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Nicht ohne mich sollen sie ihn haben. Ich. will mit ihm sterben."
Hochaufgerichtet, aber mit eigentümlich schweren auto- matenhaften Bewegungen ging sie zur Thür und durch das Borzimmer bis an die Stiege. Da aber verließen sie ihre Kräfte, und die grausame Qual, deren lieber» maß schon ihren Geist zu verwirren begann, löste sich in einem krampfhaften, wilden, unaufhaltsamen Weinen. — „Elisabeth, meine geliebte, teure Elisabeth! — O, mein Gott, wenn ich doch sterben könnte, um wieder gut zu machen, was ich an Dir gethan!"
Charlottens schluchzende, verzweifelte Stimme war es, die plötzlich neben ihr ertönte, und die zierliche Gestalt, schon in den grauen Mantel gehüllt, durch den sie sich bei ihrem bevorstehenden Rendezvous mit dem Leutnant sich etwaige Späher nach Möglichkeit hatte unkenntlich machen wollen, kniete an der Seite der Zusammengesunkenen Nieder, um sie voll überströmenden Mitleids und heißer Reue mit beiden Armen zu umschlingen.
Und so furchtbar hatte'der Ansturm der letzten Ereignisse Elisabeths starke Seele erschüttert, daß sie sich an die Teilnahme dieses halben Kindes klammerte, wie ein Ertrinkender an den Arm des Retters, der sich im Augenblick der letzten, höchsten Not nach ihm ausstreckt. Sie verstand den Sinn ihrer verzweifelten Selbstanklage nicht, aber sie hörte auch wohl überhaupt kaum auf das, was Charlotte sprach. Die Stirn an die zarte Wange der jungen Freundin schmiegend, weinte sie unaufhörlich leise vor sich hin, immer in dem Bann des einzgen Gedankens festgehalten, den ihr gemartertes Gehirn noch zu fassen vermochte. Und sie selber wußte es wahrscheinlich gar nicht, daß ihre Lippen diesem Gedanken halb mechanisch Worte zu geben begannen.
„Zeige mir einen Weg, ihn zu retten, Lotte! — Eine Stunde noch — eine einzige Stunde —! Und zu denken, daß sein Leben an dieser Stunde hängt — sein teures Leben! — Kann dies Deine Barmherzigkeit sein, Gott im Himmel? — Nimm mich — nimm mich — nur zeige mir einen Weg, ihn zu retten!"
Mit heftigem Erschrecken erst, dann mit wirklichem Entsetzen horchte Charlotte auf diese Aeußerungen, denen sie keine Deutung zu geben wußte, und die außer jedem Zusammenhang standen mit dem Kummer, der, wie sie meinte, Elisabeths Thränen erpreßt hatte.
„Um'des Himmels willen, Elisabeth, von wem sprichst Du? Wer ist es, dessen Leben an dieser Stunde hängt? — Für wen willst Du Dich opfern?"
Oftmals noch mußte sie ihre Fragen wiederholen, bevor sie eine Antwort erhielt, die sie auch nur Halbwegs verstand. Dann aber sagte ihr Elisabeth in dem unwiderstehlichen. Drange, ihren grausamen Kummer durch Mitteilung zu erleichtern, alles, was sie so lange als ein unantastbares Geheimnis gehütet hatte. Es war keine geordnete, ausführliche Erzählung in wohlüberlegten Worten und in klarem, logischem Zusammenhang; vieles mußte der Zuhörerin unverständlich bleiben und manchen wichtigen Umstand, den Elisabeth zu erwähnen vergaß, konnte sie nur aus dem klebrigen erraten. Aber die kleine Lotte von Menzelius schien mit einem Male wie durch ein Wunder um Jahre älter und reifer geworden. Mit großen, aufmerksamen Augen und mit verhaltenem Atem lauschte sie dem inhaltsschweren Bekenntnis, dessen tragische (Änzelheiten ihre junge Seele wohl mit Schrecken und Grauen erfüllen konnten. Kein Ausruf des Entsetzens, keine überflüssige Aeußerung jammernden Mitleids kam von ihren Lippen, die wenigen Fragen, mit denen sie die Freundin unterbrach, waren klug und verständig, und plötzlich leuchtete es wie ein Schimmer beglückter Hoffnung über ihr reizendes Gesichtchen hin.
„Weine nicht ntehr, Elisabeth !Jch werde Dir bet» stehen, und ich weiß einen Weg zur Flucht für den Major."
„Du, Charlotte? — Ach, das ist ja unmöglich! Der ganze Hof ist mit Wachen umstellt."
