Ausgabe 
21.4.1900
 
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Nachdruck verboten.

Das Pflegekind.

Roman von Elsbeth Meyer-Förster.

(Fortsetzung.)

Die Dame am Schalter hatte einen Bahnbeamten auf­merksam gemacht, höflich trat er an Nettchen heran.

Wohin sie wolle?

Sie schlug die Augen zu dem Frager auf. Er sah in ein blasses, verwirrtes, vom schwarzen Trauerschleier wie von Schatten eingerahmtes Gesicht.Cologne!" flüsterte sie ein zweites Mal.

Der Beamte nahm ihr das Billet aus der Hand und prüfte es.

wMais ga presse vivement, rief er auS.Venez, madame, sil vous plait.

Er führte sie zu dem bereits aus dem Perron stehenden Personenzug.Eine Kranke" dachte er,und so etwas läßt man allein in der Fremde herumziehen". Väterlich half er ihr in das Frauencoupee, in dem schon eine dicke, alte Bäuerin aus der Normandie mit ver­schiedenen Marktkörben Platz genommen hatte.

Attention sil vousplait, madame, cestunepetitemalade! schrie er der Dicken zu, während der Zug sich langsam vor­wärts zu bewegen begann. Dann legte er die Hand an die Mütze, und grüßte militärische nach dem Coupee dritter Klasse hin. Es war ihm, als müsse er der davonfahrenden Fremden, der niemand das Geleit gab, niemand einen Gruß zuwinkte, einen Liebesdienst erweisen.

In Jeumont stieg die Bäuerin aus, die abgesehen von ihrer Taubheit, schon ihrer großen, wollenen Mütze wegen den Zuruf des Beamten gar nicht hätte vernehmen können. Die junge Frau blieb allein im Coupee, schloß die Fenster, lehnte sich zurück und blickte in die langen Abendschatten, welche langsam über die Felder niedersanken. Dann schloß sie ermüdet die Augen und glitt in Schlummer hinüber. Sie schlief lange, tief und fest, von dem Rollen der Räder dem Schlottern und Puffen und Brummen unter sich ganz betäubt. Es war ein Schlaf, in dem sich ihre wreder zum Leben genesene, nur noch unendlich schwache imd zu­sammengesunkene Natur zum ersten Male fett Wochen wieder erhob, sich förmlich streckte und dehnte. Als ste erwachte, hatte sie zwölf Stunden fest und ttef ge­

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in gelassener Mensch soll nicht allezeit lugend sein, was er be­dürfe; er soll lugend sein, was er entbehren möge.

schlummert. Sie richtete sich auf, rieb sich die Augen und blickte sich staunend um. Der inüde Druck in ihrem Gehirn war beinah ganz gewichen. Die Nacht war vor­bei, die ersten Morgenstrahlen drangen durch die ge­schlossenen Vorhänge in das Kupee. Es mochte drei Uhr morgens sein. Eine wallende, wogende Glut schien draußen vor den Fenstern zu schwimtnen, Nettchen schob die Vorhänge zurück, und geblendet sah sie hinaus in den Sonnenaufgang. Alles glühte, lohte, schien in unend­licher Freude zu glänzen, die reichen, gelben Kornfelder waren von rosa Licht umflossen, in dem Weiher, an dem der Zug vorbeiflog, zuckten unzählige, rotgelbe Speere auf. Ein trunkenes Schwalbengeschrei girrte unter dem Himmel, die Welt schien von heller, jubelnder Freude er­füllt.Herbesthal!" rief die Stimme des Schaffners, die Coupeethüren wurden aufgerissen, Menschen strömten herbei.

Hier! Steig ein! Leb wohl! Grüße alle!" schwirrte es an Nettchens Ohren, sie fuhr auf, starrte hinaus, und Thränen stürzten über ihre Wangen. Deutsche Laute, deutsche Herzen keine eisige, grausame Fremde mehr, die das Herz erstarren macht, Heimat! Heimat!!!

Schluchzen erschütterte sie, das Eis, die Erstarrung waren gebrochen. Unaufhaltsam, wie aus getauten Quellen, flutete es aus ihren Augen, ihre Seele bebte und weinte, und doch floß unendliches Glückgefühl in diesen tiefen, erlösenden Schmerz. Erwacht war das erstarrte Bewußtsein, sie konnte wieder fühlen, konnte denken, der furchtbare Bann, der die Seele nad) den Ereignissen der letzten Wochen niedergehalten hatte, war genommen, sie war gerettet!

Gerettet zum Leben sein, wenn man der Verzweiflung so nahe gewesen ist Nettchen faltete die Hände, ein immer wieder heißes Schluchzen erschütterte sie. Die Er­innerungen kamen, tauten auf in ihr, eine nach der anderen, sie sah wieder die Mietskaserne auf Montmartre und ihr ödes, fremdes Heim, sah den kleinen Grabhügel mit der winzigen Tafel, und sie hob den Blick zum Himmel und sagte:

Gott, Du hast es wohl gemacht!"

Fremde Frauen stiegen ein, sie sprachen die junge Frau in Trauerkleidern au, und sie antwortete mit einer dankbaren, erschütterten Stimme. Freundliche, teilnehmende Worte drängten zu ihr hin, wie streichelnde Hände, sie fühlte Mitleid und Güte, man reichte ihr Wein, und fragte sie nach ihrer Weiterreise.

Berlin, dort habe ich Angehörige!" Und bei dem Gedanken, daß sie dem allen so nahe sei, deir Menschen, die sie einst liebten, die sie verlassen hatte, zuckte Sehnsucht durch ihr Herz, leidenschaftliches Verlangen, vor sie hin­zutreten, sich niederzuwerfen und um Verzeihung zu flehen.