Ausgabe 
19.6.1900
 
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innen verriegelt war und dennoch vom Kriminalkom­missar unverschlossen gefunden wurde. Das Dienstmäd­chen Therese Zeidler giebt zu, daß sie die Thüre in der ersten Bestürzung selbst aufgeriegelt haben könne. Sie könne sich hierin aber auch geirrt und die Thüre bereits offen gefunden haben, meint der Verteidiger. Beruhte es auf einer Vergeßlichkeit, daß der Riegel nicht vorge­schoben war, so traf es sich doch seltsam, daß gerade mit dieser ganz ausnahmsweisen Vergeßlichkeit der Mord zu­sammenfiel. War der Thater eine andere Person als die Angeklagte, so mußte es für ihn von Wichtigkeit fein, die Thüre offen zu finden; denn sein Eindringen durch dieses, dem Entree zunächst gelegene Zimmer in das Schlafkabinett war viel weniger der Gefahr ausgesetzt, be­merkt zu werden, als! wenn er den Weg zu seinem Opfer durch den Sammlungssaal hätte nehmen müssen, dem gegenüber sich das Zimmer der Vorleserin befand. Mit Recht hat der Verteidiger diese Punkte hervorgehobech aber sie erscheinen neben dem Belastungsmaterial un­wesentlich."

Doktor Gerth seufzte schwer auf.

Könnte man nicht auf den Gedanken kommen daß irgend eine Person ein Interesse daran gehabt habe, das Leben des Professors abzukürzen?" srug -er, sich seines ersten Gespräches mit Konstanze erinnernd.

Hm", machte Allram,daß jemand seinen Tod herbej- gewünscht hätte? Meinen Sie das mit Ihrer Frage?"

Es kommt ganz auf dasselbe heraus", erwiderte der Irrenarzt.

Gewöhnlich pflegen es ungeduldige Erben zu sein, die so etwas herbeiwünschen", bemerkte Allram trocken.

Professor Georgi hatte keine Leibeserben", fuhr Gerth fort. Seine Sammlungen hat er der Universität vermacht. Alles übrige aber (der Sprechende dämpfte hier plötzlich die Stimme), sein bedeutendes Barvermögen und sein Haus ist testamentarische seiner Wirtschafterin Frau Bru- fcher zugefallen."

Ich versteht", nickte der Detektiv.Aber hier ist beiläufig erwähnt", fügte er hinzu, auf die Broschüre deu­tend,daß Georgi an einem unheilbaren Brustübel litt, welches ihm nur eine kurze Lebensdauer vergönnt hätte. Gin paar Jahre früher oder später, das hätte sich schwerlich verlohnt, sich einen Mord aufs Gewissen zu laden und das Risiko, dafür um einen Kopf kürzer gemacht zu werden, zu tragen."

Das ist freilich auch meine Meinung", gab Gerth zu.Vergebens suche ich nach einem anderen Grunde, und doch muß es einen solchen geben."

O ja", versetzte Allram,z. B. die Furcht vor einer- Abänderung des Testaments zu gunsten eines anderen."

Ja, ja", rief der Arzt lebhaft,zu gunsten eines anderen! Das wäre ein Gedanke"

Den wir noch weiter ausspinnen können, da wir nun einmal dabei sind, den Prozeß zu revidieren", sagte der Detektiv lächelnd.Es ist ja keine Seltenheit, daß Junggesellen im Alter des Professors sich, plötzlich- heftig verlieben pmd die Welt durch eine Heirat in Erstaunen setzen. In den Zeitungen stand es, und in der Broschüre steht es Mch, und Sie, Herr Doktor, können es vielleicht aus eigener Anschauung bestätigen, daß diese Konstanz« Herbronn eine ungewöhnliche Schönheit ist. Zu diesen .äußeren Vorzügen kam noch eine geistige Bildung, die einen feinsinnigen Gelehrten wohl hätte anziehen können. Wer weiß, ob" Er zuckte die Achseln.

Sie meinen" Gerth wagte den Gedanken nicht auszusprechen. Sein Antlitz erglühte plötzlich in dunklem Rot.

Dem Detektiv entging das nicht. Um zu prüfen, ob er die innere Bewegung, die dem jungen Arzte das Blut zu Kopfe trieb, rühtig beurteilte, fuhr er schonungslos fort:Ich meine, daß zwischen de« gelehrten Herrn und feiner Vorleserin sich vielleicht ein zärtliches Verhältnis angesponnen hHtte. Eine tüchtige Wirtschafterin, welche einem ledigen älteren Herrn ihre liebevolle Pflege wid­met, besitzt für so etwas ein scharfes Auge. Hatte dieses Auge eine derartige Entdeckung gemacht, dann war aller­dings eine Abänderung des Testaments zu gunsten der schönen jungen Vorleserin zu fürchten, und es war drin­gend zu wünschen, daß der heiratslustige Junggeselle das

Zeitliche segnete, ehe er eine solche Unbesonnenheit be­ging."