„Ich bringe ihn trotzdem hinaus, vertraue auf mich, Teuerste! Die Vorsehung selbst muß mir den Gedanken eingegeben haben, den Leutnant von Kapnist zu einer heimlichen Unterredung an die kleine Mauerpforte auf der Nordseite zu bestellen — ich that es freilich in einer
ganz anderen Absicht — ach, ich war so thöricht! Aber wie gut ist es nun, daß ich es gethan habe! In einer Viertelstunde erwartet er mich; die Soldaten, die jene Pforte bewachen, werden aldann nicht mehr dort sein. Herr von Kapnist selbst wollte aus Rücksicht auf mich die Wache übernehmen, und mit ihm — o, mit ihm will ich. jschon fertig werden. Wenn der Major nach einer Viertelstunde bereit ist, mag er sich getrost meinem Schutze überlassen. Ich schwöre Dir's, Elisabeth, daß ich ihn glücklich hinausbringe."
Hastig wurden noch einige weitere Einzelheiten, die von besonderer Bedeutung schienen, zwischen ihnen verabredet; dann raffte sich Elisabeth mit neu belebter Hoffnung auf, um Sixtus von dem zu seiner Rettung ersonnenen Plane zu unterrichten.
Sie hatte sich! lautlos wie ein Schatten über den Gang gestohlen, der zu seiner Kammer führte; niemand — so wähnte sie — hatte es erspäht. Doch in dem Augenblick, da sich leise die Thür hinter ihr geschlossen hatte, löste sich aus dem Dunkel einer Mauernische die hagere Gestalt eines Mannes, der ihr aus den Zehen nachschlich, um lauschend an jener Thür stehen zu bleiben.
Aber die Unterhaltung da drinnen wurde offenbar mit gedämpften Stimmen geführt, und die dicken Eichenbohlen ließen keinen Laut bis an das Ohr des Horchers dringen. Außerdem war er hier in Gefahr, von dem heraustretenden Major überrascht zu werden, und Franz von der Röcknitz empfand sicherlich keine Sehnsucht darnach, seinem einstigen Lebensretter unter vier Augen gegenüberzustehen. In dem kleinen Verschlage neben der Kammer aber war er vor einer solchen fatalen Begegnung völlig sicher, und dort konnte ihm auch ihr Gespräch nicht entgehen; denn er wußte, daß die trennende Zwischenwand nur aus dünnen Brettern bestand. An den kranken Jakubeit dachte er nicht sogleich, und erst, als er bereits in der niederen Thüröfsnung stand, wurde er durch einen Blick in den schmalen Raum sehr unangenehm an ihn erinnert.
Von dem unsicheren Licht einer auf dem Sims stehenden Stalllaterne matt beleuchtet, lag die fast zum Gerippe abgemagerte Gestalt des alten Tagelöhners auf dem eilig hergerichteten Bette. Sein knochiges, fahles Gesicht mit den tiefen. Augenhöhlen und den eingesunkenen Wangen glich ganz dem eines Toten, und für einen Toten auch würde Franz ihn gehalten haben, wenn nicht der röchelnde Atem gewesen wäre und ein in kurzen Zwischenräumen wiederholtes, unheimliches, qualerpreßtes Aechzen Aber der Mann war jedenfalls ohne Bewußtsein, und es wäre lächerlich gewesen, sich vor diesem kraftlosen Sterbenden zu fürchten. So trat Franz nach kurzem Zaudern vollends in den Verschlag, und als er in geringer Höhe über dem Fußboden einen beinahe fingerbreiten Spalt in der Bretterwand erspähte, kniete er hart neben dem Lager Jakubeits nieder, um mit Auge und Ohr in gespannter Aufmerksamkeit die für ihn so bedeutsamen Vorgänge in der Nebenkammer zu verfolgen.
Was er da sah und hörte, versetzte ihn. bald in eine so atemlose Spannung, daß seine Sinne ihre Empfänglichkeit für jeden anderen Eindruck verloren. Er bemerkte es ebenso wenig, daß der Alte, dessen fieberglänzende Augen sich plötzlich weit geöffnet hatten, auf seinen, gesunden liniert Arm gestützt, sich langsam aufrichtete, als er die grauenhafte Verzerrung dieses ohnehin so entsetzlichen Totengesichtes wahrnehmen konnte.
Unter dem Banne seiner heißen, verzehrenden Leidenschaft, blind und taub selbst für das, was kaum zwei Schritte hinter ihm geschah, neigte er sich noch tiefer herab, um keinen Laut von dem raschen, erregten Geflüster nebenan zu verlieren. Er sah den Schatten der Gestalt nicht, die sich allmählich in fast riesenhafter Größe vor dem Flämmchen der Laterne aufgereckt hätte, er hörte nichts von dem warnenden, verräterischen Klirren, das unter den im Winkel aufgestellten Gerätschaften entstand, als Jakubeit mit seinem gesunden linken Arm die große Holzaxt zwischen ihnen hervorzog. Er vernahm es nicht einmal, als jener, zum Schlage ausholend, mit seiner ' furchtbaren Waffe an die Holzdecke des niederen Raumes stieß, und ohne auch nur einen einzigen armseligen Laut


