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und stöhnte: O, was habe ich gethan? Muß ich mir immer vorwerfen, mein eigenes Kind gemordet zu haben?
Nein, Mutter, Du warst verblendet, wie ich! Dir wird vergeben werden! Lebe wohl, ich muß eilen, denn ich bin sehr schwach!
Sie erhob sich, umarmte und küßte ihren Sohn, und ihre Tochter geleitete sie aus dem Zimmer.
Lieber Vater, sagte Arnold, komm und setze Dich zu mir! Mildred! rief er dem jungen Mädchen, das am Kamin stand.
Sie kam sogleich.
Mildred, mir ist, als ob ich jetzt zur Ruhe gehen sollte, das Zimmer wird dunkel! — Mildred, können Sie mir so weit vergeben, daß Sie meinen Kopf an Ihrem Busen ruhen lassen, damit ich meine letzten Worte an Ihrem Herzen aussprechen kann?
Großer Gott! ries der Alte aufspringend. Ist er im Sterben?
Sei ruhig, Vater! Fasse meine Hand und lasse mich so enden, wie ich wünsche!
Mildreds erfahrene Augen sahen, daß sein Tod unmittelbar bevorstand, daß sein Leben nur noch einmal aufgeflackert war vor dem Erlöschen, deshalb erfüllte sie seine Bitte und nahm seinen Kopf an ihre Brust.
Ruhen Sie endlich ! seufzte sie.
Vater, sagte er nach einem Augenblick, sieh' dieses teure Mädchen an, das meine Seele vom Tode errettet hat! Sie ist Mildred Howell!
O Arnold! Arnold! Gott vergieb mir! Ich sehe es, unser unsinniger Stolz hat einen guten Engel von uns ferngehalten!
Ja, Vater, sie ist es. Hatte ich nicht recht, sie zu lieben?
O, welch blinder Thor bin ich gewesen! stöhnte der alte Mann.
Gräme Dich nicht Vater! Aber wenn ich gestorben bin, sei gut gegen sie; sie ist vaterlos!
Der Alte erhob sich langsam und ging auf Mildred zu.
Mein Kind, sagte er mit gebrochener Stimme, meine Liebe zu Arnold wird aus Sie übergehen und sein Erbteil wird Ihnen gehören.
Gott segne Dich, Vater! rief Arnold. Lebt wohl! Laßt mich schlafen! Und müde schloß er die Augen.
Das ist gut, mein Junge, morgen wirst Du stärker sein.
Mit schwachen, schwankenden Schritten verließ er das Zimmer.
O, wenn ich das nur früher gewußt hätte! murmelte er.
Frau Sheppard trat wieder ein. Eine kurze Zeit lang schien, Arnold zu schlafen, dann öffnete er die Augen und blickte sich langsam um. Mit inniger Dankbarkeit ruhten seine Blicke auf seiner Schwester.
Mildred, mein guter Engel, lebe wohl für kurze Zeit.
Wieder schlossen sich seine Augen, immer langsamer folgten sich seine Atemzüge, und endlich hörten sie ganz auf. Die Schwester legte ihre Hand aus sein Herz. — Sein trauriges, verkisininertes Leben hatte geendet! —
Mildred küßte ihn zum ersten Mal während ihrer Pflege, und legte sanft seinen Kopf zurück aus das Kissen.
Gott sei Dank, murmelte sie, daß es nicht so endete, wie ich gefürchtet habe!
XL.
Heimat.
Mehrer Monate waren vergangen. Mildred hatte die Familie Vinton versöhnt verlassen, selbst die stolze Frau hatte mit bitteren Thränen um ihre Verzeihung gebeten. Mildred nahm nichts an, als den gewöhnlichen Lohn, welcher zur Unterhaltung des Instituts diente, dem sie angehörte. Der alte Vinton und seine Tochter besuchten sie noch oft, und der alte Herr flüsterte ihr einmal ins Ohr: Sie wollen nichts von mir nehmen, aber in meinem Testament kann ich meine Schuld abtragen! Arnolds Erbteil gehört Ihnen. Der arme Junge hat es so verstanden, und ich werde dem Toten nicht die Treue brechen.
Dann wird sein Erbteil dazu dienen, Notleidende und Kranke zu unterstützen, erwiderte sie.
