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Das schwarze Herz.
Novellette von A. Schoebel.
Nachdruck verboten.
In trübe Gedanken verloren, schlenderte ein Mann durch die Gänge des Stadtparkes. Neben ihm sanken die Blätter zu
Boden, leis, schattenhaft, gespenstisch. Herbstblätter, welk, die einst im Sonnenschein gerauscht. ■ t
Herbstlich, welk erschien auch dem Manne das Leben. In seinem Beruf freilich, da war ihm manches geglückt, da hatte er erreicht, was sein Ehrgeiz erstrebt. Sein Name hatte Klang in der Welt der Wissenschaft —, vor wenigen Tagen war er zu einer Professur berufen worden. Aber sein Dasein, das war einsam. Weltfremd hatte er gelebt, ein Stubenhocker, ein Bücherwurm von Jugendtagen her. Seinem Aeußeren haftete nichts an, was Frauenköpfe zu ihm hätte wenden können, m seinem Wesen lag so viel Schüchternheit, daß er es nicht wagte, sich in eine Reihe mit den Kühnen, den Mutigen und Unternehmenden zu stellen.
So manche anmutige Erscheinung war ihm gefährlich geworden, er hatte viel Herzblut vergossen in stillem Entsagen. Nun war er müde geworden, nun hoffte er nichts mehr. Wunschlos gedachte er seinen Weg zu gehen, ein,am sein Leben zu beschließen. Und doch war er nicht alt, kaum vierzig.
Langsam sank die Dämmerung, den letzten, rötlichen Tagesschein verschleiernd. Und weiter fielen die Blätter still, geräuschlos, gespenstisch.
Professor Friedrich Ignatius schritt langsam vorwärts. Mit seinem Stock'rührte er mechanisch in dem gelben und roten Laub umher, das die Wege fast leuchtend hell machte, wie Zauberpfade. Kleine bunten Wellen strudelten auf und ließen den braunen Sand des Bodens sehen. ' „
Plötzlich stieß der Stock gegen etwas Hartes. Der Professor bückte sich. Zwischen den welken Blättern, gleichsam bekränzt von verwesendem Laub lag ein schwarzes Herz, eme Kapsel aus dunklem Silber mit einem winzigen Brillantsternchen.
Ein Druck aus die Feder: das Herz öffnete sich und zeigte in seiner linken Hälfte eine blonde Locke, in der rechten em Frauenbildnis. Der Professor führte die Kapsel nahe zu seinen etwas kurzsichtigen Augen. Der letzte Tagesschimmer ging über das Antlitz der Dargesteltzen und färbte es mit leiser Lebens^- fcirbc —
Merkwürdige Züge! Bon Stolz gleichsam geschwellt und daneben ein weiches, betrübtes Mündchen, Lippen, die sich sehnten nach Zärtlichkeit und Küssen, Augen, die von himmlischem Weinen erzählten.
Friedrich Ignatius stand und betrachtete das Bild und konnte sich nicht genug thun mit Schauen.
Da erlosch plötzlich der Tag. Es wurde finster, ganz plötzlich, wie es der Herbst mit sich bringt. . .
Der Professor schloß die Kapsel und steckte sw in seine linke Westentasche. Sein Herz pochte gegen das fremde schwarze Herz jugendlich lebhaft, rasch, immer rascher — —
Mit unruhigen Schritten wandte er sich der Stadt zu. An dem Abend ging er nicht zu seinen Freunden an den Stammtisch. Eine gehobene Stimmung beherrschte ihn, er empfand etwas Feierliches, etwas, das keine Störung vertrug, keine profane Berührung. c
Nachdem er zu Nacht gegessen, legte er das schwarze Herz vor sich hin und betrachtete den Frauenkopf darin. Schließlich hob er die beiden Glasplättchen ab —, das Bildnis und die Locke fielen heraus.. .,
Der Professor erschrak fast, als er das weiche dichte Haar zwischen seinen Fingern spürte. Ein seltsames Gefühl erregte ihn. Etwas Lebendiges, etwas Körperliches war ja diese Locke. Sie war vom Haupt einer lebenden Frau geschnitten.
Einer lebenden Frau? Wer bürgte ihm dafür? Konnte das schwarze Herz nicht dem Andenken einer Toten geweiht sein?
Hastig griff er nach dem Bildchen, wendete es —, keinerlei Inschrift oder Widmung zeigte sich darauf, nur die Firma eines bekannten Photographen befand sich auf der Rückseite.
Als der Professor schlafen ging an dem Abend, legte er das schwarze Herz neben sein Bett. Es spielte noch eine Rolle in seinen Träumen. Er sah es wachsen, wachsen und eine Frauengestalt entlassen — hoch und schlank und in einen Mantel wallenden blonden Haares gehüllt. Er breitete die Arme aus nach der Gestalt — da erwachte er.
