Ausgabe 
19.8.1900
 
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halb keine Rede fein, weil es nichts gibt, das ichJhneri zu verzeihen hätte. Bedarf es indessen noch weiterer Versicher- nngen, um Sie davon zn überzeugen, so bin ich mit Ver­gnügen bereit, sie Ihnen zu geben nur nicht in diesem Augenblick, wo . Sie dringend der Erholung und vielleicht auch einer kleinen Stärkung bedürfen. Der Weg bis Las- dehnen ist weit. Sie können ihn unmöglich znrücklegen, ohne sich zuvor für den langen Ritt gekräftigt zu haben. Die Gastfreundschaft, die ich! Ihnen zu bieten vermag, ist zwar nur von der allerbescheidensten Art, doch ich hoffe, daß Sie sie unter den obwaltenden Umständen trotzdem

nicht verschmähen".

(Fortsetzung folgt.)

Das Leuchten der Pflanze».

Von Hermann Grelling,

Nachdruck verboten.

Leuchtende Tiere sind uns seit unserer Kindheit eine vertraute Erscheinung; haben wir doch mit Entzücken in

schnell genug die Gefahren dieser Lage erkennen. Denn wie i begreiflich war, wenn der Offizier, als er sie erreicht hattch wenig bösartig auch die. schönen Tiere sein mochten, die I zunächst an anderes dachte, als daran, sich ihr nach gesell- sie zuerst mit so lebhaftem Vergnügen betrachtet hatte, ihre I schaftlichem Brauche vorzustellen.

ungestüme Neugier war doch vollkommen hinreichend, IMein Gott, sollten wir dennoch nicht früh genug einem in ihrer Mitte eingeschlossenen Reiter Verderben I Ihnen zu Hilfe gekommen sein?" ries der Reiter, als er zu bringen. I Elisabeth erreichte.Wie blaß Sie sind, mein Fräulein!

Wie in einem Haufen sinnlos erregter Menschen, die I Und Sie halten sich kaum noch im Sattel! Hatten diese samt und sonders nach demselben Punkt hinstreben, gab I wilden Bestien Ihnen bereits ein Leid zugesugt?" es von allen Seiten ein Drängen und Schieben, daß I Elisabeth schüttelte verneinend den Kopf, aber ihre Elisabeth sich fast aus dem Sattel gehoben fühlte, und daß I weitgeöffneten schönen Augen hingen noch immer mit einige der ihr zunächst befindlichen Pferde in die Höhe I starrem Ausdruck an dem Gesicht des Fragenden, wie stiegen, um sich durch! Schlagen und Beißen des erstickenden. I wenn sie kein Wesen von Fleisch und Blut, sondern em Ansturms zu erwehren. Enger, immer enger schien sich I dem Grabe entstiegenes Gespenst in ihm zu sehen ver- die lebende Mauer um sie zu schließen, und nirgends zeigte I meinte.

sich eine Lücke, die ihr Hoffnung gemacht hätte, sie gemalt- INichts mir ist nichts geschehen: brachte sie müh­sam durchbrechen zu können. Die Hiebe, die sie nach allen I sam, beinahe tonlos hervor.Ihre Hilfe tarn zur rechten Seiten hin mit ihrer Reitgerte austeilte, hatten keine I Zeit. Ich danke Ihnen, mein Herr, aber ich bitte Sie, andere Wirkung, als daß die getroffenen Tiere hoch auf- I lassen Sie mich vor allem erfahren, wem ich die Erhaltung bäumten und sie zu der schon vorhandenen Bedrängnis I meines Lebens schulde".

auch noch in Gefahr brachten, von ihren Hufen getroffen 1 Unter dem Schnurrbart des Offiziers zuckte es selt- zu werden. Da kam ihr der Gedanke, eine ihrer Pistolen I sam. Er wandte sich im Sattel und gab seinen Leuten abzufeuern, denn der Knall des Schusses mußte ja not- I einen Wink, weiter zurück zu reiten. Dann sagte er, wieder wendig eine äußerst erschreckende Wirkung aus die ver- I die Hand an seine Kopfbedeckung legend:Mazor Sixtus, wilderten Vierfüßler üben. Aber sie gewahrte bestürzt, I mein gnädiges Fräulein, Führer eines ehedem in preußi- daß ihre Erwartung sie getäuscht hatte. Wohl gab es I scheu Diensten stehenden Freikorps".

eine gewaltige Unruhe in dem dicht gedrängten Haufen, ISixtus!" schrie Elisabeth auf.So ist es ooch kerne und einzelne Tiere machten verzweifelte Anstrengungen, I Täuschung, keine zufällige Aehnlichkeit! ,§err von Plo- sich heraus zu arbeiten, um das Weite suchen zu können. I thow Sie sind es?"

