Ausgabe 
20.3.1900
 
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angenommen hatte, was ihr etwas eigentümlich Doppel- ^"Vcettcljen stützte den Kopf in die Hand und blickte träu­merisch über ihre Schar, hinweg, in den warmen Fnihlings-

Seitre trat und ihm mit ihrer muskulösen, weißen Hand einen kräftigen Schlag auf die Schulter versetzte. , Nicht schlagen", sagte der junge Mann, der kühl in das lebhaft glühende Gesicht des Mädchens blickte; und während er mit einem etwas blasierten Lächeln die Zigarre bei Seite legte, wendete er der Artistin und ihren Scherzen den Rücken und trat an den Schanktisch

Ein kolossaler Kerl", bestätigten alle, die im Kreise zurückgeblieben. Nettchen hatte beiseite gestanden und war der Szene mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt.

Als Seitre das schöne Weib, das eine beherrschende Rolle in dem kleinen Kreise spielte, mit so geringschätzen- der Gleichgültigkeit abgefertigt hatte, war ihr Interesse für den jungen Mann sofort gestiegen. Es war klar, er stand über allen diesen Leuten, und es konnte nur em Beweggrund der Not sein, der ihn zu einem solchen unter seiner Würde stehenden Engagement trieb.

Ihre Voraussetzung wurde bestätigt.

,Es ist wahr", hörte sie den Direktor zu ferner Gattm sagen.Der Mensch fitzt riesig im Dalles. Seine letzte (Jage ist ihm von einem Burschen weggepfändet worden, mit dem er sich zu tief in Hazard eingelassen hatte. Er spielt wie eine Ratte. Wenn er's nicht dringend notig hätte, wäre er nicht zu uns gekommen!"

Also er spielt", dachte Nettchen.Er verliert Geld wie die vornehmen Männer." Ihre Bewunderung vor dem

^°Warum sollte nicht ihr es gelingen, aus dem ihrem Willen unterworfenen Geschöpfe einen gleichen Wunder­hahn zu machen? , ,rr ~.

Erregt von diesem Gedanken, griff sie nach dem Tier und richtete dessen Kopf zu sich auf.

Doch erschrocken hob sie den gefiederten Körper nun völlig zu sich empor. ,

Der Vogel hatte die Augen verdreht, fein Schnabel stand halb offen.

Ein Schütteln ging durch seinen Körper.

Er stirbt!" rief Nettchen angstvoll aus.

Sie lief an das Wasser, schöpfte davon in der hohlen Hand und träufelte dem Tier ein paar Tropfen in den geöffneten Schnabel.

Lechzend schluckte er sie hinunter. Dann schlugen seme Flügel ein-, zweimal krampfhaft empor, gegen die Brust des jungen Mädchens. Darauf streckte er den Körper und stieß einen glucksenden Seufzer aus.

Den im Buche des Geschickes vorgezeichneten neuen Martern hatte er es vorgezogen, rechtzeitig anszu- weichem n ytanb ba mit trostlosem Blick.

Ihre Thränen stürzten auf das Gefieder ihres Hahnes herab. Er war die Stütze ihres Repertoires gewesen!

Und sie hatte ihn lieb gehabt!

Sanft drückte sie fein Gefieder, hauchte seme noch warme Brust, seinen Schnabel an.

Ihr war es, als müsse er unter diesen Bemühungen aufwachen, mit den Flügeln flattern, sein gellendes Kikeriki I ausstoßen.

Mer er that ihr den Gefallen nicht.

An der Enge dieses Käfigs ist das arme Tier mir | zu Grunde gegangen", hachte Nettchen, indem ihr Blick I voll Abscheu zu dem grünen Wagen hinüberflog.

Dann rief sie das übrige Geflügel herbei, das sich I in den verschiedensten Variationen aufs beste unterhielt | und den toten Freund, den Nettchen auf den Rasen meder- I gelegt hatte, harmlos schnatternd betrachtete.

IMarsch, daß Ihr hinein kommt", rief Nettchen, über

I die Gleichgültigkeit der Sippe empört. .,

Daraus band sie den Hahn m ihr Tuch, nahm ihn wie ein Kind in den Arm und schritt wieder ins Hau» die traurigste alter Hirtinnen, die je ihre Schur über

I diese Wiese getrieben hatten.

I (Fortsetzung folgt.)

tag hinein.

Ihr seit einem Jahre so wechselvolles Leben zog an ihrem Geiste vorüber.

