Ausgabe 
20.12.1900
 
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die Lehne ihres Armstuhles, während die arme Rose ihren Leichtsinn verwünschte, der sie verführt hatte, den Brief in dem dummen Muff stecken zu lassen. Uebrigens war sie nicht ganz so niedergeschmettert, wie ihre Pfle­gerin, die seit dem frühen Tode ihrer Eltern wahrhaft mütterlich für sie gesorgt hatte, annahm. Wußte sie doch, daß Tante Justine ein gutes Herz hatte und daß nur ihr hartnäckiger Starrsinn sie so gegen den Geliebten poltern ließ. Sie machte daher noch einen leisen Versuch!, ihr beizukommen.

Wenn i,ch nur wüßte, was Dir Ro, ich meine Herr von Wilmsen so Schlimmes angethan hat!" seufzte sie; denn daß er Dir damals nicht recht gegeben hat, als Du die armen Soldaten, die in der Kirche eingesclstafen ivaren, zu wer weiß was für harten Strafen verurteilt sehen wolltest, kannst Du ihm doch nicht fo lange nache tragen. Er beurteilte die Sache von seinem Standpunkte aus jedenfalls nicht gerade falsch! Pastor Niebuhr predigt wirkliche mitunter über die Köpfe der armen Bauern­burschen weg, und wenn sie Samstags bis in die Nacht hinein haben scheuern und putzen müssen und nicht aus­geschlafen haben, so kann so was Menschliches eben geschehen!"

Das verstehst Du nicht, Rose. Es ist unter allen Um­ständen eine Frechheit, ob sie den Pastor verstehen oder nicht; ein Skandal, den ein Offizier niemals verteidigen sollte!"

Er hat sie auch! gar nicht verteidigt. Die Leute haben einen gehörigen Wischer bekommen. Verlaß Dich drauf".

Ein Wischer nützt da nichts. Ins Loch! gehören solche Lümmel! Punktum! Und nun mach'', und zieh' Dich an, daß wir in die Kirche kommen!" trumpfte Tante Justine, und ziemlich verstimmt schlich Rose in ihr Zimmer hin­über, um sich für den Aufenthalt in der ungeheizten Kirche einzumummen. Die ganze Festfreude war ihr verdorben. Wahrhaftig, wenn sie nicht ein paar Solo­sätze in den Weihnachtschören zu singen gehabt hätte, sie wäre jetzt zweifellos daheim geblieben. Aber dann hätte sie den alten Kantor in die größte Verlegenheit gesetzt. Das ging denn doch; nicht gut an.

Eine Stunde später stand sie daher richtig auf dem hohen Chore, mit den übrigen Sängern und Sängerinnen um den weißlockigen Dirigenten geschart, während Tante Justine in dem vergitterten Kirchstuhle ihrer Fannlre, der schon seit Jahren nur noch von ihr und Rose benutzt wurde, Platz genommen hatte, wohl verwahrt in Pelz-Kapote, Pelz-Mantel und Fußsack, die erprobten Ab­wehrmittel gegen die abscheuliche Gicht- Nicht immer haben die Wachtposten eine so fürsorgliche Ausrüstung. Fast war es ihr zu warm in dem trefflichen Pelzwerk; denn die Temperatur in der Kirche war noch' ziemlich erträglich, weil Wind und Kälte die Mauern noch nicht durchdrungen hatten. Doch' ließ sie sich nicht verleiten, den Mantel zu öffnen; sie hatte darin ihre Erfahrungen gemacht.Lieber ein bischen schchitzen!" dachte sie.Einen Knax hat man gar zu leicht weg!"

Und dann verfolgte sie mit Andacht und Festfreude den einleitenden Gesang des! Chores, stellte zu ihrer Be­ruhigung dabei auch fest, daß Rose nicht in die vorderste Reihe getreten war, und lauschte dann der Weihnachts­predigt des geschätzten Pastors Niebuhr, der die Weisheit so recht aus dem Vollen zu schöpfen verstand und seine Zuhörer immer an der rechten Stelle packen wußte.