Durch ihre eigenen Gefährten jedoch wurden sie daran ge- IBis vor acht Jahren nannte man mich allerdings hindert, und Elisabeth gewann in dem beängstigenden Ge- I so, Fräulein von Marschall! Damals aber habe ich meinen tümmei, das sich nun erhob, bei weitem nicht Raum genug I ererbten Namen für immer abgelegt. Ich bin der Major für eine Flucht. Nicht mehr in der Hoffnung, sich damit I Sixtus sonst nichts, und ich bitte Sie, zu vergessen, eine Gasse zu schaffen, sondern einzig auf die Möglichkeit I daß es jemals einen Herrn von Plothow gegeben".

hin, die Aufmerksamkeit hilfbereiter menschLicher Wesen I Es war kein Zweifel, daß er vom ersten Augenblick an zu erregen, wollte sie auch die zweite Pistole abschießen. I gewußt hatte, wen er in der Geretteten vor sich sah. Aber Aber die Waffe versagte, und zugleich wurde der Anschrm I in seinem Benehmen zeigte sich nichts von beglückter Ueber- ihrer vernunftlosen Peiniger so heftig, daß sie mit beiden I raschung und jubelnder Freude über diese Wiederbegeg- Armen den Hals des Braunen umklammern mußte, um I nung, die so wunderbar war, daß Elisabeth sich noch immer nicht herabgeschleudert und zertreten zu wgrden. In der I in einem Traume zu befinden wähnte. Höflich und ritterlich Todesangst, die sich ihrer jetzt bemächtigt hatte, rief sie I doch mit unverkennbarer Zurückhaltung hatte er ihr Rede laut um Hilfe; dann aber gab sie dies anssichtslose Be- I gestanden, und namentlich feine letzten Worte klangen so ginnen auf und erwartete mit stummer Ergebung das I ernst und dringend, daß sich das junge Mädchen davon im äußerste, das in dieser surchtbaren Situastion unmöglich I tiefsten Herzen getroffen fühlte.

noch lange ausbleiben konnte. IWenn Sie es so wünschen, Herr Major, werde ich

Schon fühlte sie, wie ihre Kräfte erlahmten, und ihre I Sie gewiß niemals bei Ihrem alten Namen nennen. Aber Sinne zu schwinden begannen. Da fielen ganz in ihrer I daß ich die Vergangenheit vergesse, nein, das werden Sie Nähe unwittelbar nach einander fünf, sechs, zehn Schüsse, I nicht im Ernst von wir fordern. Sind, doch meine Gedanken die erbarmungslos mitten in den zu einer einzigen Masse I seit acht Jahren unablässig bei dieser Vergangenheit ge- zusammengekeilten Pserdehaufen hinein abgefeuert sein I wesen, und habe ich doch niemals anfgehört, mich als die mußten. Denn jeder von ihnen sorderte sein Opfer, und I Urheberin Ihres Unglücks anzuklagen. Wie dürfte ich das Niederstürzen, das Stöhnen, das wilde Umsichschlagen I hoffen, daß Sie mir je verzeihen werden, wenn Sie es der zu Tode Getroffenen übte eine ganz andere Wirkung I mir verbieten, von meiner alten Schuld mit Ihnen zu als der unschädliche Knall aus Elisabeths, Pistole. Entsetzt I sprechen"!

stob die Herde auseinander, um den schützenden Wald I Das Pferd des Majors begann plötzlich unruhig zu wieder zu erreichen, und wenn auch der Braune noch eine I werden und die Notwendigkeit, es zu besänftigen, ersparte gute Strecke weit pon dew Schwarm mit Hortgerissen wurde, I ihm den Zwang einer sofortigen Antwort. Als er es nach so gelang es feiner Reiterin, die angesichts der nutzer- I Verlauf einer Minute wieder an Elisabeths Seite gebracht hofften Hilfe ihre ganze Energie zurünkgewonnen hatte, I hatte, sagte er mit wohlabgemessener Ehrerbietung:Von doch noch zur rechten Zeit, ihn herunizureißen und sich | einer. Verzeihung, mein gnädiges Fräiilein, kann schon des- aus der Umzingelung ihrer gefährlichen Wegleiter zu retten. c " ' ' ' ''' t ! ......

Nun erst gewahrte sie auch, und Mar mit lebhaftem Erstaunen, wer ihre Befreier gewesen paaren. Ein Trupp von etwa dreißig berittenen Männern in preußischer Hu­sar enunisorm sprengte auf sie zu, unsd ein reckenhaft ge­bauter, breitschultriger Offizier mit sonnengebräuntem Antlitz und martialischem Schnurrbchrt, der sich an der Spitze des Zuges befand, legte schock von weitem artig grüßend die Hand an seinen Kalpak.

Von dem Augenblick ack, da sie seiner ansichtig ge­worden war, starrte Elisabeth totenbleichen Antlitzes un­verwandt nur auf diesen einen Reiter. Eine wunderbare Aehnlichkeit, die freilich, nichts anderes sein konnte, als ein grausames Spiel des Zufalls, hatte alle alten Wunden ihres Herzens ausgerissen und eine Fühck der schmerzlichsten Erinnerungen in ihr herausbeschworeil. Nicht so sehr die kaum überstandene Todesangst, als das durch diese selt­same Aehnlichkeit wachgerufene Gedenken an die schwersten Küinmernlfse und Seelenkämpfe ihres! Lebens brachte sie um alle Fassung und Selbstbeherrschwng, so daß es wohl