Ausgabe 
20.3.1900
 
Einzelbild herunterladen

160

den gelesen, das Verhältnis der Völker unter einander ver­giften. Wenn die Engländer jetzt darüber Gewalt schreien, und sogar ihren Pariser Botschafter deswegen aus Reisen gehen ließen, so vergessen sie, daß sie vor einigen Jahren nach der berühmten Depesche Kaiser Wilhelms an den Präsidenten Krüger an dem Enkel ihrer gracious Queen und dem berechtigten deutschen Nationalgefühl durch maß­lose Schmähungen in Wort und Bild sich mindestens ebenso sehr versündigten, wie es jetzt von französischer Seite ihnen gegenüber geschieht. Einem großen Teile der Deutschen beginnen erst jetzt die Augen aufzugehen über den uner­träglichen Hochmut der angelsächsischen Rasse, welche die ganze Welt als ihren. Besitz betrachtet und am liebsten sämtliche anderen Völker zu Hörigen und Heloten herab­drücken möchte. Anderen, welchen nicht die blinde Be­wunderung des englischen Verfassungslebens und britischer Macht das Urteil trübte, war dieses freilich längst bekannt, und es ist recht beachtenswert, was Schopenhauer über den englischen Hochmut, als den tollsten int europäischen Völkerkonzert, schreibt.

Von den Franzosen war man derlei allerdings von jeher gewöhnt. -Wenn ein Mann von der geistigen Be­gabung Viktor Hugos sich anno 1870 nicht entblödete, den preußischen Barbaren mit vom nationalen Wahnsinn dik­tierten Worten das Verbrechen vorzuhalten, das sie dadurch begingen, daß sie die Ville lumiere, die geheiligte Stadt der Welt, Paris, belagerten, so fand dieses hochnäsige Wort seine beste Widerlegung in den von französischen Händen ein halb Jahr später verübten Greuelthaten der kommunistischen Petroleurs. Nichts desto weniger ver­mochte ein Herr Leon Bloch in einem 1893 veröffentlichten Buche sich zu der Blasphemie aufzuschwingen:Frank­reich ist so sehr das erste aller Völker, daß alle übrigen, wes Namens sie auch seien, sich glücklich preisen müßten, wenn man ihnen erlaubt, das Brot seiner Hunde zu fressen", der etwas später die These folgt:Wenn Frank­reich leidet, ist es Gott, der leidet."

Zu der furchtbaren Selbstüberhebung und der Herab­würdigung anderer Nationen gesellt sich als dritter Cha­rakterfehler der Völker noch die übergroße Empfindlich­keit! wenn die Geschmähten den Spieß umdrehen und mit ähnlichen Worten erwidern. Es ist eine stete Begleit­erscheinung der weiblichen Hysterie, daß derartige Frauen, welche gewöhnt sind, ihre Umgebung auf das nichts­würdigste zu beschimpfen, stets von sich behaupten, nie einem anderen auch nur das geringste zu leide gethän zu haben. Dabei lauern sie im Grunde genommen nur darauf, daß eine vielleicht recht harmlose Bemerkung eines anderen ihnen einen Schein von Recht gießt, sich auf den Beleidigten herauszuspielen. Mit Blitz und Donner ent­ladet sich dann die verderbenschwangere Wetterwolke. Ganz ebenso benehmen sich die Frauengestalten, in denen male­rische Phantasie die modernen Staaten zu symbolisieren beliebt.

Wir brauchen nicht erst zu den Chinesen zu gehen, welche die Europäer alsrote Teufel" undunreine Dä­monen" bezeichnen; es ist ja auch dort ganz wie bei uns. Der Deutsche hat zwar in diesem Punkte am wenigsten gefehlt, und es ist ihm nur zu gratulieren, daß er sich sichtlich die Komplimente vor den vermeintlichen Vorzügen anderer Völker abgewöhnt. Der nationale Größenwahn an sich ist aber eine tiefbetrübende Erscheinung; er ist, wie Schopenhauer sagt, die wohlfeilste Art des Stolzes, weil er einen Mangel an individuellen Eigenschaften verrät, auf steine Zugehörigkeit zu einer Nation stolz zu sein, wenn man auf weiter nichts stolz sein kann.

Unter geänderten politischen Verhältnissen hört man dann plötzlich tagtäglich davon faseln, wie sich die Völker, die sich kurz zuvor noch schwer beleidigten, immer näher kämen. Auch das ist eine krasse Uebertreihung und erinnert an die Geschichte von den zwei Löwen, welcheeinst selband in einen Wald spazoren gingen." Denn von den maß­losen Hetzereien bleibt bei dem Beleidigten immer ein bitterer Rest zurück, und es läßt sich nie absehen, wo und wann einmal die Rechnung für die zugefügte Schmach zur Zahlung präsentiert wird.