Was würde die Zukunft bringen? _

Und sie sah in Gedanken Bilder voll Farbe und Pracht, menschengefüllte herrliche Theater in denen hundert- armige Gaskronen brannten, brausende Musik erscholl, und man jubelnd applaudierte, während sie selbst inmitten ihrer dressierten Schar in einem rosa-silbernen Phantasiekostum sich verneigte und die von Brillanten eingefaßte Verdienst­medaille an ihrer Brust funkeln ließ.

Nicht ewig würde sie in dem grünen Wagen von Ort zu Ort ziehen, um auf kleinen, obseuren Bühnen hmter dunklen Kulissen frierend ihreNummer" abzuwarten.

Noch ein paar Monate eifriger Hingabe, und ihre geflügelten Zöglinge mußten eine Vollkommenheit erreicht haben, die sie über alle sich produzierenden Kollegen hinwegheben sollte. . .

, Strenge richtete sie den Blick auf den Hahn in ihrem Schoße. Er war der intelligenteste, aber auch der wider­spenstigste von allen. In ihrem Handbuch der ^.ierdressui, das ihr beim Unterricht als Leitfaden diente, hatte sw von dem Phänomen eines Hahnes gelesen, mit dem sich im Jahre 54 der Spanier Savonarola dem zivilisierten Publikum präsentiert hatte. Dieses Tier war imstande ge­wesen, nach der Musik einer Ziehharmonika eine Polka zu tanzen und zum Schluß die kleine Bäckermutze, die man ihm auf oen Kamm gebunden hatte, mit der Kralle des linken Fußes gravitätisch zum Gruße herab-

^^Allons^'die Mädels an die Arbeit!" rief der Direktor, indem er seine dicke, silberne Uhr hervorzog, 1 die an einer Talmi-Kette hing.Es ist beschlossen, für | den Zeitraum der nächsten Vorstellungen das Logis hier I beizubehalten, weil's drinnen im Kurort zu teuer ist. Zeder räume sich seine Kammer ein. Das Viehzeug I bleibt im Wagen." , . , I

Frische Luft kann man ihnen wenigstens einmal gönnen", sagte Nettchen, die neben Rosi zur Thür hinaus- I schritt.Die armen Tiere sind seit acht Tagen zusammen- I gedrückt zum Erbarmen. Mein Hahn ist schon ganz tief­sinnig. Ich! glaube, daß er es nicht mehr lange macht, I und ich mir bald einen neuen abrichten muß."

Rosi glitt gleichgültig über diese Worte hin.

Was meinen Sie", fragte sie, indem sie ihr fernes Hälschen wiegte,ist dieser Seitre nicht famos?" 'Ich weiß nicht", entgegnete Nettchen kurz.

Mer mit blitzenden Augen maßen fte sich.

Dann verschwand Rosi im Wagen.

Nettchen öffnete die Thür zu dem seitlich am Wagen angebrachten Verschlag, der den Stall darftellte.

Sie ließ ihre Tiere heraus. I

Halb erstickt von der Schwüle und Enge des Stalles, I tzte Schnäbel weit aufreißend und wie verzweifelt mit den I Flügeln schlagend, stürzten sie die kleine Huhuerstiege hinunter, in wilder Hast über einander herkollernd und I ftotyernh^e <$-nger ^gte Nettchen. Für diese Geschöpfe, die nunmehr den Inhalt, den Zweck und die Karriere ihres I Lebens bildeten, fühlte sie herzliche Besorgtheit.

Sie faßte ihren Kleiderrock mit beiden Händen, wehte ihn hin und wieder und trieb auf diese Weise die Tiere vor sich her, einem kleinen Wiesentümpel zu.

Da, trinkt!" sagte sie, als sei sie gewiß, daß sie 1 genau verstanden werbe. .

Die Enten, dieselben, mit denen ste seinerzeit ihren «chrkursns begonnen hatte, und die noch immer die Sterne ihres Ensembles bildeten, liefen mit ihrem einwärts ge­richteten Gange so rasch die glatte Böschung, die zunt Wasser führte, hinunter, daß es aussah, als mußten sie sich die Beine brechen. m LL,

Mer Du, mein Junge, bleibst hier! sagte Nettchen, indem sie den Hahn ergriff, der Miene machte, den gleichen, gefährlichen Weg zu nehmen. .

* Sie setzte sich ins Ufergras und druckte das Tier in ihren Schoß, wo es gehorsam wie ein Haushund sitzen 6tteB$or ihr, im aufgewühlten Sande des Weges, machten es sich die übrigen Mitglieder bequem: der Puter, die .Küchlein und die alte Henne, welche allabendlich eine Pistole äbznschießen hatte und deren Schnabel von der steten Be­schäftigung mit dem eisernen Hahn eine gespaltene Form