Ausgabe 
20.5.1900
 
Einzelbild herunterladen

283

Die Reform des Maßsystems.

Eine Jubiläumsbetrachtung von Kurt Sickel.

Nachdruck verboten.

Am 2 0. Mai d. I. sind 25 Jahre verflossen, seit in Paris der Vertrag über die internationale Maß- und Ge­wichtsorganisation unterzeichnet und damit ein außer­ordentlich bedeutungsvoller Akt in der Entwickelung des gesamten Maßwesens vollzogen wurde. Die Aelteren unter uns werden sich aus ihrer Kindheit und Jugend der Mängel des damaligen Mast- und Gewichtssystems und der Miß- Helligkeiten, die mit seiner Anwendung verbunden waren, noch zu erinnern wissen. In jeder Stadt hatte man andere Maße, hier war die Elle so, dort so groß, dort maß der Acker soviel, hier soviel. Besonders für den Kaufmanns- stand war dies ein schwerwiegendes Hindernis. Der Ver­kehr war durch die großartige Entwickelung des Eisenbahn- und Postwesens längst nicht nur über die lokalen Schranken hinausgewachsen, er war sogar ein internationaler gewor­den, und immer noch bestanden allenthalben die Verkehrs­hemmnisse der mit den Grenzpfählen wechselnden Maße und Gewichte das konnte er nicht länger ertragen und verlangte gebieterisch Reformen, die seinen gesteigerten An­sprüchen Rechnung trugen. Wie man später das Feld­geschrei einer Einheitszeit und Einheitssprache erhob, so tauchte damals die Forderung eines einheitlichen Maß-! und Gewichtssystems auf, und aller Blicke richteten sich auf Frankreich, in welchem das betreffende Verlangen schon frühzeitig in einer so vollendeten Form Erfüllung gefun­den hatte, daß den anderen Staaten nur die Nachahmung des französischen Systems übrig blieb.

Die Anforderungen, welche der Handel und Verkehr an ein allgemeines, für den lokalen wie internationalen Verkehr geeignetes Maßsystem zu stellen hat, sind keine geringen. Erstens muß dasselbe doch möglichste Einfach­heit, eine leichte und rasche Berechnung ermöglichen, zwei­tens muß es ein wirkliches Naturmaß sein, das keinen oder doch nur den möglichst geringfügigsten Abänderungen unterliegt, oder vielmehr, das von solcher Dauer und Gleichartigkeit ist, daß män es immer von neuem als Kon­trolle für die nach seinem Muster gebildeten Grundmaße und Maßeinheiten benutzen kann. Die alten Maße waren ja im wesentlichen auch Naturmaße, indem z. B. die Größe der Arme, Füße und Schritte, die Fingerspannung usw. die Maßeinheit abgaben. Leider schwankten aber die ent­sprechenden Normalmaße je nach den Individuen, um' deren Arme, Füße und Schritte es sich handelte nahm man die Länge eines Armes als Normalmaß an, so war dies im Grunde nicht mehr als eine völlig willkürliche Bestimmung; denn unter hundert Armen kamen kaum zwei an Länge einander völlig gleich. Diese Mißhelligkeit stei­gerte sich im Lause der Zeit noch durch die stetig wachsende Ungleichmäßigkeit der benutzten Maße und Gewichte; denn sowohl die von den Behörden benutzten Normalmaße als auch hie im Verkehr befindlichen Maße und Gewichte nutz­ten sich ab, und die Technik war damals noch nicht soweit entwickelt, um die Herstellung genau übereinstimmender Maße und Gewichte zu ermöglichen.

Wer anders als die immer siegreicher sich bahnbrechen­den Naturwissenschaften konnten hier Abhilfe schaffen? Schon 1664 trat Huyghens, der berühmte holländische Ma­thematiker, mit dem genialen Vorschlag hervor, die Länge des einfachen Sekundenpendels als Normalmaß zu ge­brauchen, unter Hinweis daraus, daß es sich hier nicht nur um eine unveränderliche Länge handle, sondern daß die Neubestimmung derselben auch jederzeit durch ein leich­tes Experiment möglich sei. In der Thät hätte diese Art der Bestimmung sogar vor dem metrischen System den Vor­zug einer größeren Naturgenauigkeit sowohl als einfacheren Kontrolle gehabt, wenn nicht Richer bald daraus entdeckt hätte, daß auch die Länge des Sekundenpendels an den verschiedenen Orten der Erde infolge der mit dem Breite­grade sich ändernden Schwerkraft verschieden sei, und wenn auch Condamine (1740) und Bouguer diesen Mangel da­durch auszugleichen suchten, daß der erstere empfahl, die Länge des Sekundenpendels unter dem Aequator und der letztere, die unter dem 45. Breitengrade, als Maßeinheit anzunehmen, so vermochte sich trotzdem die 1790 von der französischen Regierung eingesetzte Kommission für das

Pendelsystem nicht zu entscheiden. Frankreich Hatte zu jener Zeit schon die Notwendigkeit, die auf dem Gebiete des Maß» wesens herrschenden Mißstände zu beseitigen, erkannt und wirkte 1788 sogar schon darauf hin, eine international« Einigung herbeizuführen, doch scheiterten seine Bemühun­gen an der Engherzigkeit der anderen Regierungen. Wenn man dessen ungeachtet bei der Schaffung des neuen Sy­stems von allgemeinen Gesichtspunkten ausging und nach einem System von solcher Vollkommenheit strebte, daß das­selbe sich zur künftigen Annahme durch alle zivilisierten Nationen eigene, so erwarb man sich damit ein nicht genug zu schätzendes Verdienst und verriet einen weiten Blick.

