Ausgabe 
21.6.1900
 
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Donnerstag den 21. Funi

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fs ist große Weisheit, in seinen Handlungen nicht hitzig und vor­schnell zu Werke zu gehen und auf seinen eigenen Sinn nicht hartnäckig bestehen. Man muß nicht jeder Neigung, die gut scheint, sogleich folgen und nicht jede widrige Empfindung sogleich fliehen.. Thomas von Kempen.

(Nachdruck verboten.)

Die Irre von Sankt Rochus.

Kriminalroman von Gustav Höcker.

^Fortsetzung.)

Als Allram allein war, ging er in seinem Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken. Als Detektiv war er durch strenge Selbsterziehung dahin gelangt, daß selbst seine Gewohnheiten auf seinen Beruf zugeschnitten waren und daß er sich von jeder Gewohnheit freihielt, die ihm darin hätte schaden können. Daher führte er auch nie laute Selbstgespräche. Hätte er aber in einem solchen die Gedanken, die ihn bei seinem Spaziergange durch das Zim­mer beschäftigten, in Worten ausgedrückt, so würden drese etwa so gelautet haben:Kuriose Geschichte das! Em junger Irrenarzt verliebt sich in seine Patientm, dre m geistig gestörtem Zustande einen scheußlichen Mord be­gangen haben soll. Ich soll nun diesen Mord von rhr nehmen. Eine verdammt harte Nuß zum knacken. Aber wenns gelänge, so machte ich das Pärchen damit Hunderte mal glücklicher als die hundert Gläubiger des säuberest! Herrn Sebastian Sexauer, wenn ich ihnen den Kerl mW sämtlichen mitgenommenen Geldern zur Stelle schasste.

Das war nämlich jener Fall, dessen Uebernahme Twus Allram bereits halb und halb zugesagt hatte. Sebastian Sexauer, der Inhaber eines Bankgeschäfts, hatte einen glänzenden Bankerott gemacht und sollte dabei ein paar hunderttausend Mark bei Seite geschafft haben. Es war ihm gelungen, aus der Untersuchungshaft zu entkommen- Nach allen Haupthäfen waren telegraphische Weisungen zu seiner Verhaftung ergangen, aber ohne Erfolg, trotzdem er an gewissen äußeren Merkmalen leicht kenntlich war. Nun wollte man ihn in Kairo gesehen haben; so ging das! allgemeine Gerücht, dessen Herkunft niemand nachweisen: konnte. Mehrere Geschäftsfirmen, welche bei dem Banke­rott große Verluste erlitten, hatten sich an Herrn Titus Allram gewendet. Er sollte nach Kairo reisen und von dort ans die Spur des Flüchtlings weiter verfolgen. Schon oft hatte sich in der Lösung derartiger Aufgaben sem auM- ordentlicher Spürsinn erprobt. Da er jedoch an da»- un­verbürgte Gerücht, welches den Durchgänger in Kairo auf- I

tauchen ließ, nicht recht glaubte, sondern eher vermutete/ es sei von umbekannten Freunden des Bankerotteurs aus-? gesprengt worden, um die Verfolgung irrezuleiten, so, hatte er noch keine feste Zusage gegeben. Nun war er vor die Wahl gestellt, seine Dienste entweder den Gläu­bigern Sexauers oder dem Doktor Gerth zu widmen. Der! letztere Fall schien fast hoffnungslos; aber der jungte Irrenarzt aus St. Rochus hatte Allrams Sympathie und! Teilnahme erweckt, und der Detektiv besaß eine schwächte Seite: er hatte nämlich ein Herz.

Im Parterre eines Hinterhauses, welches in einem großen Hofe lag, befand sich eine Werkstatt. Das dar­aus hervordringende Geräusch von Säge und Hobel ließ auf eine Tischlerei schließen. Aber es war viel vor­nehmere Arbeit, welche die genannten Werkzeuge hiev verrichteten, und nur für vornehme Leute waren die Erzeugnisse dieser Werkstatt bestimmt, welche sich auf einem Schilde über der Thür als dieParkettfußbodens- Fabrik von Karl Thorben ankündigte. Man sah keinen rauchenden Schlot und hörte kein Brummen eines Dampfkessels, obwohl beides von dem BegriffeFabrik" unzertrennliche scheint. Da aber der Konsument heutzu­tage feine Bedürfnisse am liebstendirekt aus der Fa­brik" bezieht, weil Fabrikanten billiger arbeiten als Hand­werker, so that der junge, erst seit kurzem etablierte Ge­schäftsinhaber dem vorurteilsvollen Publikum den Ge­fallen, sich den Titel eines Fabrikanten beizulegen, was jedenfalls ungefährlicher ist, als die unberechtigte Doktor­titulatur.

Aus der Hausflur führte eine dunkle Holztrchpe nach dem ersten Stock, und aus der hier gelegenen kleinen Wohnung hörte man eines Nachmittags die sentimen­talen, empfindsamen Töne einer Zither. Der Spieler war noch sehr ungeübt, machte oft eine längere Pause von einer Note zur anderen und griff zuweilen auch falsche ivdaß es für einen Zuhörer nicht leicht gewesen wäre, dre Melodie des schönen Liedes:Steh ich in finstrer Mrtter- nacht" herauszusinden.

Die Person, von welcher diese musikalische Leistung ausging, war weiblichen Geschlechts und von imposanter Rundung der Körperformen, deren Krönung ein Gesicht bildete, welches von Gesundheit nicht nur strotzte, sondern auch glänzte. Dem Leser haben wir sie bereits alsPro­fessors'.dicke Resi" vorzustellen Gelegenheit gehabt, rn der Litteratur des Prozesses Georgi fungierte sre unter dem korrekteren Namen Therese Zeidler; seitdem aber war aus ihr Frau Thorbeck geworden, und wenn es ihrer angebo­renen Bescheidenheit nicht zuwider gewesen wäre, so hatte sie sich eine Fabrikantengattin nennten können.

Mitten in ihrer musikalischen Beschäftigung wurde sie