Ausgabe 
20.3.1900
 
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Nationaler Grötzentvahn.

Ein Beitrag zur Psychologie der Volksseele.

Von Dr. Kurt Rudolf Kreusner.

Nachdruck verboten.

Das Selbstgefühl der Völker, welches eigentlich ja nur bei den Deutschen mancherlei zu wünschen übrig ließ, hat sich mächtig entwickelt und nimmt zuweilen Formen an, welche an nationalen Größenwahn streifen. Zwar hat jedes Natiönchen", mag es an sich noch so unbedeutend sein, ein Recht darauf, seine Eigenart zu schützen, so lange es eben dazu die positive Macht hat, und das Volk, welches erforderlichenfalls nicht alle seine verfügbare Kraft, den letzten Hauch von Mann und Roß. an die Verteidigung seiner heiligsten Güter setzt, taumelt dem Abgrunde ent­gegen. Sehr zu bezweifeln ist es aber, ob jene Erscheinungs­formen des patriotischen Stolzes, welche sich statt in Thaten, nur in hohlen Worten äußern, ob jene Bierbank­redensarten , welche von Selbstlob des eigenen Volkes strotzen und in der Herabwürdigung fremder Nationalität sich garnicht genug thun können, nicht höchst beklagenswerte Phänomen sind.

Der Ausspruch Voltaires:Jede Nation hält ihre Eigentümlichkeiten für Tugenden" ist ebenso wahr, wie der andere Erfahrungssatz, daß Völker nur dann sich mit Höflichkeit traktieren, wenn sie weder durchs direkte Grenz­nachbarschaft, noch durch kollidierende wirtschaftliche Inter­essen miteinander in Streit geraten. Schon das fremde Idiom allein, das die Verständigung erschwert, ist Grund genug, um den fremdsprachigen Nachbarn lächerlich zu machen. .'

Im Grunde genommen, kann ja jeder Mensch eigentlich nur sich selber leiden. Ein Dutzend Hausfrauen, welche gezwungen sind, in derselben Mietskaserne zu hausen, wer­den sich gelegentlich in Parteien spalten, die sich auf das heftigste befehden, und die Geschichte des deutschen Par- tikularismus ist vielleicht das beredteste Beispiel dasür, wie sich Mnder desselben Volkes schmähten und beleidigten, statt sich gegen den äußeren Feind zu Schutz und Trutz zu­sammenzuschließen. In einem kleinen Wiener Weinbeisel in der Nähe der Paulanerkirche saßen etliche ehrsame Wiener Bürger und jammerten wie Scheffels Ichthyo­saurus über der Zeiten Verderbnis, d. h. sie schimpften gar kräftig über alles, was in ihrer geliebten Hermatsstadt geschah, trotz der Gegenwart eines norddeutschen Touristen, der die Reize der Donaustadt gebührend pries. Als dieser jedoch schließlich, mutiger gemacht, auf ihre Tonart ein­ging, und ganz in diesem Sinne etwas von Rückständigkeit der Verkehrsmittel und der politischen Zustände in Wien redete, wandte sich das Blüttlein, und es wurde ihm die Freundschaft mit den Worten gekündigt:Schaun's, daß weiter kommen, sonst können's Jhnere Knochen noch im Sacktüachl außi trag'n".

So geht von den kleinen Dimensionen der Familien und Wirtsh aus gesellschaften das Rivalitätsgefühl in un­unterbrochener Reihe aufwärts zu den größeren Verhält­nissen benachbarter Gemeinden, und provinzieller Ver­bände und bis zu den Beziehungen großer Staaten, deren Millionen - Bevölkerungen im günstigsten Falle mit jener nichtssagenden und zu nichts verpflichtenden Höflichkeit unter einander verkehren, welche Freiherr von Knigge in seinem vielgenannten aber wenig gelesenen BucheUeber Len Umgang mit Menschen" anempfiehlt.

Jedes Volk will leben: das ist eine Konsequenz des be­rechtigten Egoismus. Daß aber jedes Volk kein anderes neben sich dulden will, ist Selbstüberhebung und beweist die traurige Thatsache, daß die Menschheit trotz aller gegen­teiligen Redensarten erzreaktionär und von dem Ideale der Vervollkommnung der Völker als der Kinder einer ge­meinsamen Mutter noch himmelweit entfernt ist.

