Ausgabe 
20.12.1900
 
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Hurrah!" rief halblaut Roderich,, als der Küster verschwunden war.So darf ich Dir doch einmal einen weihnachtlichen Kuß geben! Komm' Rose, einmal weil Du so schön gesungen hast, und ein anderes Mal, weil Du rn der Kapuze so unverschämt lieb aussiehst. Drittens

o »ein. Du Unhold, jetzt ist's genug. Wenn Tante das wußte!"

Glaubst Du nicht, daß sie es wenigstens ahnt?" Wo sie nur sein mag?"

Ich denke mir, es wird ihr hier draußen zu kalt und nach der Predigt da drin im Herzen zu warm gewesen fern. Da hat sie sich reumütig allein auf den Heim­weg begeben!" sagte er.

Sv komm', daß ich, auch heimkehre! Mir ist so ungewiß zu Mute. Vielleicht ist sie krank geworden!" mernte ste, und ziemliche hastig schritt sie darauf an ferner Seite durch die dunklen Straßen ihrem alten Hause zu.

Noch uirgends Licht!" flüsterte sie.Wie merk­würdig! Vielleicht weiß die Köchin etwas!"

Ich werde hier unten auf- und abgehen und Deinen 'Bescheid erwarten!" erklärte er.Aber für den Fall, daß Du nicht wieder herunter könntest, bitte ich"

Um was?" fragte sie ahnungslos.

Um das!" lachte er und hatte ihr schnell noch einen Kuß auf die Lippen gedrückt.

Scheu flog sie die Treppe hinauf und eilte in die Küche: Marie wußte nichts. Nun durchleuchtete sie alle Zimmer; aber Tante Justine war nirgends zu finden.

Sie wird noch einen Weg gehabt haben!" tröstete die Köchin. Doch ließ sich Rose dadurch nicht beruhigen.

Ich gehe sie zu suchen!" erklärte sie hastig.Wenn Tante unterdessen kommen sollte, so sagen Sie ihr, daß ich ihretwegen noch einmal fortgegangen bin!"

Und dann huschte sie die Treppe wieder hinab mit einer Heidenangst im Herzen. Wo 'konnte sie nur sein? Alle bekannten Familien ließ sie Revue passieren, ohne zu einem Resultate zu kommen.

Roderich schlug ihr vor, hier und dort nachtzu- fragen, auch bei Kaufleuten, wo sie Aufträge zu geben pflegte. Das that sie denn auchj, aber überall ohne Erfolg.

Könnte ihr nicht etwas in der Kirche zugestoßen sein?" fragte Rose endlich.Du sagst zwar. Du hast sie herauskommen sehen, aber"

So genau kann ich! das auch nicht behaupten!" meinte er kleinlat.Vor allen Dingen wollte ich! Dich damit vorhin beruhigen!"

O, Roderich) so liegt sie vielleicht ohnmächtig auf den kälten Fliesen in der Kirche! Und wir" schluchzte sie.

Aber fasse Dich doch, Rose. Du weißt's ja noch gar nicht. Warte an der Kirch,e, bis ich mit dem Mster komme! Der alte Mann wird auch eine Freude haben, wenn er noch einmal aus dem warmen Bau heraus muß!"

Und eilig trabte er der nahen Wohnung des Küsters zu.

Tante Justine hatte zwar sehr süß in ihrem Kirchen­stuhl geschlafen und dabei Engel und Erzengel um sich her versammelt gesehen, aber als der Kirchendiener den knarrenden Schlüssel im Schlosse gedreht hatte, war ein so seltsamer Hall durch die Kirche gegangen, daß sie davon erwacht war. Zunächst hatte sie nun nicht gewußt, wo sie eigentlich war. Dann aber war's in ihr aufgedämmert und durch das Betasten des alten Stuhles, in dem sie saß, hatte sie sich Gewißheit verschafft: das war in der Kirche! Und sie war wirklich und wahrhaftig darin ein­geschlafen, gerade wie die nichtsnutzigen Bauernlümmel, die sie so verdammt hatte. Sie fühlte, wie ihr die Röte der Scham in die alten Wangen stieg. Es war entsetzlich, daß ihr gerade das hatte passieren müssen! Die un­verhüllten Kerzen waren daran schuld gewesen! Und ihr dicker Pelz! Und der süße Gesang! Und das sanfte Orgelspiel!

O Gott, was würden die Leute sagen, wenn sie es erführen! Wie würden die spitzen Zungen über sie her- faklen, wie die Jugend sie auslachen!

