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Nur noch vierzehn Stunden", sagte eine der Frauen, „dann sind Sie dort!" Nettchen wiederholte das Wort wie etwas Unfaßbares. Vierzehn Stunden! Konnten die je zu Ende gehen? Auf der Hinreise nach Paris — damals — in jener fernen, jetzt so weit liegenden Zeit waren ihr die Stunden verflogen wie Minuten, Sehnsucht nach dem fremden Lande hatten sie gekürzt — jetzt schlichen sie hin gleich Jahren, und das Ziel, Berlin, die Heimat, schren ferner zu rücken mit jeder Station, die der Zug erreichte, die immer noch Meilen und Meilen zwischen sie und den Ort der Sehnsucht drängte. —
Schöner, sonniger Sommernachmittag lachte über der Spreestadt, als Nettchen den Kölner Zug verließ, und sich dem Ausgang des Bahnhofes zuwandte.
Ihr Herz klopfte in wilden Schlägen, sie hätte auf- jauchzen, die Arme öffnen und die Heimat, die teure, geliebte Heimat an ihre Brust pressen mögen.
Alle Menschen schienen ihr schön und liebenswert, und die ganze Stadt in himmlische Farbe getaucht! Heimatsjubel sondergleichen erfüllte sie, ein Gefühl der Geborgenheit, — sie hätte sich mögen auf einen Stein vor fremder Hausthür setzen, und dort sorglos ruhen, erfüllt von dem Bewußtsein daheim zu sein, bet Menschen, die ihre Sprache verstanden.--—
Es war staubig und warm in der Friedrichstraße, aber Nettchen atmete beim Verlassen der Bahnhofshalle die Luft mit vollen, durstigen Zügen ein. Alles was um sie herum vorging, das Eilen, Hasten, Rufen, Schreien erfüllte sie mit Spannung, die Eis- und Früchteverkäufer, die Blumenmädchen, Zeitungsmänner und Zettelträger zogen ihre Augen immer wieder magnetisch an, während sie sich jetzt durch das Gewühl schob, den Linden zu.
Der Omnibus brachte sie hinaus nach Moabit. Das war der Stadtteil, in dem sie ihre Jugend zugebracht hatte, vom großen mächtigen Berlin erst ihre wahre Her- mat, und sie fühlte ihr Herz bei jedem bekannten Ladenschild, jeder vertrauten Straßenecke erbeben. Einst, als sie von den Ihren fortzog, um „Stub' und Küch'" zu suchen, war sie kalt von dem allen geschieden — damals wußte ste noch nicht was Scheiden und Meiden heißt. Eine wie andere war sie geworden!! — Ein ganzes Menschenleben schien ihr zwischen heut und diesen Jugendjahren zu hegen; und dennoch — sie rechnete fieberhaft nach — noch keine acht Jahr waren's her. Mit sechzehn war sie damals tn das Zentrum hinausgezogen, in die kleine Hofwohnung, in der Paul sie vergebens suchte. Erinnerung an Erinnerung stieg nun in ihr auf. Dort, weit drüben im Süden, lag die Hasenheide, in der sie damals in ihrem Tyroler Röckchen am Schießstande fungiert hatte, geschäftig und übermütig im ganzen Glanze ihrer gesunden Jugend, — „mal schießen, mein Herr?" hörte sie sich im Geiste rufen, und ein Lächeln flog über ihr verhärmtes Gesicht. O goldene, mutige Jugend! Jetzt war sie kaum fünfundzwanzig Jahr — noch jung — und dennoch innerlich tote müde, tote hoffnungslos und getäuscht. —
Mit hastiger Eile verließ sie das rumpelnde Gefährt, als von weitem die Straßenecke sichtbar wurde, die ihr Ziel war. Alte, gute, freundliche Straße, unverändert und doch wieder neu, mit eleganten Häusern, die sich an die bescheidenen Mietskasernen älterer Herkunft anschlossen; neue Ladenschilder, andere Gesichter — von den Kindern, die vor den Thüren spielten, nicht ein einziges bekannt!
Jetzt trat das Wohnhaus, in dem Nettchen ihre Jugend verlebt hatte aus der schräggehenden Seite hervor, — lauter klopfte Nettchens Herz, sie lief tote gejagt dem Eingänge zu, die Treppen hinan.
Erst als sie die Klingel zog, sah sie das fremde Schild, und ihre Hand sank herab. Wie hatte sie auch glauben können! Sechs Jahre waren verrauscht, seit sie davongegangen war, und sie hätte geglaubt, alles wie einst finden zu müssen! Ein fremder Name stand auf dem Schilde. Eine fremde Frau öffnete die Thür. Als Nettchen ihre Frage hervorgestottert hatte, schüttelte die Fremde den Kopf. Brinkmann? Sie kannte den Namen nicht. Sie wohnte seit zwei Jahren in dem Hause. Vorher hatte ein Postassistent Meißner die Wohnung inne gehabt.
