Ausgabe 
20.10.1900
 
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Obwohl mein Aufenthalt in Waldenberg erst nach Stunden zählt, habe ich doch schon so viel Anheimelndes gefunden, daß ich ernstlich mit dem Gedanken umgehe, mich dauernd bei Ihnen niederzulassen".

Doktor Ruthardt machte eine leichte Kopfbewegung. Das ist recht schmeichelhaft für unsere Stadt. Aber gestatten Sie mir die Frage: sind Sie krank?"

Soviel ich weiß nein! Ich erfreute mich bisher stets einer ausgezeichneten Gesundheit, und es ist sozusagen eine Privatsache, die mich heute zu Ihnen führt".

Der Doktor ließ ihn nicht weiter reden.Ich bedaure, mein werter Herr, aber ich muß Sie unter solchen Umständen schon bitten, am Nachmittag wieder zu kommen, wenn ich meine Krankenbesuche beendet habe. Sie wissen wohl: ein Arzt kann niemals nach eigenem Belieben über seine Zeit verfügen".

Rudolf Sandory lächelte noch immer sehr verbindlich. Mein Anliegen kami in wenig Minuten abgethau sein, Herr Doktor! Ich erfuhr zufällig von Ihrer: hochherziger: Bemühungen für die Errichtung eines Kinderkrankenhauses in Waldenberg, und ich möchte gern nach meinen be­scheidenen Kräften zu der Verwirklichung Ihres schönen Planes beitragen. Obwohl ich noch unverheiratet bin, habe ich Loch ein, warmes Herz für die Kinder, zumal wenn es die unglücklichen Kinder der Armen sind. Meine eigene, freudlose Jugend hat mich gelehrt, ihre Leiden zu verstehen, und ich werde glücklich sein, wenn ich durch mein Scherflein auch! nur einem von ihnen ersparen kann, was mir selber an Drangsalen und Bitterkeiten beschieden war".

Er hatte einen Briefumschlag aus der Tasche ge­nommen und ihn auf den Schreibtisch niedergelegt. Doktor Ruthardt öffnete ihn sofort und zog einen zu­sammengefalteten Tausendmarkschein heraus.

Das ist viel Geld, Herr Sandory! Sie müssen ein reicher Mann sein, um sich das gestatten zu können".

Mein Reichtum ist vielleicht nicht so groß wie meine Freude, daß ich! einer guten Sache dienen darf".

Nun, ich danke Ihnen jedenfalls in: Namen der armen Kinder. Und ich werde dafür sorgen, daß Ihr Name in der Liste der Wohlthäter Aufnahme finde".

Rudolf Sandory wehrte lächelnd ab.Nur nicht Auf­hebens davon machen, wenn ich bitten darf, verehrter Herr Doktor! Sie glauben mir doch, daß ich es nicht thue, um damit zu prunken".

Um so wertvoller ist die Gabe. Aber es thut mir leid, daß »ich mich Ihnen nun wirklich nicht länger zur Verfügung stellen kann. Wenn es Ihre Absicht ist, in Waldenberg zu bleiben, sehen wir uns wohl nicht zum letztenmale".

Er richtete seine hohe Gestalt auf, so daß sich San- dorh als ent)gütig verabschiedet betrachten mußte. Wen:: diese rasche Abfertigung den Wünschen des Besuchers nicht entsprach, so war er doch wohlerzogen genug, nichts von seiner Verstimmung zu zeigen.

Ich für meine Person, Herr Doktor, werde jede Wieder­begegnung als ein besonderes Vergnügen betrachten", sagte er.Und sobald es sich um Ihr menschenfreundliches Unternehmen handelt, dürfen Sie über meine Dienste un­bedingt verfügen".

Doktor Ruthardt neigte schweigend das Haupt, und die Unterhaltung war zu Ende. Als Sandory wieder durch das Vorzimmer schritt, befand er sich zum erstenmale im Ungewissen über den ersten Eindruck, den er auf einen anderen hervorgebracht, und da auch Margaretens zier­liche Gestalt draußen auf der Diele nicht wieder für ihn sichtbar wurde, legte sich's in dem Augenblick, wo er die schwere Eichenthür des Doktorhauses hinter sich zufallen ließ, doch wie ein Schatten verdrießlicher Ent­täuschung über sein Gesicht.

Draußen, auf den Stufen der Steiutreppe, traf er mit einem Herrn zusammen, der sehr eilig die Straße heraufgekommen War. Es war ein stattlicher, junger Mann, anscheinend in der zweiten Hälfte der Zwanziger. Sein blondbärtiges Gesicht war nicht eigentlich schön, aber von angenehmer, jugendlicher Frische und von zugleich klugem und liebenswürdigem Ausdruck. Er befand sich offenbar in einiger Aufregung; denn er stürmte hastig an Sandory vorbei und zog die Glocke.

