Ausgabe 
21.1.1900
 
Einzelbild herunterladen

40

Kimmen, daß das Urbild des kleinen Portraits verheiratet sein einem Manne angehören könne.

. . In tiefer Verstimmung begab fid) Professor Ignatius an Mn gewohntes Tagewerk, hielt seine Vorlesung im Hörsal der Universität und lockte auf die jugendlichen Gesichter der Studenten Fröhlichkeit, indem er bedeutsamere Proben seiner sprichwörtlichen Zerstreutheit ablegte, als sonst. Dann machte er einen kleinen Spaziergang und entschloß sich endlich, in Billa Sanssouci an­zuklopfen, um das schwarze Herz abznlicfern. Er hätte Jahre semes Lebens geben mögen, nm die Frau mit deni Stolz in den Zugen und den zärtlichen Augen einmal zu sehen. Vielleicht gelang es. Mindestens wollte er einen Versuch machen.

Er übergab dem öffnenden Diener seine Karte mit der Bitte, ihm der gnädigen Frau zu melden.

Die ganze Gleichgültigkeit vornehmer Dienstboten auf dem Gesicht, entgegnete der Gallonierte, daß die Gnädige seit etwa einem Jahre nicht mehr hier wohne. Herr Thalberg sei gestorben, der größere Teil der Erbschaft und das Haus an die Brüder des Toten gefallen.

Der Professor bekam einen Ruck durch den ganzen Körper. Tot, gestorben. Vor einem Jahr. Und wo wohnt die gnädige Frau letzt?"

Er notierte sich die Adresse, dann ging er davon, mit leichten jugendlichen Schritten, wie beschenkt. Und sein Herz klopfte abermals gegen das fremde schwarze Herz, so rasch, wie es seit seinen Studientagen nicht gethan, als ihm der Himmel noch voller Geigen hing.

Es war ein einfaches, Haus, das die verwitwete Frau Thal- verg bewohnte, aber lauschig inmitten eines buschreichen Gärt­chens gelegen.

Nur wenige Minuten hatte der Professor in einem mit sehr viel persönlichem Geschmack eingerichteten Salon zu warten, als ihm das Urbild des Portraits entgegentrat, schlicht und bescheiden gekleidet, und doch wie im Festschmuck durch die Krone reicher blonder Zöpfe, welche festgeflochten über der Stirn lagen.

Ich habe nicht die Ehre, Herör Professor Ignatius zu kennen", iagte eine zögernde Stimme.

Der Angeredete verfügte zum ersten Mal in seinem Leben über Formen, Weltgewandtheit. Ein Löwenmut erfüllte ihn, gab seinen Augen Feuer.

Es ist auch nichts als ein Zufall, der mich Herfahrt, meine gnädigste Frau". Er griff in seine Westentasche. Sonderbarer­weise empfand er keinen Schmerz, als er sich nun anschickte, sich von dem Herzen und dessen köstlichem Inhalt zu trennen. Gestern fand ich auf einem wenig betretenen Wege des Stadt­parks dieses Herz, und es gelang mir, mit Hilfe des Photo­graphen festzustellen, wen das darin enthaltene Portrait darstellt, Sie, meine Gnädigste".

Die junge blasse Frau errötete jäh beim Anblick der Kapsel. Dann senkte sie den Kopf.

Sie haben das Herz gefunden. Sie? Wie merkwürdig". Und sie verstummte.

Durch das Zimmer huschten Sonnenstrahlen, spannen Netze um die zwei Menschen---Die alte Verlegenheit wollte

zu dem Professor zurückkehren, da hob die junge Frau entschlossen den Kopf.Ich will aufrichtig sein. Ich habe au dieses Herz einen Aberglauben geknüpft, in dem Augenblick, als sein Besitzer es achtlos fortwarf". Sie legte die Kapsel auf den Tisch, der neben ihr stand.Ich ich war keine glückliche Frau. In jugendlicher Verblendung reichte ich einem Manne die Hand, weil seine Außenseite bestechend war, weil alles glänzte, was er mir bieten konnte. Furchtbare Enttäuschungen folgten einem kurzen Glück, mein Stolz wurde bis in den Staub gebeugt. Nach schweren Kämpfen faßte ich den Entschluß, in die Einfach­heit meiner Mädchenjahre zurückzukehren. Doch ehe ich eine Trennung ins Werk setzen konnte, kam eine gewaltigere Hand und handelte für mich die Hand des Schicksals. Mein Mann starb plötzlich, von einem Gelage fort holte ihn sich der Tod. Es hatte heftige Aussprachen zwischen uns gegeben, immer wieder bestürmte mich der Unselige, ihn nicht zu verlassen, trotzdem seine Handlungen niemals aus echte Reue deuteten. Bei einer derartigen Auseinandersetzung, die der Dienstboten wegen im Park stattfanden, brachte meine kühle Haltung den schon Aufgeregten in Wut. Er schleuderte das Herz mit meinem Bild, das er bis dahin an der Uhrkette getragen, von sich.- Es war ein Geschenk von mir, das letzte, mit dem ich ihn hatte mahnen wollen an seine Pflicht, die er nur zu oft vergessen. Ich sah das Herz durch die Lust fliegen, ich sah ein paar welke Blätter darauf niederfallen, es verbergen" Die junge Frau blickte klar und ehrlich in die Augen des vor ihr Stehenden. In dem Moment knüpfte ich einen Aberglauben an den ver­schwundenen kleinen Gegenstand. Wer mir das Herz etwa wiederbringen würde woran ja kaum zu denken war der sollte mein Freund werden, wenn es ein Mann, meine Freundin, wenn es eine Frau wäre".