Aber vielleicht war die Pforte noch offen, vielleicht konnte sie noch unbemerkt entschlüpfen! Langsam tastete

sie sich in dem weiten, dunkeln Raume nach der Thür. Der Drücker gab nicht nach Sie war eingesperrt.

An dieser Pforte hatte sie Rose erwarten wollen, um dem schlimmen Leutnant einen Streich zu spielen! Hatte das Christkind das anders haben wollen? Fast kam es ihr wie ein Spiel der Vorsehung vor, und lange dachte sie darüber nach. Dann begann sie zu rufen; aber niemand hörte sie. Die Kirche lag so weit ab von allen Wohnungen. Vielleicht mußte sie nun hier bis morgen früh ausharren, wenn Rose nicht kam und sich um sie kümmerte; Rose, die sie halb und halb aus dem Hause gewiesen!

Gott, sie hatte es so schlimm ja nicht gemeint! Nicht halb so schlimm! Aber gesagt hatte sie's doch! Und wenn das Kind in seiner Unerfahrenheit nun einen unüberlegten Schritt that, so hatte sie's auf dem Gewissen! Das half also nichts, sie mußte nach Haus und wenn sie die Glocken deswegen ziehen müßte.

Schon hatte sie sich mit diesem Alarmgedanken mehr' und mehr vertraut gemacht, da hörte sie draußen plötzlich sprechen.

Es ist wirklich niemand mehr drin!" sagte Gispel mürrisch

Ach was", antwortete darauf eine Stimme, die ihr arges Herzklopfen bereitete; denn sie gehörte unfehlbar dem Leutnant von Wilmsen, dem sie sich am allerletzten in dieser Situation zeigen mochte,machen Sie keine Redensarten und schließen Sie auf. Die Dame kann eine Ohnmacht bekommen haben. Bei ihren Jahren wäre das kein Wunder, noch dazu, wenn so ein Wetter herrscht!"

Ganz gewiß!" erklärte jetzt auch Rose.Tante muß noch in der Kirche sein! Wenn ihr nur nichts schlimmes zugestoßen ist!"

Darauf wurde endlich die Thür geöffnet, und mit einer Laterne bewaffnet traten die Drei in das hallende Ge­wölbe. !

Tante!" rief angstvoll das junge Mädchen. Aber keine Antwort erfolgte.

Sie ist nicht mehr hier!" murmelte der Mster.

Wo ist ihr Stuhl?" fragte der Leutnant.

Und dann leuchtete er mit der Laterne in das Gitter­werk und rief:

Rose, komm schnell, sie ist wirklich ohnmächtig!"

Denn Tante Justine hatte, um der Schande zu ent­gehen, gethan, was sie in den langen Jahren ihres Lebens bisher nicht für möglich gehalten hätte: sie hatte einen Ohnmachtsanfall geheuchelt! Gott der Herr mochte es ihr vergeben!

Eifrig bemühte sich Rose, sie ins Leben zurückzurufen. Langsam gab sie den Anstrengungen nach. Wie das Kind jubelte, als sie die Augen aufschlug. Wie behutsam sie der Leutnant emporrichtete! Es that ihr wohl, das zu beobachten, obgleich es ihr abscheulich vorkam, so Komödie zu spielen!

Nachdem der Leutnant den Mster belohnt hatte, ließ er es sich nicht nehmen, im Verein mit Rose die Tante heimzugeleiten, wiewohl sie erklärte, jetzt wieder vollständig bei Kräften zu sein.

Erst an der Hausthür wollte er sich verabschieden. Aber da bat die Tante ihn, noch auf einen Augenblick mit hinauf zu kommen, da sie ihnen beiden etwas zu sagen habe.

Hastig schüttelte er sich den Schnee vom Mantel und schritt dann klopfenden Herzens den Frauen voran, die Treppe hinauf. Eine ganze Weile stand er allein in einem der großen Zimmer und sah auf die Straße hinab, too trotz des Schneefalls noch immer Kindertrüpplein umher­zogen und ihre Christnachtweisen sangen. Dann endlich that sich die Thür zum Nebenzimmer auf und auf der Schwelle erschien Tante Justine.

Bitte, Herr Leutnant, hier herüber!" sagte sie und winkte ihm, zu folgen.

Er schritt ihr nach durch ein paar dunkle Zimmer, bis er plötzlich hinter einer schnell geöffneten Thür einen stolzen Christbaum prangen und leuchten sah.

Sie haben sich mir gegenüber heute so wacker und teil­nahmsvoll benommen, Herr Leutnant", begann sie.

O bitte, verehrtes Fräulein!" sagte er.Das war nur meine Pflicht."

Ritterlich gedacht!" nickte sie.Wer auch, wie