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Algers Leben einzuwirken, und wenn sie dies vermag, fürwahr, dann hat sie als guter Genius der Menschheit Ares heiligen Amtes vortrefflich gewaltet! Wie, wenn sie nun in letzterem Sinne auch- hier ihre Ausgabe erfüllte? Wenn sie den „dupfeten", „gemerlten" oder „gerieselten" Menschenkindern, wie man sie in Tirol nennt, fctoi armen „Getätzelten", wie sie in Franken und im Elsaß heißen, ein Wort des Trostes spendete über die verpönten Flecken, die als eine immerhin unangenehme Beigabe unserer schönen Jahreszeit empfunden zu werden pflegen? Hauptsache im ganzen Menschenleben bleibt ja doch immer, auch dessen weniger erfreulichen Zugaben eine lichte Seite abzugewinnen und den schlimmen Tag auch für gut zu nehmen. Diese einzig praktische Lebensweisheit lehrt uns auch, in Bezug auf die Sommersprossen die Poesie! Kein Geringerer als der Dichter des „Liebesfrühlings", unser Friedrich Rückert, ist es gewesen, der einer mit Sommersprossen bedachten Schönen folgenden köstlichen Trost spendete:
„Du zürnst, in Deinem Spiegel zu entdecken, Daß auch auf Deiner Wange Frühlingsflur Der Sommer schon — wie durst' er sich's erkecken — In leichten Fleckchen zeichnet seine Spur.
O, laß den Flor der Nacht den Spiegel decken Und sieh' hinauf zum leuchtenden Azur!
Dort sind mehr Stern', als auf der Wange Flecken, Und jeder Stern ist eine Zierde nur!"
Ist das nicht geradezu köstlich gesagt? Was die Sterne am nächtlichen Himmelsgewölbe, das sind jene gelbbraunen Flechchen auf einem dunkel leuchtenden Menschenantlitz! Freilich! ist's ja nur ein Dichter, der so etwas behauptet, und Dichtern ist nie recht zu trauen, denn man weiß nie, woran man mit ihnen ist. Das zeigt sich! wieder so recht deutlich ebenfalls bei Rückert. Schon stutzig muß uns folgendes Sonett aus dem „Liebesfrühling" machen:
„Im Sommer draußen als durch Busch und Hecken Auf Deinen Fußtritt meiner sich erpichte, Beklagt' ich, Deine Schönheit, daß tzu Nichte Daran ein Teilchen wird durch Sommerflecken. Jetzt, wo Dich die Erinnerungen wecken,
Vor meinem Geiste staun' ich, wie im Lichte, Du hastehst mit so reinem Angesichte, Daß ich- kein einz'ges Fleckchen kann entdecken. Was ist das? Ist es wohl der keusche Winter, Der init dem Schneeglanz Deine Flecken sauber Gemacht hat, daß Du strahlst als wie die Lilien?" Das klingt nun freilich schon etwas anders. Die „Sommerflecken" erscheinen hier schon als Zerstörer der Schönheit des Antlitzes — wie wär's, wenn wir demselben Dichter glaubten, der das Geheimnis der rätselhaften „Flecken" mit der Deutung löst:
„An der Wange meiner Liebsten steht ein kleiner Fleck Amor hat ihn hingestellet, darum steht er da so keck. Art'gen Schreck um sich verbreitend,
Hier im Garten steht der Mohr, Daß er vor Beraubung schirme, Mmvrs zarten Blumenflor - • „Ja", lachen meine schönen Leserinnen, „das läßt sich schon ertragen, ein einziges Fleckchen — das vielleicht nicht einmal zur Gattung der „echten" gehört!" Im Grunde aber verleugnet unser Dichter seine wahre Ansicht nicht: Sommersprossen entstellen ein Mädchenantlitz, wenigstens im Urteile der Betroffenen, und so verrnag er sich zu dem frevelhaften Wunsche zu versteigen:
Sproßte doch für jeden Kuß, v Den Dir raubt ein Geckchen, Gleich, der Sünde auf dem Fuß Dir ein Sommerfleckchen!
Weil die Mädchen eitel sind
f Und die Flechchen hassen, Würdest Du, mein schönes Kind, Fein das Küssen lassen —"
wobei wir übrigens dahingestellt sein lassen wollen, ob, wenn jene Strafe in der Thai eingetreten wäre, sich das Heer der sommersprossigen Schönen auch wesentlich ver- .mindert hätte. Selbst unser Altmeister erwähnt die ver
pönten Flecken, ein Beweis, wie sehr wir im Rechte waren, wenn wir eingangs für dieselben die Poesie in Anspruch nahmen. Und zwar ist es das unübertroffene Meisterwerk Goethes, fein „Faust", das auf die Sommersprossen Bezug nimmt. Im zweiten Teile desselben hören wir eine reizende Blondine sich! an Mephisto mit den Worten wenden:
„Ein Wort, mein Herr! Ihr seht ein klar Gesicht, Jedoch so ist's im leid'gen Sommer nicht!
