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Davon, daß es schpn so tief bei Ahnen säße, hatte ich wirklich keine Ahnung."
„Aber Sie sind int Irrtum", stammelte Sigismund, „ich gebe Ihnen die Versicherung —"
„Nichts da!" wehrte Sandory ab. „Glauben Sie, einen Mann von meiner Erfahrung hintergehen zu können? Die ganze Herzenstragödie steht Ihnen ja auf dem Gesicht geschrieben. Und was da etwa noch fehlt, kann ich mir» aus der Erinnerung an meine eigenen Jugendeseleien leicht genug ergänzen. Dergleichen müssen wir alle durch- machen, das ist wie ein Naturgesetz. Und man braucht es, wie der Stahl den Hammer braucht, wenn es "einem auch zuerst nicht ganz leicht wird, das einzusehen. Also fassen Sie Vertrauen zu mir, mein Junge, und reden Sie sich alles vom der Keele weg! Das ist das beste, was man in solcher Lage thun kann."
Aber Sigismund schüttelte verneinend den Kopf.
„Ich zweifle nicht, daß Sie es gut meinen, aber wenn es sich! . auch so verhielte, wie Sie annehmen — davon kann man nicht sprechen, Herr Sandory!"
„So will ich Ihnen die Beichte leicht machen; es ist genug, wenn Sie Ja oder Nein dazu sagen. Also diese kleine Nixe hat Sie am Narrenseil herumgeführt, hat Ihnen eingeredet, daß sie Ihre Liebe erwidert —"
Jetzt siel ihm der junge Kaufmann beinahe heftig ins Wort: „Fräulein Elli hat nichts derartiges gethan, ich schwöre es Ihnen, Sie ist so wenig einer Lüge, als irgend einer anderen unlauteren Handlung fähig. Ich kann es nicht zugeben, daß man sie beschimpft."
„Geben Sie mir Ihre Hand, mein junger Freund! Ihre Ritterlichkeit macht Ihnen Ehre, und idy achte Sie darum, wie viel Thorheit auch immer darin stecken mag. Also Fräulein Elli hat Sie nicht verraten. Aber sie ist jedenfalls abgereist, ohne Ihnen Lebewohl zu sagen, und sie wird nach! aller menschlichen Voraussicht niemals wiederkommen. Das Idyll -ist also zu Ende, und es halft nichts, die Ohren hängen zu lassen. Oder haben Sie etwa noch einen anderen Grund, diese plötzliche Abreise der Frau Pollnitz zu betrauern?"
Sigismund drehte sein Gesicht zur Seite. „Verlangen Sie nicht, daß ich mich darüber ausspreche. An dem, was einmal geschehen ist, läßt sich nichts mehr ändern."
„Also wirklich! Nun, diese zärtliche Mutter ist nicht bedenklich gewesen, das muß man ihr lassen! Sie haben ihr also Geld gegeben — vielleicht eine große Summe?"
„Quälen Sie mich" .nicht — ich bitte Sie! Ich kann — ich darf es nicht sagen."
„Aber, zum Henker, junger Mann, warum dürfen Sie es denn nicht? Etwa aus Rücksicht auf diese Person, die Sie hintergangen "hat, wie eine ganz gemeine Betrügerin? .Sie sehen doch, daß ich es nicht schlecht mit Ihnen im Sinne habe. Aus bloßer Neugier nehme ich, sicherlich Ihr Vertrauen nicht in Anspruch,"
„Nun wohl, ich will nicht, daß Sie meinem Schweigen eine Deutung geben, die etwas Kränkendes für Sie hat. Ja, es ist, wie Sie vermuten; und das Geld, das ich; ihr gegeben habewar nicht, einmal das meine. — Und nun lassen Sie mich gehen! Wenn das Idyll zu Ende ist, wie Sie sagen, frommt es auch! nicht, noch, viele Worte darüber zu machen."
„Sehr schön! Aber wenn ich Sie nun gehen lasse, was werden Sie dann thun?"
„Was für einen Menschen in meiner Lage selbstverständlich ist, Herr Sandory!"
„Auf gut deutsch: Sie werden sich eine Kugel vor den Kopf schießen oder dergleichen! Das Leben ist ja in sollhem Fall immer das erste, was ihr jungen Leute wegzuwerfen pflegt."
„Ich habe nur noch die Wahl zwischen dem Gefängnis oder dem Tode. Und ich glaube wohl, daß Sie sich ebenso entscheiden würden wie ich!, wenn Sie das Unglück hätten, in meiner Haut zu stecken."
„Schwerlich! Man müßte mir denn zuvor die unumstößliche Ueberzeugung beibringen können, daß mit einem solchen Pistolenschuß auch! wirklich! alles zu Ende sei. Aber ich gebe zu, daß ich kein mustergiltiges Vorbild bin, und wir wollen meine Person darum ganz
beiseite lassen. — Jenes Geld war dach Eigentum Hhres Vaters?"
