Ausgabe 
20.1.1900
 
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Tann ist es besser, Sie sagen dem armen Mädchen die Wahrheit, erwiderte Howell. Klara wurde gerufen und hörte mit krampfhaftem Schluchzen den Ausspruch des Arztes.

Ich habe das befürchtet, sagte sie.

Ich werde die Nacht über bei ihr bleiben, begann die mitleidige Frau Willow, wenn Fräulein Howell nach meinen Kindern sehen will.

Nein, Frau Willow, erklärte Mildred entschieden, ich werde dableiben. Sie müssen bei Ihren Kindern sein. Papa, bringe Bella nach Hause! Klara und ich können jetzt alles thun, was nötig ist.

Gut, erwiderte Howell, ich werde zurückkehren und bei Euch bleiben.

Bald waren Klara und Mildred allein. Mildred be­sichtigte flüchtig den schwach erhellten Raum.

O Himmel, seufzte sie, werden wir auch so weit kommen.

Die alte Frau war sichtlich dem Ende nahe. Ihr Mnd hatte wenig von den Freuden dieser Welt kennen gelernt und wußte nichts von der jenseitigen.

Fräulein Howell begann sie, glauben Sie an einen Himmel?

Ja, gewiß.

Wie sieht er aus?

Das weiß ich nicht zu sagen. Er wird uns beschrieben als das Schönste und Herrlichste, was die Welt bieten kann. Ich glaube, wir werden dort finden, was wir am meisten zu unserem Glück nötig haben.

O, dann ist dort Ruhe für Mama und mich, seufzte das Mädchen erschöpft.

Gewiß, erwiderte Mildred rasch, in der Bibel steht geschrieben: Es giebt eine Ruhe für die Gottseligen.

Das ist's, rief Klara mit einiger Bitterkeit. Es ist immer die Rede von den Gottseligen. Aber was bleibt für solche, wie wir, welche immer nur mit der Not zu kämpfen haben, so daß wir wenig an Gott und die Kirche denken können? O Mildred, ich bin unwissend wie eine Heidin! Ich hatte eine Bibel? aber ich habe sie verkauft, um Wein für die Mutter zu kaufen. Ich hätte daran denken sollen, ihre Seele zu retten. Jetzt aber ist sie zu krank, als daß man mit ihr sprechen könnte. Sie werden nie begreifen, was für ein Leben sie geführt hat. Sie hat nicht gelebt, sie ist nur durch die Welt gezerrt worden. In einem Miethaus ist sie geboren, und in einem engen Gäßchen spielte sie in ihrer Jugend. Das Land hat sie kaum jemals gesehen. Fast ehe sie zu spielen verstand, mußte sie anfangen zu arbeiten. Als sie siebzehn Jahre alt war, heiratete sie ein roher, schlechter Mann. Wie das kam, habe ich nie begriffen. Ich glaube nicht, daß er mehr von Liebe wußte, als ein Schwein; denn so lebte er und so starb er auch, aber nur nicht früh genug. Es scheint entsetzlich, daß ich so von meinem Vater rebe, aber wie sollte ich anders sprechen, da er doch seit meiner frühesten Jugend ein Gegenstand des Schreckens und Abscheues für mich war? Anstatt daß er für die Mutter sorgte, mußte sie für ihn sorgen, die wenigen Groschen, die sie am Wasch­faß mühsam verdiente, nahm er ihr ab, um sie zu ver­trinken, und wenn er nach Hause kam, bezahlte er sie mit Schlägen und Flüchen dafür. Ich glaube, wir haben in fünfzig Wohnungen gelebt, denn wir waren immer rück­ständig mit der Miete .und mußten zimmer wieder ausziehen. Manchmal wohnten wir an seltsamen Stellen, kann ich Ihnen sagen, in reinen Rattenlöchern, aber sie hatten das Gute, sie schafften die Kinder fort. Denn zu allem Elend kamen noch immer neue Kinder, elende jämmerliche Wesen, welche von der schlechten Luft, .in der wir lebten, vergiftet wurden, nachdem sie uns so viele Sorgen als möglich be­reitet hatten. Ich habe die meisten von ihnen gepflegt, und mein Leben wurde eine Last, ehe ich sieben Jahre alt war. Ich wurde so erschöpft und schwach, daß ich bald froh war, wenn sie starben. Als die Mutter so hinfällig geworden war, daß sie wirklich nicht mehr arbeiten konnte, that uns der Vater zum ersten Mal etwas Gutes, in­dem er im Rausche starb. Seit dieser Zeit haben wir uns aneinander geklammert. Wir waren oft hungrig, aber keine Nacht trennten wir uns. Und welche lange Nacht wird jetzt kommen!

Das arme Mädchen ließ sich auf den Fußboden nieder.

uni von ihrer Mutter nicht gesehen zu werden, und schluchzte krampfhaft. Mildred suchte sie nicht mit Worten zu trösten.

Arme Klara, sagte sie, mir blutet das Herz, wenn ich daran denke, was Sie durchgemacht haben!

Das Mädchen erhob sich und blickte Mildred ins Gesicht.

