Ausgabe 
19.8.1900
 
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jo maücher stillen warmen Sommernacht die niedlichen Glühwürmchen gleich feurigen Funken durch die Lust blitzen sehen. Wir fragen uns zwar verwundert nach der Ursache des geheimnisvollen Lichts; denn die Erklärung der Wissenschaft, daß wir die allerliebste Erscheinung einem Verbrennungsprozeß, einer langsamen Verbrennung von Fettsubstanz verdanken, kann uns ebenso wenig befriedigen, wie sich bisher die Forschung selbst dabei beruhigt. Im ganzen aber hat uns die Gewohnheit gegen das Phänomen abgestumpft, unser Anpassungsvermögen findet sich rasch ab. Weit unheimlicher dünkt uns die Erscheinung leuchten­der Pflanzen, nnd zwar aus dem einfachen Grunde, weil wir viel seltener zur Beobachtung dieses interessanten Schauspiels Gelegenheit haben. Wer jemals das Leuchten faulen Holzes, das Phosphoreszieren angeschnittener Kar­toffeln usw. beobachtet hat, wird dies bestätigen.

Die Zahl der leuchtenden Pflanzen ist nicht so groß wie die der mit Leuchtorganen versehenen Tiere. Zunächst ist zu unterscheiden zwischen solchen Hflanzen, die ein wirk­liches Leuchtvermögen besitzen, und solchen, bei denen das Leuchten nur auf reflektorischem Wege entsteht. Zu letz­teren gehört das sogenannte Leuchtmoos (schistostega os- mundacea), dessen Vorkeime ein smaragdgrünes Licht aus­strahlen. Das Leuchtmoos wächst nur an dunklen Orten, in feuchten, schattigen Höhlen und Kluften, wo der winzige Vorkeim den Boden als zarten Anflug überzieht. Es kommt nur in Europa und zwar hauptsächlich im mittleren und nördlichen Teile desselben vor, ist also bei uns in Deutschland gar nicht selten, und ist vielleicht die Ver­anlassung zu mancher Sage von verborgenen, glänzenden Schätzen und feurigen Drachen geworden. Mancher Ziegen­hirt, der neugierig in eine der Grotten vordrang, aus denen das geheimnisvolle grüne Licht ihm entgegen­schimmerte, meinte Edelsteine und Reichtümer zu finden, sobald er aber den vermeintlichen Schatz an das Tages­licht brauchte, hatte sich derselbe in eitel Erde und Moos verwandelt. Denn das Leuchtmoos leuchtet nur im Dunkel der Felsen und Höhlen, der schöne Zauber kann die Kritik des Tages nicht vertragen. Das ganze Leuchten ist nur eine Reflex-Erscheinung ; die großen blasenförmigen Zellen brechen wie Tautropfen das Licht und bestrahlen intensiv die Chlorophyllkörner der Arbeitszellen, sie wirken also wie förmliche Brennlinsen, während man früher das Leuch!- ten für ein Phosphoreszieren hielt.Die Erscheinung", sagt Kerner,daß ein Gegenstand nur im dunklen Ge- klüfte der Felsen leuchtet, und seinen Schimmer sosort ver­liert, wenn er an das Tageslicht gezogen wird, wirkt so überraschend, daß man begreift, wie sich das Märchen von neckischen Gnomen daran knüpfen konnte, von höhlenbe­wohnenden Kobolden, welche den habgierigen Erdensöhnen Gold und Edelstein schauen lassen, den angelockten Schatz­gräbern aber hinterdrein die bittere Enttäuschung bereiten, daß diese beim Ausleeren des in der Höhle mit Hast zu- sammengescharrten Schatzes nicht schimmerndes Geschmeide, sondern gemeine Erde aus den Säcken hervorkollern sehen."

Ein ähnliches Leuchten bringen manche im Meere lebende Algen hervor, doch ist die Ursache hier in gewissen Farbstoffen zu suchen, welche die Ausgabe haben, die jenen Pflanzen infolge ihres Aufenthalts in der Tiefe nur zu­gehenden blauen Lichtstrahlen in andersfarbige umzu­wandeln, und so den Chlorophyllkörnern die erforderlichen Lichtstrahlen zuzuführen.

Die Fähigkeit des Selbstleuchtens besitzen ausschließlich eine Anzahl Pilze, also Gewächse, welche den am tiessten stehenden Klassen des Pflanzenreiches angehören. Vor allem kommen hier eine Reihe von Bakterien in Betracht, in erster Linie das bacterium phosphorescens. Daß Fleisch und tote Seefische zuweilen mit weißlichem oder grünlichem Lichte phosphoreszieren,- war schon Aristoteles bekannt; auch später wird das Phänomen wiederholt erwähnt, die Erklärung dafür wurde aber erst in neuerer Zeit gefunden. Nach derselben sind es jene Leuchtbakterien (Photobak­terien), welche nicht nur das Leuchten toter Seefische (grüner Heringe usw.) und Hummern, sondern auch das des Schlachtsleisches und einer Anzahl von Tieren hervor­bringen, die man früher für selbstleuchtend hielt, wie die leuchtenden Bohrmuscheln, Leuchtguallen, Ringelwürmer usw. Insofern sind die Leuchtbakterien auch an der Er­

zeugung des Meeresleuchtens nicht unerheblich beteiligt, jenes unvergleichlichen, prachtvollen Schauspiels, welches die Seefahrer nicht begeistert genug zu schildern wissen.

