpoftMerkur" die Tour bekam, in deren Straßennetz das Haus des Professors Georgi lag. Seine Tante, die gewöhnlich! die Briese in Empfang nahm, be­trachtete und behandelte ihn als vollständig Fremden, bis fie feiner zur Ermordung Georgis bedurfte. Da vertraute sie ihm an, daß fie des Professors Universalerbin sei, daß ihre Erbschaft aber auf dem Spiele stände, wenn der Pro­fessor nicht beseitigt werde, ehe er Zeit finde, ein neues Testament zu machen. Sie hatte ihren Neffen schon vorher eingeschüchtert, indem sie ihn an seine früheren Gefängnis­strafen erinnerte, die ihn jedenfalls die Stelle kosten wür­den, wenn seine Chefs davon erführen; sie war auch da­hintergekommen, daß er sich Grotjan nannte, und hielt ihm die Folgen vor, wenn seine Namensfälschung zur Kenntnis! der Polizei gelangte. Sie hatte ihn also in ihrer Hand, und da sie ihm einen Anteil an der Erbschaft versprach, wenn er ihr dieselbe durch die Ermordung Georgis rettete, so entschloß er sich! zu der blutigen That. Zur Ausführung derselben wurde der Tag bestimmt, an.welchem das Dienst­mädchen Resi während der ersten Morgenstunden durch Wäschemangeln außer dem Hause beschäftigt war, welches! Bruscher als Briesträger unauffällig betreten und verlassen konnte. Frau Bruscher selbst erfand für sich einen; ge­schickten Vorwand zu einer Reise, durch welche sie ihre Ab­wesenheit während der kritischen Zeit nachweisen konnte. Die Schuld sollte auf Konstanze Herbronn abgelenkt wer­den, die zu jener Stunde mit dem Professor allein zu Hause war. Ein paar Tage vorher wußte Frau Bruscher sich die Kleider zu verschaffen, in denen Konstanze auszu­gehen pflegte, und diese Kleider legte sie mit aller Sorgfalt ihrem Neffen an. Seine schlanke Gestalt, fein schwarzes Haar, seine dunklen Augen, seine ziemlich kleinen Hände, die in den Glaceehandschuhen leicht sür Dameiihände gelten konnten, kamen der Täuschung sehr zu statten. In dieser Verkleidung kaufte Bruscher bei dem benachbarten Eisen- warenhäudler den Hammer, mit welchem er später die That ausführte. Der dichte Schleier, welcher das Antlitz verhüllte, verhinderte ein schärferes Unterscheiden der Ge­sichtszüge, hierzu war auch! die Dämmerungsstunde gut gewählt; das vorgebliche Zahnweh und das vor den Mund gehaltene Taschentuch rechtfertigten das leise, nur ans das Notwendigste beschränkte Sprechen. So wurde denn Bruscher während der kurzen Augenblicke, die -er im Laden verweilte, für die Vorleleserin des Professors gehalten,