Man hätte meinen sollen, daß diese Folgerungen All­rams dem jungen Arzte aus der Seele gesprochen waren, und dennoch berührten sie sein Inneres wie Reif die Frühlingsknospen. Er merkte, wie es um ihn stand, welche Gefühle für die schöne, unglückliche Zellenbewohnerin in ihm die Oberhand gewonnen hatten, und der Detektiv merkte es auch. Sich vorzustellen, daß Konstanze zu dem Professor in einem innigeren Verhältnisse als dem einer Vorleserin gestanden haben könnte, erschien Gerth unmög­lich, aber vielleicht nur, weil ihm dieser Gedanke unerträg­lich war. Und doch hätte hiermit das Schweigen, welches sie sich selbst auferlegte, das Geheimnis, in welches fie sich einhüllte, seine einfachste Erklärung gefunden! Er­schien es denn aber denkbar, daß der Zartsinn eines Mäd­chens, die Furcht, vor einer öffentlichen Versammlung ein Herzensverhältnis einzugestehen, so weit ging, daß fie lieber den Verdacht eines furchtbaren Verbrechens auf sich nahm/ als die Beweggründe bloszulegen, welche einer an­deren Person den gewaltsamen Tod des Gelehrten hätten wünschenswert machen können?

Allram ließ ihm Zeit zu dieser Gedankenreihe. Dann sagte er, als wolle er das Gespräch von der bisherigen' Richtung ablenken:Das tragische Ende Professor Georgis hat mich mit lebhafter Teilnahme erfüllt. Ich hatte Gele­genheit, seine persönliche Bekanntschaft zu machen, zwar nur vorübergehend, aber in dieser flüchtigen Berührung wurde er mir sehr sympathisch. Es mag fünf Jahre her sein, als er in einer Diebstahlsfache aus einer Antiqui­tätensammlung war ihm ein kostbarer Gegenstand ent­wendet worden meine Dienste in Anspruch nahm. Ich ermittelte den Dieb und entlastete dadurch eine brave Person, auf welcher fälschlicherweise der Verdacht ruhte."

Sv kennen Sie wohl auch Frau Bruscher?" frug Gerth aufmerksam.

Sie scheint Ihnen nicht aus dem Kopf zu wollen", lächelte der Detektiv.Wie ich mich zu erinnern glaube, lag sie damals krank in der Klinik. Ich habe sie nie ge­sehen. Im übrigen werden Sie Mit mir übereinstimmend daß sie die Blutthat an ihrem Herrn nicht vvllführt hat, denn ihre Abwesenheit zu jenem Zeitpunkte, wo dies ge­schah, ist durch einwandsfreie Zeugen nachgewiesen."

Daran läßt sich nicht rütteln", stimmte der Irren­arzt bei.Aber ein Mörder ist vorhanden, und an die Schuld Konstanze Herbronns glaube ich- nun und nimmer­mehr. Im Vertrauen zu Ihnen gesagt: ich glaube auch nicht, daß sie an Epilepsie leidet, und was sie in unzu­rechnungsfähigem Zustande nicht beging, dazu war sie bei gesundem Sinne nur um so weniger fähig. Für die Er­forschung des wirklichen Mörders wird mir kein Preis zu hoch sein, und ich bin in der Lage, ihn zu erlegen. Nennen Sie mir eine Summe, die ich deponieren soll."

Wie ich Ihnen mitteilte, bin ich halb und halb schon versagt", entgegnete der Detektiv.Doch will ich Sie mit keinem unbedingten Nein fortgehen lassen. Sie werden Von mir hören; ich gebe Ihnen mein Wort darauf."

Doktor Gerth schüttelte die ihm treuherzig dargebo­tene Hand und verabschiedete sich. . . .

(Fortsetzung folgt.)

Die Poesie der Sommersproffen.

Aesthetische SkiM von Paul Pasig.

Nachdruck verboten.

Pfui!" höre ich- im Geiste meine liebenswürdigen Leserinnen ausruftn. Sommersprossen und poetisch? So wenig wie Tag und Nacht, sauer und süß, zusammen gehören, so wenig sich schön und häßlich zu einander ge­sellen, so wenig können jene widerlichen braunen Flecke, die auch! das einnehmendste Antlitz zu entstellen vermögen, etwas mit der Poesie gemeinsam haben! Und doch, halt ein! Zunächst behaupten wir ja nicht, daß jene bekanntlich unter dem Einflüsse der Sonnenstrahlen in der Schleim- schicht der Oberhaut sich, bildendenMärzen"- oderLaub­flecken" als ein Attribut der Schönheit von der Poesie verherrlicht werden. Diese hat vielmehr einzig die Auf­gabe, freudverklärend und leidversöhnend auf des Erden-