Der Verbreitungskreis der Leuchtbakterien ist übrigens ein ziemlich- großer, und in Seestädten kann man ihre Be­kanntschaft recht häufig machen. Manchmal erstrahlt eine ganze Fischhalle abends in dunkelgrünem Licht, es leuchtet das Psahlwerk der Häsen und die Gefäße, in denen die Fische zerlegt werden. Gelegentliche kommt die Erscheinung auch bei einheimischen Tieren, Krebsen, Grillen usw. vor und wird auch hier durch die-Leuchtbakterien verursacht. Das von ihnen heimgesuchte Fleisch ist für Menschen und Säugetiere unschädliche da die Leutbakterien durchaus nicht etwas mit den die Verwesung bedingenden Bakterien iden­tisch sind, sondern stets vor diesen auftreten. Wer sich von der Wirksamkeit des bacterium phosphorescens durch den Augenschein überzeugen will, hat nur nötig, sich. im Winter % vom Markte frische (sogenannte grüne) Heringe holen zu lassen. Man legt diese, ohne daß sie vorher abgespült, gereinigt oder sonst irgendwie zubereitet sind, etwa zwischen zwei tiefe Teller und setzt letztere an einen kühlen Ort (Fliegenschrank, Eisschrank, ungeheiztes Zimmer), so wird man, wenn man die Fische nach 24, spätestens nach 28 Stunden im Dunkeln betrachtet, gewahren, daß sie pracht­voll leuchten. R. Struck in Lübeck, welcher obige Anweisung vor einigen Jahren inNatur und Haus" veröfsentlichte, giebt an derselben Stelle auch eine genaue Beschreibung des Versahrens, die Leuchtbakterien von den Fischen auf gekochte Kartoffeln zu übertragen. Die Kartoffeln müssen gar gekocht, ziemlich versalzen und dann abgekühlt sein, sodann werden sie, in je zwei Hälften zerschnitten, mit der Schnittsläche nach oben, auf angefeuchtetes Filtrier­papier gelegt, das aus einem reinen flachen Teller liegt. Das Ganze wird mit einer Glasglocke bedeckt. Mittelst einer reinen Nadel überträgt man dann eine geringe Menge der die Heringe überziehenden leuchtenden Masse aus die Kartoffeln, indem man die letzteren oberflächlich ritzt, und das Ganze darauf 2428 Stunden an einen kühlen Ort stellt. Das Gelingen des Versuchs erfordert jedoch große Vorsicht, damit nicht Keime anderer Bakterien an die Kar­toffeln oder die Nadel gelangen.

Außer den Leuchtbakterien giebt es auch leuchtende Pilze höherer Art. So hat man in Australien ganze Felder phosphoreszierender Pilze beobachtet, die ein unsicheres weißliches Licht ausströmten. Die Lichtwirkung geht in­dessen nicht von den Pilzen selbst, sondern von deren Mycelien aus. Am bekanntesten sind von den höheren Leuchtpilzen der agaricus olearius, der auf den Wurzeln der Oliven im südlichen Frankreich wuchert, der agaricus melleus, der in morschem Holze schmarotzt, der agaricus igniarius, der agaricus tuberosus usw. Auch das Leuchten des saulen Holzes rührt, wie Fr. Kutscher gegenüber ab­weichenden Meinungen festgestellt hat, ausschließlich von Pilzwucherungen her.Es gelang leicht, den Pilz aus Tannenholz zu züchten; aus Agar oder Gelatine war dies ' erst möglich, wenn diese Stoffe mit Abkochungen von Buchenrinde versetzt wurden. Das Leuchten erfolgt ins­besondere jungen Mycelium, das ältere färbt sich dunkel­braun und leuchtet nicht mehr." (Zeitschrift für physiolog. Chemie.) Die Ursache des Leuchtens ist mit Gewißheit noch nicht ergründet worden; wahrscheinlich hängt es mit einer Wärmeerhöhung zusammen, die von der Oxydation der Eiweißstoffe herrührt.

Ist schon unsere Kenntnis des oben besprochenen Phä­nomens eine recht unzureichende, so tappen wir noch viel mehr im Dunkeln hinsichtlich einer Erscheinung, welche bisher nur von wenigen Forschern beobachtet und daher von manchen Gelehrten überhaupt in Zweifel gestellt wird, Es handelt sich um das nächtliche blitzartige Aufleuchten mancher Blumen. Die Tochter Linnees nahm das Phänomen zuerst an der Kapuzinerkresse (Tropacolum majus) wahr und zwar an einem gewitterschwülen Juliabend des Jahres 1762, und auch der berühmte Naturforscher selbst soll sich an den folgenden Abenden von der Richtigkeit der Be­obachtung überzeugt und seine Tochter veranlaßt haben, der Akademie der Wissenschasten über die Erscheinung Be­richt zu erstatten. Später wurden dieselben Erscheinungen an Feuerlilien, Ringelblumen, Schlafmohn, Samenrosen,