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ein paarmal unterbrochen. Erst kam ein Geselle aus der Werkstatt, der um eine neue Frottierbürste bat, und da die Frau Meisterin, welche diese und andere derartige Bedarfsartikel in einem großen Schranke unter Verschluß hatte, hierüber etwas ungehalten war, weil dies heute bereits die dritte Bürste war, die sie herausgeben mußte, so schickten die Gesellen das nächste Mal als Kugelfang den Lehrling, mit dem noch bedenklicheren Ersuchen um frisches Wachs.
„Schon wieder das Wachs alle!" eiferte Frau Thor- beck, einen Wachsblock aus dem Schranke hervorholend, „bald eine neue Bürste, bald neues Wachs! So geht's heute nun den ganzen Tag. Aber ich kenne das schon, wenn mein Mann nicht da ist, wird allerlei gebraucht, weil ich's nicht kontrollieren kann. Was man mit den Arbeitern für einen Aerger hat, das glaubt niemand!"
Kaum hatte sie wieder in die Saiten ihrer Zither gegriffen und ein neues Stück begonnen — diesmal: „Der Mensch soll nicht stolz sein auf Gut und auf Ehr'" —> als abermals Schritte die Holzstiege heraufkamen. Frau Thorbeck machte sich darauf gefaßt, daß auch! das Terpentinöl alle geworden sei, aber das Klopfen an der Thür klang für die derben Fingerknöchel eines Arbeiters zu manierlich, und der Eintretende war ein feingekleideter Herr.
„Mein Mann ist nicht zu Haufe", empfing die junge Frau den Besuch nach vorhergegangener gegenseitiger Begrüßung, „aber wenn Sie eine Geschäftssache mit ihm haben, so kann ich vielleicht ebenso gut Auskunft geben."
Der Herr sah der jungen Frau lächelnd ins Gesicht und sagte in einem schelmisch feierlichen Tone: „Ist Ihnen vielleicht die lateinische Bibelausgabe von Robertus Stephanus aus dem Jahre 1532 bekannt? Ein sehr kostbares! Buch und sehr selten!"
Frau Thorbeck riß bei dieser höchst merkwürdigen Anrede die Augen weit auf und warf einen Blick im Zimmer umher, als suche sie nach einem Gegenstände, der ihr gegen einen entsprungenen Tollhäusler als Verteidigungsmittel dnenen könnte. Plötzlich ging ihr jedoch ein Licht auf; die eben vernommenen Worte weckten eine alte Erinnerung in ihr, und mit dem freudigen Rufe: „Ei, Herr Allram! mein lieber Herr Allram! jetzt erkenne ich Sie erst!" ergriff sie dessen beide Hände. „Ach Gott, ja! die uralte, kostbare Bibel!"
„Die dem Herrn Professor Georgi aus seiner Altertumssammlung entwendet worden war", ergänzte jovial der Detektiv.
„Und auf mich fiel der Verdacht!" nickte Theresp, beide Hände an ihr Herz pressestd, als erneuerten sich, alle die Aengste und Schrecken, welche sie damals aus- gestanden hatte. „O Gott! Herr Allram, liebster, bester Herr Allram, Ihnen danke ich, daß ich meinen ehrlichen. Namen behalten habe. Was wäre mit mir geschehen,, hätten Sie nicht den Dieb ermittelt! Gerechter Himmel! Das hatte sich ja kein Mensch träumen lassen, daß der Neffe des Herrn Professors selbst —"
„Die unschätzbare Bibel verklopft hatte. Wie hieß doch dieser viel versprechende junge Mann?"
„Wippach hieß er, Alfred Wippach", antwortete Therese, und mit großer Lebhaftigkeit fügte sie hinzu: „Und denken Sie nur, letzthin bin ich ihm begegnet!"
„Herrn Alfred Wippbach sind Sie begegnet? Nicht möglich! Sein Onkel schickte ihn ja damals schleunigst nach Amerika."
„Er ist aber wieder da", versicherte die junge Frau. „Aber bitte, bester Herr Allram, setzen Sie sich doch!", bat sie, ihren Gast nach dem Sofa führend und an seiner Seite Platz nehmend. „Und wie haben Sie mich denn nur aufgefunden? Zwar was frage ich da erst! Dem Herrn! Allram stehen alle Wege offen."
Der Detektiv lächelte. „Also Herrn Wippach hat es! in Amerika nicht gefallen, wie es scheint", nahm er das Gesprächsthema wieder auf. „Wo und wann haben Sie ihn denn getroffen?"
Therese nannte die Straße. Es sei vor acht oder zehn Tagen gewesen. „Er sah so verkommen aus, daß er mich dauerte", fuhr sie fort. „Und denken Sie nur, er frug mich, ob ich nicht eine Kleinigkeit Geld bei mir
hätte. Er, ein Mann, der studiert hat. Ich gab ihm, toa§' ich gerade im Portemonnaie trug."
