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Du auch noch daran, Elfchen? Weißt Du noch, wie schön es im Walde war, wie wir Beeren suchten und dabei das Häschen aus seinem Versteck aufstöberten?"
Elfriede hörte ihm mit glänzenden Augen zu, verschwunden war Unruhe und Besorgnis aus ihren beweglichen Zügen.
„Ja", sagte sie eifrig, „und wie die Bäume rauschten, und die goldenen Lichter über den Hof huschten! Und wie der Pirol flötete und der Kuckuck rief! Kuk—kuck! Kuk— kuck! Erst ganz in unserer Nähe, dann tief hinten im Walde, daß es nur noch wie ein schwaches Echo klang. Ach, Hans, und als wir dann sangen, und plötzlich ein wirkliches Echo da war und uns antwortete!"
Hans lächelte. „Ja, und Du fragtest es dann so unermüdlich, daß es mir leid that, und ich Dir seine Geschichte erzählte, damit es Ruhe endlich vor Dir fände!"
Das Mädchen lachte fröhlich auf. „Ja", bestätigte es mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit, „und mittlerweile war es dämmerig unter den hohen Bäumen geworden, und ich fürchtete mich — ein wenig, ein ganz klein wenig nur, wirklich, Hans!"
„Ich —" Sie stockte plötzlich und horchte mit ängstlichem, gespanntem Gesicht. „Hörtest Du nichts, Hans? — Mein Name? — Wer ruft mich?", — Ihr Blick irrte über die Marmorgestalten, welche mit weißen leeren Augen auf sie herabblickten. Sie schauerte zusammen urtbl floh wie gejagt aus dem Zimmer.
„Jch> muß nach, Hause, Hans, zu Mama!' Ich blieb schon zu lange!" Sie war bereits in ihrem Mäntelchen,
als die von Brigitte gesandte Botin erschien.. Sie hörte kaum, was dieselbe sprach, sie reichte dem Gespielen auch nicht wie sonst die Hand, wie ein flüchtiger Schatten verschwand sie in der Dunkelheit des Herbstabends.
Als Dr. Hannemann eine Viertelstunde später, begleitet von seinem Neffen, denselben Weg gegangen, fand er, am Ziele angelangt, ein Bild, welches selbst ihm, dem alten, im Ringen mit dem Tode ergrauten Manne ungewohntes, brennendes Naß ins Äuge trieb. Auf weißem Lager ein junges Weib, die Majestät des Todes auf der bleichen Stirn, vor ihm auf den Knieen, betend, schluchzend, eine gebeugte grauhaarige Frau, ein todblasses, zitterndes, sich ängstlich an sie klammerndes Kind fest an die Brust gedrückt.
Der Arzt trat schweigend näher und faßte die bleiche schmale Hand, welche so eigentümlich schwer auf der Bettdecke lag. Nur eine Minute, dann ließ er sie sanft sinken, entblößte das Haupt und bewegte leise die Lippen. Elfrie- dens Blicke hatten angstvoll an seinem Gesichte gehangen, jetzt riß sie sich von Brigitte los und faßte den Arm des alten Mannes.
„Onkel, warum weinst Du, und warum weckst Du Mama nicht? Warum schläft sie so lange?"
Sie warf sich, ehe ihr Antwort ward, über das Bett.
„Maina, Mama!" schrie sie. „Wach doch auf, ich bin's ja, Dein Kind, Deine Elfe!"
Der Arzt richtete die kleine bebende Gestalt sanft auf und zog sie in seine Arme.
(Fortsetzung folgt.)
ZU den Iestspielen in Hberammergau.ft
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Nach zehnjähriger Pause findet am 24. Mai, Himmel« fahrtstag, die erste Aufführung der Oberammergauer Festspiele statt. Diese dramatische Darstellung aus der Leidensgeschichte Christi verdankt ihre Entstehung einem Gelübde, welches im 17. Jahrhundert, als die Pest verheerend durch die deutschen Gauen zog, gegeben wurde. Seit jener Zeit finden alle 10 Jahre diese Festspiele statt, und ungeheure Menschenmengen nehmen an den Veranstaltungen teil. Nur im Jahre 1870 unterbrach der deutsch - französische Krieg die Reihe der Aufführungen, weshalb sie 1871 fortgesetzt wurden. Dies ist aber die einzige Ausnahme gewesen. Im Jahre 1890 wurde nach den Plänen des Obermaschinenmeisters Lautenschläger eine bessere Bühneneinrichtung hergestellt, und nun ist auch eine Zuschauerhalle gebaut worden, um die Zuschauer vor den Unbilden der
Witterung zu schützen. Die Sitzplätze darin sind amphi- theatralisch angeordnet. Die neue Bühneneinrichtung hat den Charakter eines öffentlichen, mit Prachtgebäuden eingefaßten römischen Platzes, wie solche damals in Jerusalem vorkamen. Die Mittelbühne, auf welcher lebende Bilder aus der Geschichte des alten und neuen Testamentes gestellt
Nachdruck verboten.
werden, ist im Stile eines korinthischen Tempels errichtet. Rechts und links daran schließt sich je ein Stadtthor, durch welches man in Straßen Jerusalems blickt. Neben diesen Thoren befinden sich die Paläste des römischen Statthalters Pilatus und des Hohenpriesters Hannas, zu deren erhöht liegenden Eingängen Freitreppen hinaufführen Abgeschlossen wird die Bühne, deren gesamte Breite 42 m beträgt, durch zu beiden Seiten nach vorn springende, reich dekorierte Säulenhallen, welche zur Aufstellung des Chores dienen. Ueber all' diesen Palästen sieht man vom Zuschauerraum aus die Berge Oberammergaus ragen. Die Bühnenbeleuchtung fällt von oben durch ein Glasdach, der Orchesterraum ist nach dem Muster neuester Bühneneinrichtungen versenkt. Der vom Ingenieur Schmucker in München ausgeführte neue Hallenbau, welcher der Ge
meinde Oberammergau 180500J9J2L kostete, bedeckt eine Fläche von 3300 qm.
Die Darsteller sind Bewohner des Oberammergaues, aber sie haben sich in ihre Rollen so sehr vertieft, daß eine vorzügliche Gesamtwirkung erzielt wird.
*) Vergl. Artikel in Nr. 63 der „Gießener Familicnbl." vom 6. Mai.