Da sprossen hundert bräunlich-rote Flecken, Die zum Verdruß die weiße Haut bedecken."
Unser Hexenmeister Mephisto ist natürlich sogleich mit einem jener gepriesenen „unfehlbaren" Hautmittelchen zur Hand:
„Schade, so ein leuchtend Schätzchen!
Im Mai getuscht, wie Eure Panterkätzchen! Nehtnt Froschlaich, Krötenzungen kohobiert, Im vollsten Mondlicht sorglich destilliert. Und wenn er abnimmt, reinlich aufgestrichen Der Frühling kommt, die Tupfen sind entwichen!" Wie wär's, wenn die verehrte Leserin das Mittel ein- wal probieren möchte? Nützt's nichts, so schadet es auch nichts! würde es ja auch hier heißen. Immerhin versucht man ja gern alles, um eine Unzierde, eine Entstellung des Körpers, zu beseitigen. Und eine solche bilden die Sommersprossen schließlich doch. Wer entsinnt sich nicht jenes Mannes, mit dem uns Fritz Reuter in seiner „Festungstid" bekannt macht? „Ein oller, langer, dröger Mann, sin Gesicht mit Summersprutten berNalt: er sah schön gel un brun ut" — nicht wahr, Verehrteste, der reinste Adonis? Und Abraham a Santa Clara, eigentlich Ulrich Megerle geheißen, Hofprediger in Wien, gestorben 1709, dem man gewiß nicht nachsagen kann, er habe diese Welt der Unvollkommenheit mit Glaceehandschuhen angegriffen, erzählte einst auf der Kanzel von einer Frau, sie habe ein übel gestaltetes und gar ungeschaffenes Gesicht bekommen, ein Fell, ganz braunauerisch, über und über getüpfelt in dem Angesicht — eine gar possierliche Miniaturarbeit, wobei er leider verschweigt, wodurch das beklagenswerte Weib dies Mißgeschick verschuldet habe.
Und doch ist dies das erste: man muß die Ursache des Uebels kennen, wenn man an die Heilung desselben denken will. Was meint nun die Dichtung hierüber? Daß es nicht mit rechten Dingen dabei zuging, darüber war man sich ja im allgemeinen klar, und zwar stempelte rstan gern den scheckigen Kuckuck zum Sündenbock. So glaubt man in Niederösterreich heute noch, daß derjenige, der dem rufenden Kuckuck nachspottet, unwiderruflich mit Sommersprossen behaftet wird; daher der Name „Guckitzer", „Guggaschegg'n. In Steiermark wieder herrscht der Glaube, daß jene Kinder „Kuckucksflecke" bekämen, die in den Monaten, in denen der Kuckuck schreit — Mai, Juni, Juli — entwöhnt werden. Der Vogel hat eben im Volksglauben die Macht, seine scheckige Farbe unter gewissen Voraussetzungen aus die Menschen zu übertragen. Erst verhältnismäßig spät dämmerte die Ahnung, daß doch! wohl die Sonne nicht ganz unschuldig an den Sommersprossen sei. Daher die Mahnung, einjährige Kinder, wenn man sie vor „Laubflecken" bewahren wlll, nicht in die Sonne zu tragen, am allerwenigsten zur Zeit der Sonnenwende. Denn nun steht die Sonne im Zenith und entfaltet ihre stärkste Kraft. Erwachsene dagegen sollen sich vor der Märzen- soNne hüten — daher die Bezeichnung „Märzenflecke-". Eigenartig und gewiß nicht ohne Humor wird die Entstehungsursache unserer vielgeschmähten Fleckchen von der Dichterin Therese v. Ardter angegeben; nach ihr verschuldet sie einfach der Neid:
„Er schöpfet aus dem Quell Zwei Tropfen, wandelt fie mit Gifte Zu einer gelben Aetzung schnell Und spritzt sie freudig in die Stifte. Er hat sich nicht zu viel vertraut: Wohin ein Tropfen sich! ergossen, Da haftet auf der Schwanenhaut Untilgbar nun ein Sommersprossen!"
Untilgbar? höre ich meine Leserinnen ängstlich fragen. Nun, da wir keine medizinische Abhandlung schreiben, bleibt uns nichts weiter übrig, als wiederum den Volksglauben,


