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wohl .auch nichts besseres thun, als sich eine so zuverlässige Frau zu erhalten; denn er war sehr leidend, und wer weiß, ob er wieder eine Wirtschafterin gefunden hätte, bei der er so gut aufgehoben gewesen wäre."
„Natürlich, ganz natürlich!" nickte der Detektiv, der sich nicht im geringsten merken ließ, daß Therese seine Frage mißverstanden hatte. „Na, und an eine Heirat mit der schönen jungen Vorleserin wird er wohl auch nickst gedacht haben."
„Ei Gott bewahre!" rief Frau Thorbeck, den Kopf zurückwerfend, „er war stets sehr gütig gegen sie, aber so etwas ist ihm ganz gewiß nicht in den Sinn gekommen."
„Ging er zuweilen mit ihr aus? Sie war doch ein fein gebildetes Fräulein; nahm er sie nicht dann und wann einmal mit ins Theater, in Konzerte?"
„Die besuchte er nie. Nur in die Kirche begleitete sie ihn öfter des Sonntags. Er war ein fleißiger Mrchen- besuch er."
„Hübsche Gemälde haben Sie da", bemerkte Allram. Er hatte sich vom Sofa erhoben und betrachtete die Bilder, welche das Zimmer schmückten. „Dieser Oelsarbew- druck ist doch eine herrliche Erfindung; wirklich wie aus der Hand des Malers hervorgegangen. Man braucht jetzt kein reicher Mann mehr zu sein, um sich so etwas zu vergönnen. Wo verzehrt denn Frau Bruscher ihr schönes Vermögen?"
Während er von einem der sehr zweifelhaften Kunstwerke zum anderen ging und Therese ihm geschmeichelt folgte, warf er diese Frage wie von vhngefähr dazwischen.
„Sie wohnt in Berlin", antwortete Therese, „meistens ist sie aber auf Reisen; wenn ichj so viel Geld hätte, würde ich mir auch die Welt ansehen. Ich muß Ihnen doch das schöne Hochzeitsgeschenk zeigen, was sie mir gemacht hat", fiel der jungen Frau plötzlich ein. Während sie einen kleinen Schlüssel aus einem Körbchen holte und damit einen Glasschrank öffnete, dessen Inhalt sich hinter einem roten Schiebevorhange verbarg, erzählte sie noch, daß Frau Bruscher ihr zuweilen schreibe und sich nach ihrem Ergehen erkundige, und daß sie (Therese) ihr auf den letzten Bries noch die Antwort schuldig sei.
(Fortsetzung folgt.)
Vom amerikanischen Postdienst.
Von Henry A. Davis' (Newyork).
Nachdruck verboten.
Die Einrichtungen der amerikanischen Post unterscheiden sich so sehr von denjenigen, welche wir hier gewöhnt sind, daß es sich verlohnen dürfte, auf einige der Haupt-Unterschiede hinzuweisen. Vor allen Dingen wird uns die Einrichtung der second claß mail matter auffallen. Unter diesen Begriff (Postsachen zweiter Ordnung)' fallen nämlich Zeitungen und Zeitschriften. Von diesen wird angenommen, daß sie der Volks-Aufklärung dienen und für die Erleichterung ihrer Verbreitung in weitgehendster Weise Sorge getragen. Das Haupt-Charakteristikum der hierfür angewendeten Bestimmungen ist, daß für sie ein Portosatz, berechnet wird von 1 Cent pro Pfund, gleichviel welche Anzahl von Exemplaren auf 1 Pfund entfällt.
So kann es Vorkommen, daß von einer kleinen Vereins-Zeitung 100 Exemplare auf 1 Pfund gehen, die für Len lächerlichen Betrag von 1 Cent (4 Pfennige) an 100 verschiedene Adressen ab geliefert werden. In anderen Fällen, wo es sich- um wöchentlich, öder monatlich erscheinende Zeitschriften handelt, kann ein derartiges Heft allein 1 Pfund wiegen, was aber gegenüber den europäischen Postsätzen immer noch eine bedeutende Verbilligung des Versandts zur Folge hätte.
Dies ist übrigens eine Erklärung mit für die überaus große Zahl amerikanischer Zeitungen und Zeitschriften.
Daß die Post-Verwaltung hierbei Geld zusetzt, ist klar. In dem letzten Jahre betrug der Verlust der Post zirka 8 Millionen Dollars.
Wie man sich- denken kann, wird mit der Einrichtung auch- Mißbrauch getrieben. Von einer Zeitung, die das Privilegium dieser Versendungsart haben will, wird Auskunft verlangt über die Anzahl ihrer Abonnenten, die eine bestimmte Ziffer erreicht haben muß. Trotzdem wird die
Einrichtung zu Gunsten von bloßen Reklame-Unternehmungen mißbraucht; besonders häufig von Land-Gesellschaften und Fabrikanten von Patent-Medizinen.
