Ausgabe 
20.10.1900
 
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(Nachdruck verboten.)

Unter dem Schwerte der Themis.

Roman von Reinhold O r t m a n n.

(Fortsetzung.)

Viertes Kapitel.

Jni Doktor Hermann Ruthardts Sprechzimmer sah es ebenso einfach und altväterisch aus als in allen übrigen Räumen seines Hauses. Da gab es weder kostbare Tep­piche auf dem Fußboden, noch schwere Vorhänge an Thüren und Fenstern. Aber die weißen Gardinen leuch­teten^ wie frisch! gefallener Schnee, und auf den braun gestrichenen Dielen würde auch das schärfste Auge ver­gebens nach einem Fleckchen gesucht haben. Es war bei aller Schmucklosigkeit etwas Warmes und Heiteres hier wie im ganzen Hause. Auch das letzte Winkelchen schier! ganz erfüllt von dem zufriedenen Behagen einer Häuslich­keit, in der es so wenig ein geflissentliches Haschen nach leerem äußeren Glanze, als ein zaghaftes Bemühen gab, die Bescheidenheit des vorhandenen Besitzes vor den Blicken der Leute zu beschönigen oder zu verbergen.

Wer aber den Doktor Hermann Ruthardt nur ein einziges Mal in seinem Sprechzimmer gesehen, der hatte sicherlich auch die Empfindung gehabt, daß es für ihn überhaupt keinen anderen passenden Rahmen geben könne, als gerade diesen. Wenn er vor seinem Schreibtisch saß, eine kraftvolle, trotz des ergrauten Haares und Bartes noch straffe und rüstige Gestalt, wenn seine ernsten, klaren Augen auf dem Gesicht eines Patienten ruhten, dann war es, als ob es nichts Verborgenes geben könne vor diesem durchdringenden Blick. Etwas zugleich Ehrfurchtgebieten­des und Vertrauenerweckendes ging von dem Manne aus; man mußte sich sofort zu ihm hingezogen fühlen, und man lernte ohne weiteres begreifen, warum er der gesuchteste Arzt in Waldenberg war.

Auch an diesem Morgen war die Zahl der Patienten, die sich während der Sprechstunde einge­sunden, eine sehr große gewesen, und ein Häuflein von ihnen harrte noch im Vorzimmer auf die ersehnte Ab­fertigung, als abermals der Klang der Hausglocke er­tönte. Die Tochter des Hauses selbst war es, die zum

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Oeffuen herbeieilte. Sie hatte sich gerade mit sehr prosa­ischen wirtschaftlichen Verrichtungen beschäftigt; ein rosiger Widerschein von der Glut des Herdfeuers war auf ihrem reizenden Gesichtchen, und sie hatte es nicht für nötig gehalten, die große Küchenfchürze abzulegen.

Guten Morgen, mein Fräulein", klang ihr eine tiefe Männerstimme entgegen.Darf ich hoffen, daß Ihr Herr Vater für mich noch zu sprechen ist?"

Margarete Ruthardt war ein wenig verwirrt, da sie den eleganten Fremden erkannte, dem sie gestern als Führerin durch die winkeligen Gassen von Waldenberg gedient hatte. Aber sie schüttelte die kleine Verlegenheit rasch von sich ab.

Die Zeit ist eigentlich schon vorüber", sagte sie freundlich,aber mein Vater nimmt es damit bei seinen Patienten nicht so genau".

Rudolf Sandory sah sie lächelnd an, und vor diesem Blick schlug sie nun doch wieder die Augen nieder. Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete sie die Thür, die in das Wartezimmer führte. Der Anblick 4er Leute, die da drinnen saßen und ihn mit neugierigen Mienen musterten, nahm dem Besucher sogleich jede Aussicht auf ein weiteres Geplauder mit dem Haustöchterchen.

Ich bin von gestern her noch immer in Ihrer Schuld, mein Fräulein", sagte er mit gedämpfter Stimme, indem er fich artig gegen sie verneigte.Möge mir das Schick­sal bald Gelegenheit geben, sie zu bezahlen".

Er trat über die Schwelle und nahm unter den übrigen Platz. Während er scheinbar gleichgiltig einen alten Kupferstich betrachtete, der ihm gegenüber an der Wand hing, musterte er in Wahrheit mit raschen Seiten­blicken sehr aufmerksam seine Umgebung. Er sah, daß es Leute aus den verschiedensten Ständen waren, die sich hier zusammengefunden hatten, und wenn schon dieser. Umstand hinreichend für Doktor Ruthardts ausgedehnte Praxis zeugte, so bekundeten die leise geführten Unter­haltungen in noch höherem Maße, wie viel Ansehen und aufrichtige Verehrung der vielbeschäftigte Arzt bei all' diesen Leuten genoß. Ohne das kleinste Anzeichen von Ungeduld hatte Sandory gewartet, bis an ihn, als den letzten, die Reihe zuin Eintritte gekommen war. Langsamen Schrittes und in jener ruhig selbstbewußten Haltung, die so treff­lich zu seiner ganzen äußeren Erscheinung paßte, ging er dann hinein. Der Arzt musterte ihn mit seinem klaren durchdringenden Blick und nötigte ihn durch eine kleine Handbewegung auf den vor ihm stehenden Stuhl.

Der Fremde aber zögerte noch ein wenig.Mein Name ist Rudolf Sandory", sagte er.Ich bin zwar von Geburt ein Deutscher; aber ich habe mich lange auf Reisen in aller Herren Länder umhergetrieben und bin nun durch einen zufälligen Windstoß hierher verweht worden.

du selbst am Kleinsten spüren:

Wo die Schuld gegangen hinaus, W» Immer durch dieselben Thüren

Tritt die Buße zu dir in's Haus.

Em. Gcibcl.