Mein Gott, flüsterte sie, Sie weinen über meine Not? Mildred, ich werde alles glauben, was Sie mich lehren werden, denn ich glaube an Sie!

Fortsetzung folgt.

Moderner Seeraub.

Eine zeitgemäße Studie über das Seevölkerrecht.

Von Dr. Egon Friederici.

Nachdruck verboten.

Es war im Jahre 1402. Im heiligen römischen Reiche deutscher Nation herrschte Wohlstand und Friede, soweit man von einem solchen bei der Rauflust der Ritter und kleinen Fürsten sprechen konnte. Während im Süden und Westen des Reiches die Dynastien ihre Territorien in immer kleinere Staatengebilde zersplitterten,als ob es eine Hufe Acker zu verteilen gälte, und auf diese Weise Deutschlands schmählichen Sturz vorbereiteten, stand im Norden die Hansa, die stolze politische Schöpfung des deutschen Kausmannsstandes, auf dem Gipfel ihrer Macht. In großer Zahl, wie heute, kamen die Kauffahrteischiffe durch die Nordsee an die Elbmündung, den Weg nach dem altehrwürdigen Hamburg zu suchen; aber oft genug erreichten sie nicht ihr Ziel: denn auf dem Felsenneste Helgoland, welches in den frühesten Zeiten des Mittelalters durch friesische Flüchtlinge bevölkert worden war, hauste eine wilde Rotte von Seeräubern, die Vitalianer, deren berüchtigte Hauptleute Stürzebecher und Goedekr Michels gar manches wackere Schiff kaperten, um sich der Ladung zu bemächtigen, nachdem die Bemannung erbarmungslos hin­geschlachtet worden war, bis es endlich im oben genannten Jahre Simon von Utrecht gelang, sich der Person jener beiden Anführer zu bemächtigen und durch ein hartes, aber wohlverdientes Blut­gericht die Nordsee von der Räuberplage zu befreien.

Fünfhundert Jahre sind seitdem in den Strom der Ver­gangenheit hinabgerauscht, und wennChidder, der ewig junge", abermals desselben Weges gefahren käme, könnte er in des Reiches größter Hafenstadt Zeuge derselben Empörung sein wie damals, als freche Seeräuber den hanseatischen Handel aufs schwerste schädigten. Nur der Schauplatz hat sich verändert; denn heute ist es der Ausgang des Roten Meeres in den Indischen Ozean und die Küstengewässer des südöstlichen Afrikas, wo ein neuer Stürzebecher, nämlich unser Vetter jenseits des Aermelkanals, mit der gehässigen Brutalität, welche der angelsächsischen Rasse nun einmal eigen ist, deutsche Reichspostdampfer abfängt und dem Völkerrecht ins Gesicht schlägt.

Mit dem Völkerrecht ist es eine gar schlimme Sache. DK Kanonen sind die ultima ratio nicht nur der Könige, sondern auch der republikanisch eingerichteten Staaten, und wenn man es vergeblich mit allen homöopathischen Mittelchen probiert hat, wie sie die Aerzte der internationalen politischen Krankheiten, nämlich Diplomaten und Bölkerrechtslehrer, vorgeschlagen haben, greift man zur Gewalt, die für denjenigen, welcher der stärkste ist, der bequemste Ausweg aus allerhand Fatalitäten ist.

Im Anschluß an die aufregenden Ereignisse der letzten Zei! ist das Prisenrecht, wie es sich nach der Pariser Seerecht^ deklaration von 1856 darstellt, vielfach erörtert worden. Merk würdigerweise wird dabei säst durchweg übersehen, daß fidi England schon deswegen prinzipiell im Unrecht befindet, weil die mit ihm im Kriege begriffenen südafrikanischen Republiken über­haupt keine Küstenstrecken besitzen, und das von den britische,! Schisfskapitänen ausgcübtc Durchsuchungs- und Prisenrecht be­treffend die nach der Delagoabai segelnden Schisse sich nicht allein gegen die mit England im Krieg befindlichen Staaten, sondern ebenso sehr, ja noch mehr gegen das gute, nicht zu be­zweifelnde Recht der neutralen Staaten, vor allem gegen das in der Delagoabai hoheitsberechtigte Portugal richtet.' Mit dem selben Rechte könnte England, wenn es sich etwa mit der Schweiz in Kriegszustand befände, seine Kriegsschiffe vor die Rhein- mündungen und die Häfen von Genua und Marseille legen unter dem Vorwande, daß auf diesem Strome und den von den genannten Hafenortcn landeinwärts führenden Bahnen Waren zur Befrachtung kämen, die dem Feinde die Fortsetzung des Krieges ermöglichten und deshalb als Kriegs-Kontrebande zu betrachten seien.

Die Durchsuchung eines deutschen Schiffes in dem 608 deutsche Meilen vom Kriegsschauplatz entfernten Aden und die Verhinderung des Transportes von Sanitätskolonnen, welche unter dem Zeichen des Roten Kreuzes der Genfer Konvention reisen, beweisen, daß man in England willens ist, das Unrecht auf die Spitze zu treiben: diese Handlungen sind aber nur die würdige Fortsetzung dessen, was das meerbeherschende Albion