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Sie's thaten, hat mich gefreut! Ich habe nämlich alles gehört; auch wie Sie vor der Kirche mit dem Küster sprachen! Denn, — ich muß es Ihnen gestehen, was Sie auch von mir denken mögen, — ohnmächtig war ich gar nicht, sondern--eingeschlafen! — Der Himmel weiß,
wie es gekommen ist! Vielleicht, um uns ein fröhliches Christfest zu stiften! Wenigstens habe ich mir das in meinem einfältigen Sinn gedacht! — Sie haben damals ihre eingeschlafenen Soldaten entschuldigt, vielleicht verzeihen Sie einer alten Frau auch das sündliche Theater, das sie in der schrecklichen Verlegenheit und aus Angst vor dem klatschhaften Küster aufgeführt hat! Und wenn Sie's auch schändlich und einer christlichen Kreatur durchaus unwürdig finden: schon daß ist es Ihnen jetzt gebeichtet habe, ist eine große Erleichterung für mein arg bedrücktes, altes
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„Liebes Fräulein!" rief Roderich feurig, „ich glaube. Sie haben mir zur Feier des Tages alle meine Streiche vergeben! Was hat da Ihre unschuldige, kleine Täuschung noch für Bedeutung! Ich war doch manchmal ein viel größerer Sünder!"
„Alles vergeben! Und nicht nur meiner thörichten Selbstgerechtigkeit wegen, die vorhin so böse Schiffbruch, gelitten hat!" lächelte Tante Justine. „Doch damit Sie's auch glauben, hat Fräulein Fafner, das schreckenverbreitende Ungetüm, sogar ein paar Ringe aus dem alten, gleißenden Nibelungenhort geholt, mit denen Ihr Schlingel Euch hier unterm Weihnachtsbaum verloben dürft!"
„Einzige Tante!" rief glückstrahlend Rose und fiel ihr um den Hals, während Roderich sich, bückte, ihr die Hand zu küssen. — \
Im gleichen Augenblicke setzte unten auf der Straße ein frischer Knabenchor ein:
„Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft —"
Aber just hier brachen die Stimmen ab, wohl weil ihnen ein fröhlicher Spender die Hände mit Weihnachtsgaben füllen mochte. Und die Drei oben waren gerührt und mußten doch lächeln. Tante Justine aber nickte und flüsterte: „Weil es das Christkind so wollte!"
GeinsinnÄtziges.
„Ein.Frei Willigenjahr für Frauen in der Krankenpflege" betitelt sich eine Broschüre, die von dem Begründer und Leiter des Ev. Diakonievereins, Professor D. Dr. Zimmer in Berlin-Zehlendorf herausgegeben und im Verlage dieses Vereins erschienen ist. Bekanntlich ist seit etwa 40 Jahren von den verschiedensten Seiten für Frauen ein Seitenstück zum militärischen Dienstjahre der Männer gefordert worden, und durch die Diakonieseminare des Diakonievereins ist seit sechs Jahren nun auch gebildeten Damen Gelegenheit gegeben, ein solches Dienstjahr wirklich freiwillig, d. h. ohne Zwang, mit der Berechtigung jederzeitigen unentschädigten Austritts, ohne Verpflichtung für die Gegenwart und Zukunft und ohne Kosten durchzumachen. In wie glücklicher Weise, zeigen die hier zusammengestellten Aeußerungen von 29 früheren Seminaristinnen, Erfahrungen und Urteile bezüglich des von ihnen in einem solchen Freiwilligenjahr Erlebten. Namentlich die körperliche Ausbildung und die Schulung des Willens und des Charakters sowie die mannigfachen Ausblicke in Herz und Leben werden allerseits mit Dank hervorgehoben. Die wenigen Blätter zeigen deutlich, daß ein solches Freiwilligenjahr für Frauen, allgemeiner eingeführt, ein unberechenbarer Segen der Frauenwelt unserer mittleren und höheren Stände werden würde.
Mumenpflege.
Ohne große Kosten auf schlechtem Boden gute Rosen zu ziehen, scheint ein Kunststück und ist doch keins. Man muß nur richtig vorgehen — wie? das ersehen wir eben aus Nr. 39 des „Erfurter Führers im Gartenbau". Hier schildert ein begeisterter Rosenfreund seine traurigen Erfahrungen und erzählt, wie weder Mistbeeterde noch Stalldung seinen Rosen genützt habe. Durch Zufall ist er dann zum Torfmull gekommen, und dieser
hat an den Rosen Wunder gethan. Sie gedeihen seit jener Zeit prächtig und sind auch winterhart. Die Ausführungen sind interessant und überzeugend geschrieben.. Da es 'viele Rofenliebhaber geben soll, die mit ihren Rosen kein sonderliches.Glück haben, mag ihnen dieser Artikel zur Durchsicht empfohlen werden, um so mehr, als den Lesern der Familienblätter die Nummer umsonst zur Verfügung steht, wenn sie sich mittelst Postkarte an das Geschäftsamt des „Erfurter Führers" nach Erfurt wenden.