Der Professor verneigte sich.Ich hoffe, mich dieser Ehre nicht unwürdig zu zeigen, gnädigste Fran". Eine stürmische

Freude erfüllte seine Brust. Dankbar nahm er den Platz an der ihm geboten wurde.

Ein ungezwungenes Gespräch entspann sich. Diese reizende Frau, bte früh den Glanz und die Pracht, das Talmi am Leben verachten und von sich werfen gelernt hatte, gab sich so natürlich daß der Professor einen guten Kameraden vor sich zu sehen glaubte, mit dem er über alles sprechen konnte, was ihn erfüllte

Und das schwarze Herz lag auf dem Tisch zwischen beiden. Emer der so reich ins Zimmer fallenden Sonnenstrahlen küßte es plötzlich und ließ den Stern in seiner Mitte ausleuchten.

Da erhob sich der Professor.

Aber er kam wieder. Oft. Bald täglich. Und als sich der Herbsttag jährte, an dem er unter dem roten Herbstlaub das schwarze Herz gefunden, da standen an der einsamen Weg­stelle zwei hohe Gestalten, Arm in Arm: Herr und Frau Professor Ignatius.

Literarisches.

Als zweiter Band des neunten Jahrgang der Veröffent­lichungen desVereins der Bücherfreunde", (Geschäftsleitung: Verlagsbuchhandlung Alfred Schall, Königl. Preuß. und Herzogs. Bayer. Hof - Buchhändler), Berlin, erschien soeben: ,,Sch lag- licht er". 22 Erzählungen von Mary Gerhardt. Umfang 23 Bogen. Preis geheftet Mk. 3., gebunden Mk. 4.. Für Mit- gneder desVereins für Bücherfreunde" kostet der Band nur 1 Mk. 85 Pf. geheftet und 2 Mk. 25 Pf. gebunden. DerVer­ein der Bücherfreunde", welcher seinen neunten Jahrgang mit dem bedeutenden historischen RomanDer Reichskanzler in Kifsingen" begonnen hatte, bringt als zweiten Band eine treffliche Novellen­sammlung. Wie im Leben Licht und Schatten wechseln, so wechseln auf den Blättern dieses Buches ernste und heitere Bilder aus dem Leben in bunter Folge. Ein Vorzug dieser Erzählungen ist es, daß ste mcht erdachte Situationen und Vorkommnisse, sondern eigene wirkliche Erlebnisse und Beobachtungen schildern und im wirklichen Sinne des Wortes lebenswahr sind. Die Autorin sührt «ich mit diesem Werke in die Öffentlichkeit ein, und wir können ihr hierzu Glück wünschen.. Die Lektüre dieses Buches ist ein hoher Genuß und hinterläßt nachhaltigen Eindruck. Wer eine Erzählung wie z. B.Schloß Felseck" verfassen kann, der kann sich getrost unter die besten Schriftsteller unseres Volkes rechnen. DemVerein der Bücherfreunde" wollen wir aber auch nicht unterlassen Glück zu wünschen, daß er ein Talent wie Mary Gehrhardt gewonnen hat. Die Leitung des Vereins beweist damit wiederum, daß sie mit größtem Verständnis auch gute jüngere Kräfte unserer Schriftstellerwelt zur Geltung zu bringen sucht. Näheres über denVerein der Bücherfreunde" teilt dessen Ge­schäftsleitung gratis und franko mit.

'L^gerlieder _ Nigger Songs", volkstümliche, zum Teil auch bei uns wohlbekannte Gesänge ernster iiub heiterer Art, erschienen mit beigefügter, ber Melodie angepaßter deutscher Uebersetzung im Verlag von Max Brockhaus in Leipzig. (Heft I: 3 Mark.) Die Refrains der von einer Männer- oder Frauen­stimme vorzutragenden Lieder sind mehrstimmig gesetzt, sodaß sich die originellen Gesänge vorzüglich für Aufführungen in geselligen Kreisen eignen. Der auf dem bunten Umschlag hergestellte flotte Neger wird manchem kostümierten Sänger als Vorbild dienen.

Der gleiche Verlag versendetFrauMusicain Freud und Leid", für Deklamation für Klavier ober Violine (ober mit beiben Instrumenten) von A. Weweler. (2 Mark.) Die hübsch empfunbene Dichtung wirb gleichsam illustriert burch bekannte Melobien, bereu nicht melobramatische. Wiedergabe sich auch ber bescheibenste Dilettant zutrauen bars.

Diamanträtsel.

Nachdruck verboten.

Die wagerechte und fentrci deutung.

Auflösung in

In die Felder nebenstehender Figur find die Buchstaben a a, d, e e e e, f f, g g g, k k k, n n, o, p p, r r r, u, w derart einzutragen, daß die einzelnen Wörter der Reihe nach folgendes ergeben:

1. Einen Buchstaben.

2. Biblischen Namen.

3. Ein Küchengewächs.

4. Wohlschmeckenden Fisch.

5. Heilige Handlung.

6. Ein Verbindungsmittel.

7. Einen Buchstaben.

t Mittelreihe haben die gleiche Be- ächster Nummer.

Auflösung des Versteckräisels in voriger Nummer: An Gottes Segen ist alles gelegen.

Redaktion: ®. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schm Univcrfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Bietzen.