Die erwählte Kommission bestand aus lauter bedeuten­den 'Gelehrten, darunter Condorcet und Laplace. Ihr Haupteinwand gegen das Pendelmaß bestand in dem Be­denken, daß man auf diese Weise die Bestimmung des Raumes von derjenigen der Zeit ableite und außerdem auf eine immerhin willkürliche Festsetzung der Sekunden­länge angewiesen sei. Da gerade damals eine neue Grad­messung in Aussicht stand, so machten sie dafür den Vor­schlag, als Maßeinheit die Länge des zehnmillionsten Teils des iÄdquadranten (d. h. des vierten Teils des Erdmeri­dians oder der Entfernung des Nordpols vom Aequator) unter dem Namen Meter (vom griechischen Metron, Maß) anzunehmen. Dieser Vorschlag gelangte zur Aus­führung, allerdings nur soweit sich eben mit den vorhan­denen wissenschaftlichen Mitteln die erforderliche Einheit mit Genauigkeit ermitteln ließ. Spätere Berechnungen! gelangten zu etwas abweichenden Resultaten, es kommt aber darauf in der Praxis auch nicht allzuviel an, die Hauptsache ist, daß ein Maß allgemein Giltigkeit und den Vorzug leichter Berechnung besitzt, und daß man die Nor-i malmaße (die Prototype) in einer Weise herstellt und auf­bewahrt, daß sie das ursprüngliche Maß ohne jede Ver­änderung festhalten. Alle die erstrebten Vorzüge besaß aber das metrische System, sodaß man, in Ansehung der Un­möglichkeit, ein anderes völlig genaues in keiner Weise schwankendes Naturmaß zu erhalten, über die Differenz hinaussah und sich nach Annahme des Systems durch andere Staaten dafür entschied, das in Paris aufbe­wahrte Metre des Archives als Urmaß anzunehmen. Dieses Urmaß besteht in einem von Lenoir verfertigten Platin-Endmaßstab, der seine wahre Länge bei der Tem­peratur des schmelzenden Eises hat und im Conservatoire des arts et metiers zu Paris aufbewahrt wird. Daselbst bewahrt man auch das Ur-Prototyp des Kilogramms auf, ein von Fortin angefertigter Cylinder aus Platin,wel­cher bei 0 Grad C. und auf den luftleeren Raum reduziert soviel wiegen soll, wie ein Liter reinen destillierten Wassers im Maximum der Dichtigkeit reduziert auf den luftleeren Raum". (Grumnach, Ueber Maß und Messen.)

Obwohl nun das metrische System noch den weiteren schätzbaren Vorzug besaß, haß mit ihm die Einheit des Gewichts in genauer Verbindung stand (indem dessen Ein­heit, das Kilogramm, das Gewicht eines Liters destillierten Wassers im Zustand der größten Dichtigkeit repräsentiert, und das Liter wiederum gleich einem Tausendstel Kubikmeter oder gleich dem Würfel des Zehntelmeters ist), vermoch­ten sich die anderen Staaten doch nur langsam zu seiner Einführung zu entschließen. Hauptsächlich trug hieran die aus praktischen Gründen etwas zu grob bemessene Länge des Einheitsmaßes die Schuld, aber auch die Wneigung der großen Masse gegen tief einschneidende Neuerungen und die Eifersucht der Nationen kamen hinzu, sodaß erst die Macht des wachsenden Verkehrs dem neuen System die siegreiche Bahn brach. In Deutschland, d. h. zunächst für den norddeutschen Bund, gelangte das metrische System durch das Gesetz vom 17. August 1868 zur Einführung; als Normalmaß diente das jetzt im Besitze des deutschen Nor-- mal-Aichungs-Kommission befindliche Platin-Meter. Wie Preußen, so bezogen auch andere Staaten, welche das Metermaß einführten, von Frankreich beglaubigte Kopien des Urmaßes; allein schon aus dieser Notwendigkeit er­wuchsen neue Mißhelligkeiten, da die Kopien, nach ver­schiedenen Methoden und aus verschiedenen Materialien hergestellt, ihrerseits die dauernde Einheitlichkeit des Sy­stems nicht garantierten. Aus diesem Grunde wirkten nam­hafte Gelehrte, wie der berühmte Moritz Hermann v. Jacobi in Petersburg, in Verbindung mit zahlreichen gelehrten