Wie em Kranker sieht der nicht aus", dachte der andere.Vielleicht wird es von Nutzen sein, sich sein Gesicht zu merken".

Und er drehte, als er unten war, noch einmal den Kopf zurück, um die Züge des aufgeregten jungen Mannes mit scharfem Blick zu erfassen. Es blieb ihm nicht viel Zeit dazu; denn schon im nächsten Moment wurde die Thür geöffnet; er hörte aus dem Innern des Hauses einen offenbar freudigen Aufschrei aus weiblichem Munde, und dann machte die wieder geschloffene Pforte allen weiteren Beobachtungen ein Ende.

Gewiß würde feine nicht sehr rosige Stimmung sich noch um vieles verschlechtert haben, wenn er hätte wahr­nehmen können, was während der nächsten Minuten drinnen geschah. Da stand Margarete Ruthardt, die noch immer ihre große Küchenschürze trug, mit dunkel glühen­den Wangen, und der blondbärtige, junge Mann hielt ihre beiden Hände in den feinigen, als ob er sie nie wieder freigeben wollte.

Was für eine große Dame Du geworden bist, Gretchen! Ja, darf rch da denn überhaupt noch Du zu Dir sagen, wie in Deinen Backfischzeiten?"

Wenn es Dir schwer fällt, können wir ja auch einen anderen Brauch! einführen", lächelte sie, mit großer Tapferkeit gegen ihre freudige Verwirrung kämpfend'.Am Ende bist Du ja inzwischen, ohne daß ich's weiß, auch! eine Art von Respektsperson geworden".

Gewiß! Wie Du mich da vor Dir siehst, bin ich nichts geringeres als ein Doktor der Medizin und ein praktischer Arzt mit glorreich, bestandenem Staatsexamen. Ter Professor und Geheime Medizinalrat ist nichts mehr als eine Frage der Zeit".

Meinen unterthänigsten Glückwunsch Herr Doktor! Aber wenn Tu nach Waldenberg zurückgekehrt bist, um jetzt meinem Vater die Patienten wegzuschnappen, so kündige ich Dir von vornherein und in aller Form jegliche Freundschaft auf".

Der junge Arzt schüttelte den Kopf, aber fein Gesicht war mit einem Male viel ernster geworden.

Dein Vater könnte solchem Verluste mit großer Seelen­ruhe zusehen, wie ich denke. Aber die Absicht liegt mir wirklich fern. Ich will mich nur ein paar Wochen daheim ausruhen, um dann nach einer Assistenteustelle an irgend einem Kraukenhause Umschau zu halten. Du kannst nicht ahnen, Gretchen, wie ich mich seit Monaten aus diesen Erholungsaufenthalt in Waldenberg gefreut habe. Ich hatte mir das alles so herrlich ausgemalt und nun"

Er mußte sich unterbrechen; denn eben wurde die Thür des Wartezimmers geöffnet, und Doktor Hermann Ruthardt trat in Hut und Ueberrock heraus. Er hatte es wohl nicht mehr gesehen, wie Margarete rasch ihre Hände aus denen des jungen Mannes gezogen, und als dieser nun auf ihn zueilte, ging es wie ein Schimmer freudiger Ueberraschung auch über fein ernstes Gesicht.

Steh' da, Walter Sartorius!" sagte er.Will­kommen in der Vaterstadt! Darf man etwa schon sagen: Herr Kollege?"

Ja, Vater, er hat sein Examen mit Glanz be­standen", antwortete Margarete an Stelle des Gefragten, und es war etwas von wirklichem Stolz in dem Ausdruck ihrer Worte.Nun ist es an der leidenden Menschheit, sich vor ihn: in acht zu nehmen".

Naseweis!" meinte der Doktor.Da hören Sie's, Walther, zu welchem Ansehen ich den ärztlichen Berus in meinem eigenen Hause gebracht habe. Uebrigens gra­tuliere ich von Herzen! Und wenn ich auch leider sehr wenig Zeit habe, auf einen Begrüßungstrunk wird es doch wohl noch reichen".

Sie traten alle drei in das Wohnzimmer ein, das einfach, licht ::nd anheimelnd war gleich den übrigen Räumen des Doktorhauses. Dem jungen Gaste mußte es wohl vertraut sein; denn er sah sich darin um wie jemand, dem sich eine lang entbehrte, liebe Stätte sogleich mit einer Fülle glücklicher Erinnerungen bevölkert.

Hier hat sich nichts verändert in den letzten drei Jahren", sagte er.Ich glaube, ich hätte den Standort jedes Stuhles aus dem Gedächtnisse angeben können".

Warum sollte man auch etwas ändern an dem, womit