„Nein! Es war mir von meinem Chef anvertraut Wörden, damit ich. eine binnen kurzem fällige Versicherungsprämie davon bezahle."
„Wie groß war die Summe?" „Zweitausend Mark."
„Die Sie dem Weibe natürlichst bis aus den letzten Groschen ausgeliefert haben?"
„Ja! Frau Pollnitz versprach! das Darlehen innerhalb einer Woche zurückzuerstatten, und ich hoffte, daß eine Entdeckung vorher nicht erfolgen würde."
„Ein Genie — diese Schauspielerin! Sie haben keine Aussicht, den Betrüg zu ersetzen, auch wenn Sie sich Ihrem Vater entdecken?"
„Meinem Vater?" ries Sigismund schmerzlich aus. „Ah, wenn Sie ihn kennten, so hätten Sie diese Frage nicht an mich gerichtet."
„Gut denn! So werde ich; . Ihnen das Geld geben — leihweise natürlich und gegen die Verpflichtung, daß Sie es mir zurückzahlen, sobald Ihre Mittel es Ihnen gestatten."
Sigismund eilte auf ihn zu und erfaßte mit beiden Händen seine Rechjte.
„Das ist ein großmütiges Anerbieten. Ich danke Ihnen dafür aus der Tiefe meines Herzens. Aber annehmen kann ich es nicht."
„Wie? Haben Sie sich! in die poetische Vorstellung des Totschießens schon so verliebt, daß Sie sich nicht mehr davon losmachen können? Dann habe ich mich in der Schätzung 'Ihres Charakters allerdings getäuscht, junger Mann!"
„Sie sollten mir nicht zürnen; denn es würde mir sehr weh thun, gerade Ihnen, der Sie so edelmütig gegen mich! gewesen sind, eine schlechte Meinung zu hinterlassen. Aber Sie müssen doch einsehen, daß ich nicht anders kann. Ich würde vielleicht erst nach Jahren im stände sein. Ihnen das Darlehen zurückzugeben. Und wenn Sie es auch; daraufhin wagen wollten was wäre mir am Ende damit geholfen? Ob meine Unredlichkeit öffentlich bekannt wird oder nicht, aus meinem eigenen Bewußtsein kann ich! sie doch nicht tilgen. Und was ist an dem Dasein eines Menschen gelegen, der sich selber verächtlich geworden ist?"
Sandory stand auf und trat dicht vor den Verzweifelnden hin. „Nun hören Sie mich; einmal an, junger Freund! Alles, was Sie sich und mir da von verlorener Selbstachtung und dergleichen einreden wollen, ist gar nicht Ihr Ernst. Denn Ihr Vergehen war die Dummheit eines verliebten Thoren, aber keine Schlechtigkeit. Tausend andere würden in der nämlichen Versuchung genau so kläglich unterlegen sein wie Sie, und mit den Angst, die Sie bis zu diesem Augenblick ausgestanden haben, ist Ihr Verbrechen hinlänglich gebüßt. Aber es paßt Ihnen gar nicht schlecht, daß Sie in Ihrer unverzeihlichen Schuld einen so tragischen Vorwand haben für Ihre verrückten Selbstmordabsichten. Als Sie hörten, daß der Gegenstand Ihrer Anbetung Ihnen für immer entschwunden sei, da kamen Sie ohne weiteres zu dem Schluß, daß nun alles aus sei, und daß von einem Leben ohne Elli überhaupt nicht die Rede sein könne. Ein Pistolenschuß oder ein Sprung ins Wasser ist für einen verratenen Liebhaber in Ihren Jahren immer der selbstverständlichste Ausweg. Aber erinnern Sie sich gefälligst, daß auch noch andere Leute außer Ihnen aus der Welt sind — zum Beispiel Ihr Vater öder Ihre Mutter; Leute, die .eg wahrscheinlich nicht um Sie verdient haben, daß Sie ihnen einen solchen Kummer zufügen. Bieten Sie Ihre dichterische Phantasie auf, um sich die Szenen vorzustellen, deren Schauplatz Ihr Elternhaus sein würde, und wenn Sie das alles gethan haben, dann schjämen Sie sich; ein bißchen, und danken Sie dem Himmel, daß hier zufällig jemand ist, der Ihnen aus der Patschje helfen will. Aber vergönnen Sie sich Nicht zu viel Zeit zum Ueberlegen; denn mir ist an einem Manne nichts so gründlich! verhaßt, als haltlos umhertappende Gefühlsduselei! — Hier sind zwei Tausendmarkscheine, und da ist der Schreibtisch, an welchem Sie mir den Schuld-


