Ausgabe 
20.11.1900
 
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(Nachdruck verboten.)

Unter dem Schwerte der Themis.

Roman von Reinhold Ortmann.

1 (Fortsetzung.)

Gin gelangweiltesHerein!" antwortete ihm auf sein Klopfen, und von dem Ruhebett her, auf dem er rauchend und lesend gelegen hatte, streckte ihm Sandory die weiche, wohlgepflegte Hand entgegen.

Sie entschuldigen wohl, wenn ich mich nicht zu Ihrer Begrüßung erhebe, lieber Freund! Das gestrige Fest steckt mir noch ein wenig in den Gliedern. Da nehmen Sie sich eine Zigarre oder eine Zigarette ganz nach Belieben! Und wenn Sie Lust haben, irgend etwas zu trinken"

Ich danke für alles, Herr Sandory! Ich bin nur heraufgekommen, weil ich! Sie um eine Auskunft bitten möchte. Aber Sie dürfen mich nicht auslachen. Es ist doch sicherlich nicht wahr,. daß Frau Pollnitz und ihre Tochter die Stadt verlassen haben?"

Er schämte sich fast, das unsinnige Geschwätz jenes boshaften Weibes nachzusprechssn. Sandory wandte ihm sein Gesicht zu und sagte lächelnd:Gewiß ist es wahr, mein bester Herr Ruthardt! Sie sind auf und davon wie ein paar rechte Zigeunerinnen. Nicht einmal mir, ihrem besten Freunde, haben sie ein Wort des Abschieds gegönnt. Ich! hätte mich beinahe darüber geärgert, wenn es mich nicht gleichzeitig so sehr belustigt hätte. Es toctr doch ein ganz verteufeltes Weib, diese dicke Anstandsdame und zärtliche Mutter Ihres ausgezeichneten Stadttheaters."

Sigismund saß ihm gegenüber mit geisterhaft großen Augen und zitternden Lippen. Er drehte seinen Hut zwischen den Händen und schluckte, als ob ihm etwas Fremdes in der Kehle säße, das ihn am Sprechen ver­hinderte. Sandory nahm sich eine neue Zigarette, und indem er sie sehr aufmerksam betrachtete, bevor er sie anzündete, plauderte er weiter:Uebrigens war es fast vorauszusehen, daß dies eines schönen Tages das Ende sein würde. Sie steckten ja bis über die Ohren in Schulden, und man hätte ein Vermögen daran weichen können, um sie herauszureißen. Die Bedürfnisse solcher Damen gehen immer ins Angemessene. Das ist wie ein Faß ohne

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offnitng auf Hoffnung geht zu Scheit«, Aber das Herz hofft immer weiter; Wie sich Wog' über Woge bricht, Aber das Meer erschöpft sich nicht.

Rückert.

Boden. Diese kleine Elli mit ihren Märchenaugen dürfte noch manchen ruinieren."

Sie meinen also, daß es sich um eine Flucht handelt um eine wirkliche Flucht, und daß sie daß sie Nicht wiederkommen werden?"

Sie werden sich! hüten. Die undankbaren Walden- berger, die Fräulein Wlis Talent und besonders ihre Schönheit so wenig zu würdigen verstanden, werden nie mehr des Glückes teilhaftig werden, Mutter oder Tochter in ihren Mauern tzu sehen."

So wissen Sie vermutlich! auch nicht, wohin sich die Damen gewendet?"

Nein! Wer seinen Gläubigern durchgehen will, pflegt nicht an die große Glocke zu hängen, welches Reiseziel er sich ausersehen hat. Mer ich vermute nach gewissen Andeutungen, daß Frau Pollnitz ihr Heil diesmal im Auslande versuchen wird. Noch in den letzten Tagen war sie eifrig bemüht, eine größere Geldsumme aufzu­treiben, und wenn ihr das mit Hilfe von Fräulein Ellis schönen Augen wirklich gelungen sein sollte, so dürften sie fid) aufgemacht haben, den sagenhaften Gatten und Vater jenseits des großen Wassers zu suchen."

Sigismund Ruthardt legte für einen Moment die Hand an die Stirn. Dann stand er auf.

Ja, ich! glaube wohl, daß es so ist, und ich bitte um Entschuldigung, daß ich Sie gestört habe. Wer was Ihre Aeußerungen über Fräulein Elli betrifft, so möchte ich! Ihnen doch sagen, daß Sie sich in einem Irrtum befinden. Selbst wenn die Mutter unehrenhaft gehandelt haben sollte, auf die Tochter kann gewiß nicht der ge­ringste Makel fallen. Ich bitte Sie von Herzen, das allen Leuten zu wiederholen, die in der Folge vielleicht geneigt sein könnten, Fräulein Pollnitz etwas Uebles nachzusagen."

Seine Stimme bebte seltsam, während er die letzten Worte sprach Ohne daß er es beabsichtigte oder dessen auch nur inne wurde, war eine gewisse düstere Feierlich keit in seinem ganzen Wesen.

Sandory ließ ihn bis zur Thür gehen; dann richtete er sich aus seiner bequemen Lage empor und rief ihn an:Hören Sie, Mein lieber Herr Ruthardt, bleiben Sie doch! noch ein wenig! Nachdem ich! Ihnen Ihre Fragen nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet habe, möchte ichi nun auch'meinerseits gern einiges von Ihnen erfahren. Aber Sie sollen mir zuvor bestätigen, daß Sie mich für Ihren Freund für Ihren aufrichtigen Freund halten. Können Sie das über sich gewinnen?"

Müßten Sie es denn nicht für eine Beleidigung nehmen, wenn ich; verneinte?"

Nun also! Und als Ihr Freund würde ich mich geradezu eines Verbrechens schuldig machen, wenn ich Sie in solchem Zustande fortgehen ließe. Es: ist ja wahrhaft erbarmungswürdig, wie diese Geschichte Sie mitnimmt.