Noch sonderbarer dürfte uns erscheinen, wie die Ein- richtung für die Zwecke des Buchhandels benutzt wird. Es ist bekannt, daß ein Autorrecht ausländischer Schriftsteller für Amerika nicht existiert. Vom Nachdruck wird also der weitgehendste Gebrauch-gemacht. Die großen Druckerfirmen haben nun, um von dem Pfund-Versandt Gebrauch, machen zu können, zu dem ingeniösen Mittel gegriffen, ihre Bücher als Serien zu drucken und zu publizieren. Dadurch- erfüllen sie die Bedingung in Bezug aus regelmäßiges Erscheinen, die den Zeitungen das Recht zum Psund-Versandt giebt. So findet man Bücher der bekanntesten europäischen Autoren neben denen von amerikanischen Schriftstellern, auf deren Titelblatt der Vermerk sich findet: Serie so und so ersch-eint wöchentlich zweimal, jährlicher Subskriptionspreis so und so viel. Ein großer Teil des Bücher-Bedarfs in den Vereinigten Staaten wird von diesen Firmen gedruckt. Autorgebühren werden nicht gezahlt; der Versandt kostet ein Minimum, und die Druckkosten werden zum großen Teil durchj Annoncen eingebracht, die auf den Deckelseiten oder in einem Anhang Platz finden. Uns würde es natürlich sonderbar berühren, etwa in einem Roman von Gustav Freytag Inserate zu finden von irgend einer Seifenfirma, Uhren in Gold-Imitation und ein neues Nahrungsmittel. Der Amerikaner ist an diese Sachen, die uns als Auswüchse der Rellame erscheinen, zu sehr gewöhnt, um irgend etwas daran zu finden.
Erscheint uns die Post-Verwaltung in Bezug auf Zei- tungs- und Bücherversandt außerordentlich liberal, so müssen wir uns .Um so mehr wundern über scheinbare Kleinlichkeiten auf anderem Gebiete. Als zum Beispiel die Ansichtspostkarten aufkamen, nahm die amerikanische Post insofern Stellung dagegen, als sie die Benutzung von Karten, die nicht aus der Postdruckerei hervorgegangen, verbot. Als Postkarten dürfen nämlich- nur Karten mit aufgedruckten Wertzeichen versendet werden, während' bei Drucksachen das Auflleben der Wertzeichen gestattet ist. Diese Maßregel hat natürlich mit dazu geholfen, das Aufblühen einer Ansichtskartenindustrie, wie wir es hier erlebt haben, im Keime zu ersticken.
Es hat schließlich eines besonderen Vertrages mit der Postbehörde bedurft, um die Versendung solcher Karten mit aufgeklebten Wertzeichen zu ermöglichen. Dieselben tragen jetzt die Aufschrift: Private Mailing card (Privatpostkarten). Ohne diese Aufschrift unterliegen sie den Bestimmungen für Drucksachen und dürfen nur den Namen des Absenders, allenfals auch das Datum tragen.
Eine weitere Eigentümlichkeit des amerikanischen Postdienstes liegt darin, daß Pakete nicht befördert werden. Wer von Deutschland her gewöhnt ist, ein 5 Kilo-Paket für 50 Pfennig bis zu den entlegensten Punkten des deutschen Reiches sowohl wie Oesterreich-Ungarns zu versenden, muß in Amerika sich an die Expreß-Gesellschaften wenden und nach komplizierten Tarifen eine meist sehr erhebliche Gebühr zahlen. So kostet z. B. ein Paket von 3 Kilo von Newyork nach. Texas 1 Dollar (4,20 Mark). Sehr merkwürdig ist auch, daß die amerikanische Post gewissermaßen eine eigene Moral für sich- in Anspruch nimmt.
Wenn jemand auf brieflichem Wege beleidigt wird, so braucht er nicht selbst gerichtlich gegen den Beleidiger vorzugehen. Er hat nur nötig, den Thatbestand an die Post zu berichten, die die Verfolgung des Schuldigen übernimmt. Es liegt dabei die originelle Anschauung zu Grunde, daß Beleidigungen eine ungesetzliche Sache sind, und in der brieflichen Beleidigung ein Mißbrauch der Post zu ungesetzlicher Handlung zu erblicken ist. Aehnlich verhält sich die Post in Bezug auf das Lotterie-Wesen. Glücksspiele der Art sind in den Vereinigten Staaten untersagt. Wer also, ganz, analog dem obigen Fall, Lotterie- Listen, Prospekte oder derartiges mit der Post versendet, wird in ähnlicher Weise strafbar.
Scheint so die Post eine «gene Moral zu haben, so geht aus einem anderen Umstande hervor, daß sie sich; in gewissem Sinne einer Art Unverletzlichkeit erfreut. Man kann nämlich häufig beobachten, daß Postsachen auf offener Straße oben auf die Briefkästen gelegt werden, falls der