Geineßumntziges,,

KesundHeitspffege.

Vorbeugung gegen Diphtherie. Man kann nicht genug betonen, daß bei dem scheinbar unbedeutendsten Katarrh gleich energisch eingeschritten werden muß, und Dispositionen zu derartigen Asfektionen durch vernünftige Abhärtung vermindert werden können. Kaltes Gurgeln, kaltes Waschen des Halses sind, vorzügliche Präservative. Namentlich sei man bei Epidemien auf der Hut und be­handle daher jeden Katarrh mit besonderer -Sorgfalt. Aus­giebigste Reinlichkeit, Ventilation und peinlichste Sauberkeit müssen dann geübt werden. Ist man um den Kranken, so wasche man sich mit Karbolsäure und stecke bei Bepinseln des Halses in Nase und Ohren Watte, halte den Mund geschlossen. Man lasse bei Behandlung von solchen Kranken nie den Mut sinken, denn oft haben die schwersten Fälle einen glücklichen Ausgang; man handle daher kräftig und besonnen.

Mittel gegen Husten. Bei der jetzt oft rauhen Witterung dürfte es angebracht sein, ein einfaches, selbst herzustellendes Mittel zu erfahren, um dem jetzt häufiger eintretenden Hustenreiz Einhalt zu thun. Man nehme ein Viertel Pfund rote, geschälte Zwiebeln, durchschneide dieselben und koche sie mit einhalb Liter Wasser, ein Achtel Pfund Honig, ein Viertel Pfund Zucker zu einem dicken Syrup. Diesen streicht man durch ein Sieb, läßt ihn erkalten und hebt das übrige zum Gebrauch in einer gut verkorkten Flasche ans. Kinder können täglich drei bis Hier Theelöffel davon einnehmen. Erwachsene etwas mehr.

Iür die Küche.

Sahnen-Kartoffeln. Eine Scheibe rohen Schinken schneidet man in Würfel, ebenso eine Zwiebel und schwitzt beides in Butter, ohne daß es sich färbt, giebt einige Löffel Mehl dazu, läßt dieses einige Minuten mit durchschwitzen und füllt es mit Sahne auf, daß eine dicke Sauce entsteht, die man mit Salz, Pfeffer und Muskatnuß würzt und einige Zeit langsam kochen läßt. Jetzt schält man kleine Kartoffeln recht rund, kocht sie in Salzwasser weich, gießt sie ab, und giebt die Sahnensauce durch ein feines Sieb über die Kartoffeln, läßt sie einige Male darin überkochen und serviert sie zu Beefsteak.

Lrtterarisches.

Modelaunen. Als Modelaune muß es bezeichnet werden, daß sich derzeit die Neuheit der Mode zumeist in der Form und Machard der Röcke äußert und die Eleganz der Toilette durch den Rock bestimmt wird. Diesem Zuge Rechnung tragend, bringt dieWiener Mode" in ihrem soeben erschienenen Heft 12 vierzehn verschiedenartige neueste Rockformen, deren Schnitte den Abonnentinnen gegen Ersatz der Spesen gratis znr Verfügung stehen. In dem besonders gut ausgestatteten Hefte sind außerdem mit modernen Motiven gezierte Taillen zu finden, sowie in Farben veranschaulichte Hüte, und moderne Handarbeiten. Preis des Heftes 45 Pfg. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen oder vom Verlage derWiener Mode", Wien, Wienstraße.

Silbenrätsel.

Nachdruck verboten.

ba, bi, be, ca, chen, da, del, der, der, dt, ei, er, il, isch, ku, men, mus na, nes, no, p, rei, rg, san, fee, fee, sie, stra, tan, tcn, tib, u.

Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen zehn Wörter ge­bildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die Anfangsbuch­staben, von oben nach unten gelesen, den Namen eines Komponisten, und die Endbuchstaben, von unten nach oben gelesen, eine Stadt er­geben, in der er besonders gern weilte. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter Folgendes:

1. Mehrfach vorkommenden Städtenamen. 2. Germanischen Bolksstamm. 3. Russisches Gouvernement. 4. Türkische Stadt. 5. Bekannten Astrologen. 6. Spanische Stadt. 7. Amerikanischen Freistaat. 8. Eine Halbinsel. 9. Russischen See. 10. Ein Vorgebirge.

Auflösung des Arithmogriph in voriger Nummer: Wismar Alma LiterDattel Meter ErdeIltis Seiler TadelEmsReis.

Waldmeister.

Redaktion: ®. Burkbardt. Druck und Verlag der Brühl'schen llaiversitätS-Buch- und Sreindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.