Sein Entschluß stand int Augenblick fest. Mit dem frühesten, noch bevor er zur Universität ging, wollte er bei dem Photographen vorsprechen, der das Bild angefertigt, ihn befragen, wen es darstelle. Das Herz mußte seinem Eigentümer ober derjenigen, die. es verschenkt hatte, zurückerstattet werden auf jeden Fall. Er konnte sich unmöglich der Fund-Unterschlagung schuldig machen, so sehr es Friedrich Ignatius auch lockte, mindestens das weiche blonde Haar, das sich ordentlich zärtlich um seinen Finger geringelt hatte, zurückzubehalten.
Schnell und bereitwillig gab der Photograph die gewünschte Auskunft. Die Dame, welche das Bild darstelle, sei eine Fran Thalberg. Zur Zeit der Anfertigung des Bildes habe sie in der Parkstraße 13 gewohnt, Billa Sanssouci.
Der Professor klappte das Herz zu. „So. Ich danke Ihnen". Und er entfernte sich hastig. Am liebsten hätte er die schwarze Kapsel wieder an den Fundort zurückgetragen, zu den verdorrten Blättern. Kein Gedanke daran war ihm ge-
Diesem Wunsche können wir gewiß entsprechen, erwiderte Mildred mit einem fragenden Blick nach ihrer Mutter. , t
Gewiß Millie, bestätigte dtese, und totr sind Fraulein Wetheridge für ihren Besuch sehr zu Dank verpflichtet.
Ich danke Ihnen, erwiderte die Fremde herzlich. Auf dieser Karte finden Sie meine Adresse, sowie nähere Angaben über unsere Kirche, die Stunden des Gottesdienstes und so weiter. Bitte, fragen Sie am nächsten Sonntag nach mir, wir wollen beisammen sitzen, damit Sie sich nicht fremd fühlen. Nach dem Gottesdienst werde ich Sie dem Geistlichen vorstellen. Es war meine Pflicht Sie zu besuchen, da Sie in meinem Distrikt wohnen, jetzt aber wird es mir ein Vergnügen sein.
Sie werden immer willkommen sein, erwiderte Mildred, soviel wenigstens kann ich Ihnen versprechen.
Miß Wetheridge hatte den Handschuh abgenommen und verabschiedete sich mit warmem Händedruck von Frau Howell und Mildred. Dann winkte sie den Kindern freundlich zu, doch plötzlich beugte sie sich herab und küßte sie.
Ich finde nicht oft so küßbare Kinder, sagte sie errötend, und konnte der Versuchung nicht widerstehen.
Während des übrigen Tages erschien das Zimmer heller als gewöhnlich.
Mildred, ich denke, wir gehen zu ihrer Kirche, sagte die Mutter.
Gewiß, es war so angenehm, wieder jemand von unserer Klasse zu sehen und zu hören, man fühlt, daß man nicht durch einen Abgrund davon getrennt ist. Ich sehne mich wirklich zuweilen nach etwas anderem, als was dieses alte Haus enthält.
Am folgenden Sonntagnachmittag ging sie mit ihrer Mutter und Bella in die Kirche, wo sie ihre neue Freundin vorfand. Der Pastor, Mister Wentworth, war nicht von jenem hochgewachsenen, hageren Typus und sprach, wie ein vernünftiger, praktischer Mann reden würde über eine Sache, an die er fest glaubt. Man hatte nicht den Eindruck, eine vorher auswendig gelernte Predigt zu hören. Nach . dem Segen kam er von der Kanzel herab, um sich mit den Gemeindegliedern, die ihn zu sprechen wünschten, zu unterhalten. Er sprach wenig und einfach, aber Frau Howell und Mildred fühlten, daß dies der Ausdruck christlichen Geistes und wahren Interesses war. Bella geriet unwillkürlich etwas in den Hintergrund. Sie verbeugte sich sehr förmlich, als sie vorgestellt wurde, aber der Geistliche reichte ihr mit einem offenen, freundlichen Lächeln die Hand.
Miß Bella, sagte er, ich kenne Sie und möchte wünschen, daß wir gute Freunde werden.
Gern, erwiderte Bella, aber ich bin nicht so gut, wie meine Schwester.
Der Geistliche lachte herzlich.
Das ist ein Grund mehr, daß ich zu Ihnen kommen muß, sagte er.
Nun gut, aber dann bitte ich, abends zu kommen, denn ich möchte nicht um die Welt Ihren Besuch versäumen.
Gewiß! Er bezeichnete einen der nächsten Abende, und nun wandte er sich an Frau Howell: Meine Freundin Miß Wetheridge, hat mir mitgeteilt, in welcher Absicht Sie unsere Kirche besuchten. Wir üben keinen Zwang aus, außer einer herzlichen Einladung, sich uns anzuschließen. Es ist eine große Wohlthat, eine kirchliche Heimat zu haben. Sie haben nicht nötig, sich sogleich zu entscheiden, aber kommen Sie ab und zu und vielleicht werden Sie sich bei uns heimisch fühlen.
Einen Augenblick darauf sprcwh er ebenso freundlich, aber doch in anderer Weise mit einem ärmlich gekleideten Mann. Der Geistliche verstand es, einen Fischzug auf Menschen zu führen.
Kaum war Bella auf der Straße, als sie rief: Das ist ein wirklicher Diener des Herrn, ja — ja — das ist ein Mann! Fortsetzung folgt.