Litterarrsches.
Seidel, Heinrich, WinkermäUche«. 2 Bde. in Leinwand geb., mit Goldschnitt. Preis jeden Bandes Mk. 4,—. I. G. Cott a'sche Buchhandlung Nachfolger, G. m. b. H., Stuttgart.
Heinrich Seidel, der sich so meisterhaft auf das Hcllsehen versteht, weiß auch dem Zaubcrschleier des Märchens tiefsinnige Lebenswahrheiten zu entlocken und sie zu anmutigen Bildern zu verdichten, deren Betrachtung ebenso gemütbildend als unterhaltend und lehrreich ist. Als Leitsatz tragen die Wintermärchen den Ausspruch E. T. A. Hoffmanns:
Jeder prüfe wohl, ob er auch wirklich das geschaut, was er zu verkünden unternommen, ehe er es wagt, laut damit zu werden.
Seidel hat sich ihn zu eigen.gemacht in einer Weise, wie es nur ein Mann mit seinen Gaben vermag.
,,Tausendschön". Novellen von Erwin Steinau. C. Piersons Verlag; Dresden, 1901. — Marguerite-Tausendschön heißt die Heldin der ersten Novelle, die dem ganzen Bande den Namen gv BL Aus der sonnigen Stadt der Jeanne d'Arc führt sie ein junger Wiener Journalist als sein glückliches Weib an die Ufer der schönen blauen Donau, um ihr statt der drohenden Konvenienzehe ein Heim voll reiner Liebe zu b-eten. Mischt sich in die Erzählung dieser Brautfahrts- und Herzensgeschichte kein düsterer Klang, so ermangeln die beiden folgenden Novellen nicht einer gewissen Tragik. In der ersten hat sich der Held >n dem Weibe seiner ersten Wahl getäuscht und bringt dann die ihn wahrhait Liebende in Not und Elend, in der letzten irrt sich em liebendes Weib in dem Mann ihrer Wahl, vermag aber durch einen klug ersonnenen Plan sich noch vor dem „letzten, verhängnisvollen Schritt zu bewahren, um fortan ihr Leben nur sich allein zu leben. Fabel und Zwiegespräch der ersten Novelle in Briefform gefaßt, in den beiden ander en als rückblickende Erzählungen wiedergegeben, sind knapp und charakteristisch zugleich, die Figuren lebenswahr und sympatisch gezeichnet.
Ein reizendes Spielzeug. Man kann sich unmöglich etwas Zierlicheres denken, als die Weihnachtsgabe, die die „Wiener Mode" ihren Abonnentinnen mit dem schon jetzt erschienenen Neujahrhefte zusendet. Es ist dies ein Miniaturheft, so niedlich, daß man es in die Tasche stecken kann, und so fein ausgeführt, daß die Kleinheit der Bilder und der Schrift durchaus nicht störr. Dem Hefte, das das Entzücken von Klein und Groß bildet, sind ein Kalender und ein Notizbüchlein beigegeben, die ihm auch praktischen Wert verleihen. Das Büchlein, das der Druckerei der Gesellschaft für graphische Industrie alle Ehre macht, wird auch neu eintreleuden Abonnentinnen umsonst geliefert und dürste gewiß unter vielen Christbäumen neben der Abonnementskarte der „Wiener Mode" als gern gesehenes Geschenk liegen.
Kinder-Arituug. Herausgegebekt von Felix von Stenglin, Groß-Lichterfelde. Inhalt von Nr. 12. Was in der Welt vorgeht: Das „Tabakskollegium"; Ueberfchwemmung in Rom; Auf dem Markt zu Tientsin; Ohm Krüger in Deutschland; Das Labyrinth zu Kreta; Kleine Notizen. Aus dem Reiche der Natur: Wie lauge hält sich Holz in der Erde? Der Beobachter in Wald und Feld: Die hungrige Krähe. „Was John Dollond der Taucher erzählte» von Bruno H Bürgel. iSchluß.) „Jndianerleden im Thürrnger Wald" von Felix von Stenglin. (Forts.) Erlebnisse. Neue Bücher. Anzeigen. Zu beziehen durch alle Postanstalten, Buchhandlungen und die Expedition in Groß-Lichterfelde.
Delphischer Spruch.
Nachdruck verboten.
Schneidend schaff' ich dir Segen; doch änd're mein Haupt und begrab mich Dann, o Wunder, empor spross' ich als mächtiger Baum.
Auflösung folgt in nächster Nummer.
Auflösung des Scherzrätsels in vor. Nr.:
Madame, Adam, Da (Niel, Daniel).
Briefkasten.
VV. K. W......, G. Bei aller Achtung vor dem form
vollendeten Ausdruck Ihrer Gefühle, müssen wir es doch ablehnen, solche der schwarzlockigen Schlanken zu vermitteln. In diesem Sinne wollen die Familienblätter nicht genommen fein. ©• R-
»ebrftiort: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch. und Steiudruckerei (Pietsch Erben) in «ießen.


