Ausgabe 
20.3.1900
 
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ist wahr, recht harte Nüsse giebt Das Schicksal unfern Backen, Doch was ihr zu vergessen liebt: Man kann draus Kerne knacken.

Ferd. Avenarius.

Nachdruck verboten.

Das Pflegekind.

Roman von Elsbeth Meyer-Förster.

(Fortsetzung.)

Nettchen liebte dieses Kind, das ihr in vielem ähnlich war, wie sie alles glänzende und bestechliche liebte.

Sie waren an dem Zaun des Gärtchens angelangt und blickten auf die Landstraße hinaus.

Sieh!" schrie Minja, indem sie mit beiden Armen hinaus auf den Fahrweg wies,da kommt Monsieur Seitre."

Mvnsieur Seitre war die neue Spezialität, die sich der Direktor, durch seine guten Kassengeschäfte von Unter­nehmungsgeist erfüllt, aus Berlin hatte nachkommen lassen.

Nettchen erblickte einen großen, schlanken, jungen Mann, Wer auf einem blitzenden Zweirad die Landstraße imhergesaust kam.

Das ist Herr Seitre?" fragte sie ganz perplex.

Ja!" sagte Minja,der aus Richters Varietee. Haben Sie nicht sein Bild schon an den Anschlagssäulen gesehen? O, das ist ein galanter Herr. Mutter sagtz, alle Artistinnen find immer ganz verliebt in ihn."

Mit altklugen und doch so unschuldigen Kinderaugen schaute sie zu Nettchen auf.

Papa muß ihm auch die Hälfte von der Einnahme E" en", fuhr sie fort,das verlangt Herr Seitre. Er ist n in Moskau gewesen und in Wien. Und in Paris ab ich ist er geboren."

Nettchen hörte dem kindlichen Geplauder mit gespann­ter Aufmerksamkeit zu. In ihrer Phantasie verdichtete sich Mort alles, was Minja erzählt hatte, zu einer ergänzen­den Historie. Das glänzende, das in der Schilderung von Herrn Seitres Persönlichkeit lag, zog sie sofort an, und Msch ging sie nun mit Minja der Wirtsstube zu, um den. Angekommenen näher in Augenschein zu nehmen.

Der junge Mann stand inmitten des Zimmers, von dem Ksteise der Artisten dicht umgeben^

Sie reichten ihm kollegialisch die Hände, aber nur die wenigsten davon ergriff er, um sie flüchtig zu schütteln. 8S war i hm nicht möglich, auf die vielen, zu gleicher Zeit

an ihn gerichteten Fragen zu antworten. Er war von der raschen Fahrt noch erhitzt. Sein bleiches, hageres Gesicht schimmerte feucht an den Schläfen; seine Brust, über der er eine Lawntennis-Blouse mit rotem Gürtel trug, atmete rasch, und bei jedem Atemzuge konnte man die muskulösen Linien seines Körpers verfolgen.

In 21 Stunden, die 250 Kilometer von Berlin nach hier?" rief der artistische Leiter, dieser kleine Mann, der die Programme entwarf und die Kuplets dichtete, die sein Weib allabendlich zum Vortrag brachte.Freund, das ist eine Leistung, die wir hegießen müssen. Mariechen", wandte er sich an seine Frau, die eben wieder durch das glücklich schnalzende Kind an ihrer Brust bewies, daß sie Kuplet- srngen nicht als den Hauptzweck ihres Lebens anffaßte, fleh, da ist Herr Seitre, mit dem Du in Breslau zusammen imSimmenauer" engagiert warst, und später in Posen. Auch in Richters Varietee", fügte der kleine Mann, gegen die anderen gewendet, enthusiastisch hinzu,bil­deten Herrn Seitres Nummern die HauPtanziehUngskraft des Programms."

Während dieser Rede hatte der junge Franzose es srch bequem gemacht; er legte den roten Gürtel ab, strich das weiße Flanellhemd glatt und fuhr mit einem kleinen Kamm über fern nach englischer Mode total glatt rasiertes Haar.

Daraus zog er einen Spiegel aus der Tasche, blickte flüchtig hinein und strich mit einer winzigen Seidenbürste über die bestaubten Nähte seiner langen," weiten, weißen Beinkleider.

Kaum hatte er mit den paar Strichen, die seinen äußeren Menschen blitzschnell verschönten, geendet, als er mrt einem raschen Wurf Spiegel, Bürste und Kamm in die Luft fliegen ließ, worauf er alle drei mit Nonchalance rm Aermel seines Flanellhemdes auffing. Darauf nahm er em türkisches Pfeifchen aus der einen, eine Zigarre aus der anderen Brusttasche, schleuderte erst das Pfeifchen in die Höh', dessen Mundstück er sofort bequem mit den Zahnen auffing; darauf die Zigarre, die beim Niederfallen prompt mit der Spitze in die Pfeifenöffnunq flog.

Alle lachten und riefen Beifall.

Aben Sie nicht gelesen", fragte der junge Mann in fernem gebrochenen, scharfen Deutsch,daß ich mich abe ausgebrlden neuerdings als Salon-Jongleur? Im,Artist, aben großer Artikel gestanden? Ich bin noch in Hebung. Aber wenn ich werde vollkommen fertig gelernt sein, ich werde sein der erste Salon-Jongleur der Welt."

Er hatte diese Worte mit Exstase gesprochen. In seinem gleichgültigen, kühlen, hageren Gesicht glühte fanatischer Ehrgeiz.

Nach der Probe, die Sie uns gegeben haben, kann niemand dran zweifeln. Sie sind ein doller Kerl, aber charmant", sagte die Trapezkünstlerin, indem sie neben