(Nachdruck verboten.)

Es sah eine Linde ins tiefe Thal."

Novelle von R. Litten.

(Fortsetzung.)

IV.

Abschied.

Der ersten Trennung Lehr' ist hart zu lernen.

Der erste Herbststurm war ins Land gekommen. Sausend fuhr er über die kahlen Felder, riß in den Gärten die gelben und roten Blätter von den Bäumen, sie in wildem Tanze schwingend, und pochte mit keckem Finger an die Wohnungen der Menschen. Auch an dem dicht verhangenen Fenster des Hauses, in welchem Frau Kraneck wohnte, und durch welches schwacher Lichtschein in den dunklen Abend hinausdrang, sang er sein wildes Lied, und tief mußte die alte Brigitte den alten Kopf neigen, um die leisen heiseren Laute zu verstehen, welche von dem Lager ihrer totkranken Frau an ihr Ohr drangen. Lange hatte sie so gesessen, jetzt hob sie das tief bekümmerte, runzlige Gesicht, die nassen Augen. Sie hätte aufschreien mögen, in die Kniee sinken, und die Hände zu Gott er­heben, ihn um das Leben zu bitten, das dort zur Neige ging, aber sie bezwang sich und streichelte nur leise die zuckenden Hände, die so lilienweiß auf der Bettdecke lagen.

Nicht sprechen", bat sie dabei.Sie wissen, der Arzt hat es verboten!"

lieber das weiße Gesicht mit den überirdisch glänzen­den Augen flog der Schatten eines Lächelns.

Mrr schadet nichts mehr, Brigitte, ich weiß es! Ich würde gern sterben, wenn nicht das Kind wäre."

Die Kranke lag ein paar Augenblicke ganz still, di? großen, tiefblauen Augen nach oben gerichtet. Plötzlich lohte dunkle Fieberröte über ihr Gesicht, sie schnellte auf und sah sich mit wilden Blicken um.

Mein Kind ! Wo ist es? Es tanzt den ganzen Tag auf feinen kleinen Füßen und zwitschert und singt wie ein Vögelein. Jetzt ist es glücklich, jetzt hat es Liebe, viel Liebe! Aber wie lange noch, dann wird es in die Welt gestoßen, in die fremde, kalte Welt, wo niemand es kennt,

1900.

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fu bringst nichts in die Welt, Du nimmst nichts mit hinaus Laß eine goldne Spur Im alten Erdenhaus.

Julius Lohmeyer.

niemand es liebt, wo sein armes, kleines Herz frieren muß immer immer!"

Sie schüttelte heftig den Arm der alten Frau.

Gebt mir mein Kind, ich lasse es Euch nicht!"

Brigitte legte die Kranke sanft in die Kissen zurück und sprach ihr beruhigend wie einem Kinde zu. Die Kranke lauschte, mit weit geöffneten Augen, die allmählich den Ausdruck der Angst verloren, dann nahm sie die welke Hand, welche die ihre streichelte, und führte sie an die heißen, trockenen Lippen.

Dank, Brigitte, Dank!" hauchte sie.Ich weiß, Du und der Doktor, Ihr werdet mein Kind nicht verlassen. An Gottes Thron will ich für Euch beten. Und nun rufe es mir, Brigitte! Es soll zu mir kommen, ich will es sehen, und dann will ich schlafen, lange schlafen. Ich bin müde, sehr müde!" Sie schloß ermattet die Augen, und Frau Brigitte ging leise hinaus, das halbwüchsige Mädchen, welches seit der Krankheit ihrer Herrin im Hause war, nach dem Kinde zu schicken. Doktor Hannemann hatte Elfe vor einer Stunde, als er nach der Kranken gesehen, mit­genommen, sie war noch nicht heimgekehrt. Der alte Herr wollte noch mehrere ärztliche Besuche machen und sie dann selbst heimgeleiten.

Wie lange er bleibt", sagte Elfriede soeben wieder und fchaute sehnsüchtig nach der Thür.Ich möchte nicht länger warten, Hans, ich möchte nach Hause zu Mama!"

Der Angeredete sah sie erstaunt an.Was Du nur heute hast, Elfe! Sonst war es Dir ein Fest, wenn Onkel uns das Götterzimmer öffnete, und jetzt fiehst Du Dich kaum um und willst fort."

Das Kind ließ einen scheuen Blick ü6et die weißen schimmernden Gestalten, welche sich so leuchtend von dem tiefgesättigten Rot der Wände abhoben, schweifen, dann schauerte es leicht zusammen.

Sie sind alle so bleich und starr", "sagte es leise, und ich! weiß nicht, immer muß ich heute an meine kranke Mutter denken, wenn ist sie ansehe".

Sie trat dem Knaben näher und legte das schmale Händchen auf seinen Arm.Ob Mama bald wieder gesund ist, Hans, ob sie bald wieder mit mir plaudert und scherzt?" In den großen, dunklen, thränenverschleierten Kinder­augen, welche mit banger Frage die des Knaben suchten, lag etwas unsäglich Rührendes. Dieser mochte es em­pfinden, wie schützend schlang er seinen Arm um die zarten Schultern der Kleinen.

Sei kein Närrchen, Elfe, und mach Nicht solch' trau­riges Gesicht! Siehst Du, das mag ich gar nicht an Dir leiden, und Deinem Mütterchen geht es ebenso! Und wie lange noch, dann ist Deine Mama wieder gesund, und ich darf Euch beide in Onkels bequemem Einspänner ins Freie hinausfahren wie damals, bevor sie krank wurde. Denkst