(Fortsetzung.)
„Letzte Rose, wie magst du so einsam noch blüh'n? Deine lieblichen Schwestern sind längst schon dahin!" — so klagt das viel gesungene irische Volkslied, und bei einigem guten Willen konnte man die allbekannte Melodie unterscheiden, welche in weinerlich näselnden Tönen Frau Therese Thorbecks Finger der Zither entlockten. Wenn sie vor ihrem Instrumente saß, war die übrige Welt sür sie nicht mehr vorhanden, fürwahr! ihr glühender Eifer wäre eines besseren Lohnes würdig gewesen. Sie brachte es nämlich! in ihrer Kunst nicht vorwärts; sie hatte eine gewisse, über die blutigste Anfängerschaft hinausgehende Stufe erreicht, aber über diese kam sie nicht hinweg. Daß sie dies nicht merkte, weil sie sich wie eine Virtuosin erschien, indem sie der Zeit gedachte, wo sie vom Zitherspiele noch, gar nichts verstanden hatte, —: das trug viel zu ihrem Glücke und ihrer Zufriedenheit bei.
Eben klopfte es an die Stubenthür.
Aber Therese hörte es nicht, denn sie war von ihrem musikalischen Empfinden und vom Zauber ihres Spiels so hingerissen, daß sie die Töne der Zither unwillkürlich mit ihrer Stimme begleitete, die in einem Alt von fast bodenloser Tiese erklang. , ,
Es klopfte abermals. Da ihr jedoch soeben em Akkord so schön gelungen war, daß sie ihn noch! einigemale hintereinander, und immer lauter und rauschender anschlug, so blieb ihr Ohr gegen jedes Geräusch der profanen Außenwelt taub.
„Bravo! bravo!" ließ sich plötzlich eme Stimme vernehmen. „Da fehlt gar nicht mehr viel — und Sie können es im Zitherklub „Orpheus" als Solo vortragen!"
Frau Thvrbeck, welche der Thüre den Rücken zugekehrt hatte, wandte sich nach dem unbemerkt eingetretenen Sprecher um. Sie war überrascht, aber nicht erstaunt oder gar zu einer Bildsäule verwandelt. Hätte sie freilich nnt ihren eigenen Augen gesehen, was sich vergangene nacht unweit des Städtchens Wörb ganz in der Nähe des Linden
(Nachdruck verboten.)
Die Irre von Sankt Rochus
Kriminalroman von GustavHöcker.
Ar. 100
1900
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o schwer du auch im Anfang lernst Dich zu gewöhnen, zu ertragen, Noch schwerer ist's, mit ganzem Ernst
Dir Liebgeword'nes zu versagen.
Otto Roquette.
Hofs auf dem Strome ereignet hatte, so würde ihr der Anblick des Mannes, der jetzt vor ihr stand, einen Todesschrecken eingejagt staben, wie ihn nur die plötzliche Erscheinung eines Verstorbenen hervorzurufen vermag, — denn dieser Mann war Herr Titus Allram.
Da die junge Frau von der nächtlichen Begebenheit keine Ahnung besaß, so hatte der Besuch, dieses alten Bekannten durchaus nichts auffallendes für sie, außer daß sie in seinem Gesicht einige rote Streifen bemerkte, die von oben nach unten liefen; auf jeder Wange und auch unter den Augen waren mehrere solcher verdächtiger Furchen gezogen.
„Ei, Herr Allram!" rief Therese mit einem sehr verwunderten Blicke auf diese seltsame Tätowierung, „was ist denn mit Ihnen geschahen? Ihr Gesicht sieht ja aus, als hätte Ihnen jemand —"
„Die Augen auskratzen wollen, nicht wahr?" ergänzte der Detektiv.
„Und die Wunden scheinen auch noch ganz frisch zu sein", fügte Therese hinzu, während ihre Verwunderung in besorgte Teilnahme überging.
„Sie sind noch keine vierundzwanzig Stunden alt. Ich habe mich gestern abend mit meiner Frau gezankt", sagte Allram mit trockenem Humor.
„Ach, Herr Allram, mir das zu sagen!" rief Frau Thorbeck. „Ich weiß ja, daß Sie gar keine Frau haben."
Der Detektiv schien nicht geneigt, ihre Neugier zu befriedigen. Er hatte überhaupt große Eile 'oder stellte sich wenigstens so, um Therese dadurch in einen Zustand von Unruhe zu versetzen, welcher ihr keine Zeit und Sammlung ließ, aus die Fragen, die er an sie richten wollte, wohlüberlegte Antworten zu geben.
„Nein, ich danke", sagte er, als sie einen Stuhl für ihn zurecht stellte und ihm den (Hut abnehmen wollte, „ich danke, ich kann mich nur einen Augenblick bei Ihnen aufhalten. — Hm! haben Sie mir nicht gesagt. Sie stünden mit Frau Bruscher in Briefwechsel?"
Es lag etwas sehr vertrauliches in dieser Frage.
„Ja freilich", antwortete Therese ebenso.
„Erinnern Sie sich! noch, als Sie mir das schöne Por- zellanservice sür vierundzwanzig Personen zeigten, da sagten Sie, glaub' ich. Sie wären Frau Bruscher noch einen Brief schuldig. Sie haben doch! damals gleich an sie geschrieben?" fügte er rasch und in einem Tone hinzu, als erwarte und stosse er sogar, daß sie dies gethan habe.
„Noch an demselben Tage!" beteuerte Therese.
„Was wir damals über Fräulein Konstanze Herbronn mit einander gesprochen hatten, das war ein guter Stoff, um Ihre Briefschuld los zu werden, habe ich recht?"
Frau Therese schien ein wenig verlegen. „Nun ja", antwortete sie, mit ihrer Brosche spielend, „ich! dachte mir sogleich, es würde Frau Bruscher große Freude bereiten.