; Rur einmal, als er von der Macht des Kreuzes sprach und dabei Konstantin als Beispiel anführte, geschah es im Eifer der Rede, daß -er das prophetische Wort: In diesem Zeichen wirst Du siegen!" lateinisch zitierte. Und da ihr diesesIn hoc signo Yinces fremd War, wurde ihr der ganze Satz nicht recht verständlich. Sw nickte gedankenvoll. So ganz und gar unrichtig war das doch' nicht, was Rose gesagt hatte vomüber die Köpfe wegreden!" Aber einzuschlafen brauchte sie deshalb noch lange nicht! Uebrigens empfand sie, daß die Altarkerzen, in die.sie gerade hineinsehen mußte, am Abend doch viÄ mehr blendeten, als während der Sonntag-Vor­mittage, an denen sie hier zu sitzen pflegte. Auf die Dauer wurde das ungedämpfte Kerzenlicht wirklich eine

kleine Pein für ihre alten Augen. Aber es hinderte sie ja niemand, ab und zu die Lider zu schließen. Man hörte dann sogar viel deutlicher. DiesesFriede auf Erden", das sich durch die Rede des Predigers zieht, scheint ihr jetzt viel tiefer ins Herz zu dringen als vorher. Leise fangen ihre Gedanken an zu wandern. Leise leise löst sich ein Stück nach dem andern von jenem Starrsinn, der ihr Herz verhüllt. Hat sie wirkliche ein Recht, das Leben Rose's eigenmächtig in ganz andere Bahnen zu lenken, als das Kind sie wandeln möchte? Sie beschließt, daheim noch einmal ernstlich mit sich zu Rate zu gehen und den Bürgermeistersohn zunächst nicht zu ermutigen. Und wie nun nach dem Amen des Pastors der Chor oben einsetzt:

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede aus Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Amen! Amen! Amen!"

und diese heiligen Worte in immer andere, köstliche Me­lodien kleidet, da wird ihr so frei und froh ums Herz, wie das ganze Jahr nicht. Es thut eben noch immer Wunder, das Christkind.

Der Gesang ist verhallt. Leise fängt der Organist auf der großen Orgel sein Nachspiel an. Und das klingt und singt, als kämen wirklich dieMenge der himmlischen Heerscharen" vom Himmel und schwebten durchs die Kirche über den Altar hin. Wie Silber glänzen die weißen über­irdischen Flügel. Man mag wollen oder nicht: vor so viel Glanz muß man die Augen schließen.

Draußen am Portal stand, in seinen grauen Mantel gehüllt, Leutnant von Wilmsen und musterte die Heraus­pilgernden. Endlich sah er unter einem rotseidenen Kopf- tüchlein das süße Gesicht Fräulein Rose's auftauchen. Mit einer leisen Kopfbewegung ging er ein paar Schritte seit­wärts, um sie im Dunkel des nächsten Pfeilerschattens zu erwarten. Aber er stapfte vergebens in dem frischen Schnee herum. Rose kam nicht. Währenddem hatte das Gotteshaus sich! geleert. Verwundert kam er daher an's Portal zurück.

Rose!" flüsterte er halblaut; denn sie stand noch da und blickte in das Schiff der Kirche hinein, wo der Küster eben eifrig ein Licht nach dem andern ver­löschte.Hast Du mich denn nicht gesehen vorhin?"

Doch !" lispelte sie zurück.Aber ich muß hier auf Tante Justine warten!"

Die ist längst hinaus!" flunkerte er.Warum hattest Du sie überhaupt mitgebracht? Das Wetter war doch schlecht genug!"

O, sie hat Deinen letzten Brief gefunden und mir verboten, mit Dir weiter zu verkehren!"

Wozu ihr der Teufel ein Recht gegeben hat! Wie darf sie Dich derartig bevormunden?"

Du weißt doch wie abhängig wir von ihr sind!"

Leider Gottes!" -seufzte er.Aber wenn alle Stränge reißen, hänge ich' den Waffenrock an den Haken und nehme irgend eine Zivilstellung an. Dann kann sie uns den Hobel ausblasen!"

Still doch', Roderich. Vielleicht steht sie hier irgendwo und horcht! Sie wollte mich bestimmt an der Pforte erwarten, damit ich mit Dir nicht zusammentreffen könnte! DasFräulein Fafner" hat sie Dir sehr übel genommen!"

Ja höre 'mal, hat sie denn das verstanden?" fragte er verwundert.

Natürlich'! Sie ist früher seht oft nach Dresden ins Theater gefahren und hat sich Wagner angehört?!"

O weh! Wer sag 'mal, wollen wir hier denn noch' lange stehen?"

Still, da kommt sie! Ich! bitte Dich, geh'!" wisperte Rose und wie ein Dieb war er wieder hinter den im Schatten liegenden Kirchenpfeiler gehuscht. Aber es war nur der Küster, der, das letzte Licht in der Hand, aus einem Seitengange kam, um die Kirchenthür zu schließen.

Ich! warte auf meine Tante, Herr Gispel", sagte sie. Längst fort! Alles fort!" murmelte der hagere.

vor Frost zitternde Mann und drehte den großen Schlüssel herum.Fröhliche Weihnacht, liebes Fräulein! Und gute Nacht!"

Damit schlurfte er davon.