Als das zweite Jahr in ihrem neuen Berufe zu Ende ging, waren einige wichtige Veränderungen in Roberts
Leben eingetreten. Sein Onkel und bald darauf seine Tante waren gestorben. Robert war ein reicher Mann, aber nicht glücklich geworden. Er unterstützte seine Eltern reichlich, machte seine Schwester Susanna zu seiner Erbin, sonst aber wußte er kaum, was er mit dem Gelde anfangen sollte. Er kaufte ein kleines, aber elegantes Haus, und stellte Frau Willow als Haushälterin darin an, aber mit Ausnahme einiger weniger Zimmer für sich ließ er das ganze Haus leer stehen, als stillen Vorwurf für Mildred. Eine Woche vor ihrem Examen veranlaßte er sie eines Abends, mit ihm sein Haus zu besichtigen.
Es ist keine Heimat, flüsterte er, ich habe nur dort meinen Aufenthalt. Dann führte er sie in die Vorhalle, welche einfach, aber sehr elegant möbliert war. Frau Willow erschien mit geräuschvoller, lebhafter Begrüßung, und führte sogleich Mildred in ihr Reich.
Ich bin in Sorge um den Herrn, sagte sie; denn er scheint mir jetzt sehr mutlos zu sein. Eines Tages wollte ich sogar schon zum Arzt gehen.
Roberts Erscheinung bestätigte Frau Willows Worte, denn sein Gesicht war hagerer als früher, und ein Ausdruck von Müdigkeit und Niedergeschlagenheit lag in seinem Wesen.
Frau Willow sagt, Sie seien nicht gesund.
O doch, erwiderte er, ich habe nur etwas lange gearbeitet heute nacht.
Zeigen Sie mir die Gesellschaftszimmer, Robert! Ich erwarte Muster von Eleganz zu sehen.
Er öffnete die Thüren und sie blickte in zwei vollständig leere Zimmer hinein. Diese Zimmer sind mir überflüssig, sagte er kurz, und schloß die Thüren. Aber kommen Sie nach oben!
In dem nach der Straße gelegenen Zimmer brannte nur eine ganz schwache Gasflamme. Als Mildred mitten im Zimmer stand, drehte er plötzlich den Gashahn, und vor ihr an der Wand erblickte sie drei vortreffliche Oel- aemälde, das Bildnis ihres Vaters, ihrer Mutter und Bellas aus den besten Tagen.
Die Wirkung auf Mildred war überwältigend.
Robert, murmelte sie, Gott segne Sie! Dann brach sie in einen Strom von Thränen aus.
Sie sind sprechend ähnlich! bemerkte sie nach einer Weile. Welcher Reichtum ist das für Sie! Ich habe nur kleine Bilder von den Meinigen.
Diese gehören Ihnen, Mildred! Ich werde sie selbst an Ihren Wänden aufhängen. Aber nun noch eine Bitte: Setzen Sie sich auf diesen Lehnstuhl am Feuer, dann kann ich das letzte und beste Gemälde dieser Familiengallerie hinzufügen.
Zögernd erfüllte sie seinen Wunsch. Sie fühlte zu ihrem Verdruß, daß sie errötete, als er, an den Kamin gelehnt, sie anblickte. Sie vermochte seinen Blick nicht zu begegnen. O, dachte sie, warum — warum kann er nicht darüber wegkommen?
Ich danke, Mildred! Dieser Stuhl soll nie von seiner Stelle gerückt werden. Aber kommen Sie nun fort aus diesem Zimmer der Schatten! Ihr erster Besuch in meinem Hause hat Ihnen so viele Thränen gekostet, daß Sie viel- , leicht nicht wiederkommen wollen.
Es sind keine bitteren Thränen. Aber hier sind noch viele leere Büchergestelle, bemerkte sie, als sie durch die Bibliothek schritten.
Robert, sagte sie plötzlich, ich glaube, ich sehe einige Handarbeiten, die ich erkenne. O ja, hier und hier! Ich glaube, das Haus ist voll von meinen Arbeiten!
In den Gesellschaftszimmern ist noch nichts von Ihrer Hand, Mildred!
Sie achtete nicht auf diesen Vorwurf. Ach, also haben Sie mit Frau Willow gegen mich konspiriert! Sie waren also mein Abnehmer? Wie konnten Sie mir während aller dieser Monate ehrlich ins Gesicht sehen mit so unschuldiger Miene? Aber wo sind die Geschenke, die ich für Sie zu den Festtagen fertigte? Sie waren wohl nicht schön genug für Eure Hoheit? Haben Sie sie weiter geschenkt?
Sie sind in meinem Arbeitszimmer oben, für den Gebrauch sind sie zu heilig!
Wer hüt jemals von einem so sentimentalen Bruder gehört? fragte sie.
Frau Willow hatte ein warmes Abendessen bereitet und