„Wo der Wirt wohne, bei dem man sich erkundigen
könne?" fragte Nettchen tonlos. Die Enttäuschung hatte te unvermutet getroffen.
Man bezeichnete ihr die Wohnung des Wirtes, in der- elben Straße. Aber auch dieser wußte nichts. Es war aiwt mehr der alte Hauswirt, dem Nettchen seinerzeit io manches Hühnchen zu rupfen gegeben hatte; ein junger, eiliger Geschäftsmann, der nicht viel Zeit für die nutzlose Frage hatte. Brinkmann, — kannte er einfach nicht. Er hatte das Haus seit zwei Jahren übernommen. Sein Onkel, der alte Seifensieder Blaschke, dem es' vordem gehört hatte, war seit drei Jahren tot.
,Trei ,Jahre, zwei Jahre, zweieinhalbes Jahr", - die Worte schwirrten Nettchen im Kopfe — es klang so abweisend, entmutigend, jetzt erst fühlte sie die Bedeutung dieser Worte. Jahre hatte sie sich um die Ihren Nicht gekümmert, und nun, nachdem das Schicksal sie auf dre alte Scholle zurückgetrieben, verlangte sie, alle wiederzufinden wie einst.--
(Fortsetzung folgt.)
Standeserhöhmgen.
Von Karl Rudolfs.
(Nachdruck verboten.)
Hier und da bringt der „Deutsche Reichsanzeiger" als Publikationsorgan der preußischen Regierung die Nachricht, daß dieser oder jener hohe Offizier und Beamte oder ein erbangesessener Rittergutsbesitzer geadelt worden ist. Die wenigen Dutzend Familien, welche aus dtese Weise für sich und ihre Nachkommen alljährlich die Nobilitterung erlangen, verschwinden in der Bevölkerung Deutschlands bezw. Preußens, und nur wenn es sich um die hohen Adelsprädikate, nämlich den Fürsten- bezw. Herzogstttel handelt, pflegt die Allgemeinheit darauf aufmerksam zu werden, daß das Wörtchen „von" mit seinen Potenzter- ungen auch in einer Zeit, die mit den Vorrechten einzelner Stände gründlich aufgeräumt zu haben scheint, seinen Wert hat.
Gerade die Entwickelung des deutschen Volkes aus den Uranfängen seiner Kultur zeigt deutlicher als bei jeder anderen Nation die Entstehung des Adels aus zwet von einander sehr verschiedenen Wurzeln, nämlich einerseits aus der Abstammung von Familien, welche in einer längeren Reihe von Generationen durch Reichtum, Macht, Waffentüchtigkeit ober geistige Vorzüge sich eine privilegierte Stellung zu verschaffen wußten, dank welcher sie in jener — man möchte wohl am treffendsten sagen — Kaste Aufnahme fanden, aus welcher die Stammeskönige, Fürsten und Priester entnommen wurden, und andererseits ans der Tätigkeit im Dienste des mittelalterlichen Staates, der nicht über ein durch Studien, Examina und praktische Vorbereitung gedrilltes Beamtentum, wie es die neueren Zeiten überall herangezogen haben, verfügte, sondern erprobte und tüchtige Männer ohne weiteres an wichtige Stellen setzte und, wenn deren Nachkommenschaft sich einigermaßen als zuverlässig erwies, in der nächsten Generation seine Stellen lieber mit diesen Nachkommen, als mit fremden Leuten besetzte.
Ein wichtiger Satz der Darwinschen Theorie, der übrigens bedingungslos acceptiert worden ist und von jedem Tierzüchter täglich in die Praxis übersetzt wird, nimmt an, daß die Vorzüge der elterlichen Individuen mit großer Wahrscheinlichkeit, wenn nicht andere störende Einflüsse obwalten, in der Deseendenz wiederkehren und sich entsprechend steigern können. Was der berühmte Naturforscher nun hinsichtlich der grob physiologischen Eigenschaften der Tiere als Wahrheit hinstellte, wird, wenngleich der verbissenste Kritikus das Gegenteil behauptet, von uralten Zeiten her auch hinsichtlich der geistigen Vorzüge der Menschen überall geglaubt und von den breiten Mafien ohne genauere Prüfung hingeNMnmen. Im Reiche der auf- aehenden Sonne wie in jenem des gelben Drachen, in Indien, der Wiege der Menschheit, wie unter allen europäischen Völkern, welche ja von dort ihren Ursprung ab- leiten, hat sich aus dem thaisächlichen, durch längere Zett geübten Besitz der Macht immer ein erbliches persönliches Vorrecht herausgebild^i — der Adel.