„Haben Sie ihn nicht gefragt, wo er wohnt und was er jetzt treibt?"
„Nein; er mochte sich wohl seines herabgekommenen Zustandes schämen und ging gleich weiter, sowie er das Geld hatte. Ganz nüchtern schien er auch nicht zu sein, denn er roch nach Fusel."
„Wie sieht er denn eigentlich aus?" frug Allram obenhin. „Ich habe ihn damals gar nicht zu sehen bekommen, da sein Onkel sich begreiflicherweise nicht angeregt fühlte, ihn mir vorzustellen."
Frau Thorbeck entwarf nun das Porträt eines jungen Mannes, der mit seinen sechs- oder siebenundzwanzig Jahren, seinem hellbraunen Haar, feinen graublauen Augen und seiner „mittleren Figur" genau so aussah, wie tausend andere. Dabei wußte sie sich nicht einmal zu erinnern, ob er einen Kinn- oder Backenbart oder einen Vollbart trug.
„Daß sich Gott erbarm'! Sein Glück, seine ganze Zukunft durch leichtsinnige Streiche so zu verscherzen!" beklagte sie das Schicksal des Gesunkenen. „Welche Lammsgeduld hat sein gutherziger Onkel mit ihm gehabt, welche Unsummen von Schulden hat er für ihn bezahlt, ehe er ihn enterbte. Aber daß der Undankbare zuletzt gar zum Diebe wurde, das schlug dem Fasse den Boden aus. Ueb- rjgens wäre er ganz der Mann dazu gewesen, das schöne Vermögen seines Onkels in ein paar Jahren durchzubringen."
„Da ist es in der Hand der Frau Bruscher jedenfalls besser aufgehoben", warf Allram hin.
„Ei, das will ich meinen! Die hält's zusammen!" versicherte Therese. „Das 'Geld hatte sie immer ein bischen lieb. Sie mochte sich wohl schon als Wirtschafterin einiges erspart haben und hatte Geld auf Grundstücken stehen; denn wenn's Vierteljahr um war, kamen Leute zu ihr und brachten Zinsen."
„Was war sie sonst für eine Frau?"
„Eine ganz gute Frau; es kamen ihr immer gleich die Thränen, wenn es etwas gab. Sie las sehr gern, besonders in den Zeitungen; sie studierte diese von Anfang bis zu Ende durch."
„Wie stand sie sich mit dem unglücklichen Fräulein?" „Mit Fräulein Konstanze?" frug die junge Frau, und nun kamen ihr plötzlich selbst die Thränen und rannen ihr wie ajngeschwollene Bäche über die roten runden Wangen. „Oh, sehr gut stand sie sich mit dem armen Fräulein; Sie hat sie eigentlich auch gerettet, wenigstens vor dem Schlimmsten."
„Von wegen der Epilepsie, nicht wahr?"
„Das war's ja!" nickte Therese, noch immer beschäftigt, mit einem gelben, rot getüpfelten Taschentuche ihre Thränen zu trocknen. „Niemand hat um die schreckliche Krankheit gewußt, als Frau Bruscher und der Herr Professor."
„Trug sich der Professor nicht mit Heiratsgedanken, hm?" frug Allram, indem er plötzlich sehr leise sprach und einen vertraulichen Ton anschlug.
Frau Thorbeck blickte sinnend nach der Decke und dann auf ihre Schürze, die sie sich glatt strich.
„Nun, ein Gewohnheitsmensch war er ja", sagte sie; „er sah nicht gern fremde Gesichter um sich und fürchtete sich vor jeder Störung seiner Ordnung. Sie hat ihn gut verpflegt — man kann mit einem Kinde nicht sorgsamer umgehen — und sie ist ja auch gar keine üble Frau. Aber um sie zu heiraten, dazu war er ihr doch an Bildung zu sehr über. Es muß freilich einmal so etwas in der Luft gelegen haben. Vor zwei tober drei Jahren gab es nämlich zwischen ihnen eine arge Verstimmug; sie sprachen nur das nötigste miteinander; sie ging mit verweinten Augen herum und ließ gegen mich Worte fallen, als ob sie nächstens ihre Stelle aufgeben würde. Dann war aber plötzlich alles wieder gut zwischen beiden. So ganz klug bin ich aus der Geschichte ja nicht geworden. Ob sie nun auf eine Heirat gedrungen und mit ihrem Abgänge gedroht hatte, das weiß ich! nicht. Doch! 'mag es damals wohl gewesen sein, wo er sie zu seiner Erbin eingesetzt hat, und damit konnte sie ja zufrieden sein, und er konnte