Um dies zu beweisen, braucht man nicht auf die Griechen zurückzugreifen, welche jeden Nichthellenen, ja selbst den griechisch-macedonischen Welteroberer verächtlich einen Barbaren nannten; denn kein Volk, auch das deutsche nicht, hat sich von den Uebertreibungen des nationalen Hochmuts freigehalten. Es ist ja auch zu bequem, der nationalen Eitelkeit durch Herabsetzung anderer Völker zu schmeicheln; denn die Kosten der gegenseitigen Verhetzung

trägt schließlich, wenn es zur blutigen Abrechnung kommt, nicht der Artikelschreiber, der längst das militärpflichtige Alter überschritten hat, sondern der Michel, der Peppi, der Jean Chauvin, der Tommy Atkins, der heute, Lieder singend, zum Bahnhof marschiert, um einige Wochen dar­auf, nachdem der Alkoholrausch verflogen, vom feindlichen Geschoß durchbohrt, auf fremder Erde sein Leben auszu­hauchen.

Immerhin ist in dieser Beziehung das Schuldkonto des Deutschen noch ein relativ geringes. Wenn sich hundert­tausende jetzt das billige Vergnügen leisten, die Engländer mit Haut und Haaren aufzufressen, so ist das eine Aus­nahmeerscheinung, welche ihre Erklärung in dem erwachen­den Bewußtsein findet, wie oft uns England namentliche bei unseren jungen kolonialen Bestrebungen Steine in den Weg geworfen hat. Im übrigen aber titulieren sich die einzelnen deutschen Stämme lieber gegenseitig mit wenig schmeichelhaften Ausdrücken, unter denen das duftende Epi­theton wohl obenan steht, mit welchem gelegentlich Leute nach dem Geschmack Dr. Sigls in München die Preußen zu bezeichnen pflegen, und welches sein Pendant nur noch in der antiken Bezeichnung eines griechischen Stammes als ozolische" Lokrer findet. Immerhin haben wir an den Sprachgrenzen, besonders an den östlichen und südöstlichen, einige zahme Ehrentitel für unsere Nachbarn bereit. Wenn der Wiener singt:

Der Mensch ist kein Kroat; er lebt nicht einzig von Salat" oder der Dichter sein berühmtes Lied von:

Krapülinski und Waschlapski, Polen aus der Pollakei" konzipierte, so ist das ein Kinderspiel gegenüber demjenigen, womit diese interessanten Völkerschaften wie Polen und Magyaren uns aufzuwarten belieben.

Als der polnisch-nationale Heißsporn, Fürst Czar- toryski vor wenigen Jahren auf den Türmen seines auf preußischem Boden liegenden Schlachzizenschlosses blutig­rote Fahnen mit der Inschrift hißte:Tod allen Deutschen", brachte er nur dasselbe zum Ausdruck, was all­jährlich viele millionenmal in dem berüchtigten tschechischen Hetzliedchrom a peclo" gesungen wird, dessen Refrain wörtlich denselben Text hat.

Wenn der Magyare auch zwar nicht so gierig nach dem Blute des Deutschen ist, wie der Pole und Tscheche, so muß. es uns immerhin zu denken geben, daß diese asiatische Rasse, welche in ihrer angeborenen Nervosität immer mehr mit dem französischen Wesen harmonieren wird, als mit dem deutscher! Phlegma, die Lieblingsgewohnheit kultiviert, bei» großen Festen zum Klange der Zigeunerfiedeln das Lied zu singen

Jaj, de hunczut a nemet,

(Ja der Deutsche ist ein Hundsfott")

und in dem Ausstellungsjahre 1896 sahen Unterbehörden, die später allerdings wohl recht ungern von oben desavouiert wurden, ruhig zu, wie namentlich in den Schulen hunderttausende von Festschriften verbreitet wurden, in denen zu Preis und Ehre des magyarischen Stammes gesagt wurdedie Seele des Magyaren ist flecken­los und weiß, nicht schwarz, wie die Seele des Deutschen".

Ueberhaupt sind alle diese östlichen Völker, obwohl sie sich gar zu gern mit dem Firnis westeuropäischer Formen überzulackieren belieben, von ihrer Kultur in hohem Grade eingenommen, und wenn Geibel einst den nach Form und Inhalt recht mäßigen Vers macht, daß an deutschem Wesen noch einmal die Welt genesen solle, so wird er weit übertroffen von Dichtern und panslavistischen Po­litikern, welche im Sinne Katkows und Pobedonoszews mit souveräner Verachtung auf die verderbte west­europäische Kultur herabsehen und damit beim gewöhn­lichen Volke, den Muschiks, ein williges und lautes Echo finden.

Den ersten Preis in puncto nationaler Hysterie haben jedoch in den letzten Jahrzehnten Engländer und Franzosen davongetragen. Die undelikaten Abbildungen Pariser Witz­blätter, in deren einem die greise englische Königin abge­bildet wurde, wie sie in sehr mangelhafter Bekleidung die Bekanntschaft eines von Ohm Krüger gehandhabten In­strumentes macht, das für gewöhnlich nur zu Zwecken häuslicher Zucht benutzt wird, ist nur ein Glied einer end­losen Kette von Beleidigungen, welche, von hunderttausen-