279
„Laß mich leben, mein Gott!" schrie sie auf, „leben Mn dieses Kindes willen!"
(Fortsetzung folgt.)
Vulkanische Gewalten.
Eine geologische Studie anläßlich des neuesten Besuv- ausbruchs.
Von Karl Rudolfi.
Nachdruck verboten.
Die glücklichen jungen Paare, welche gegenwärtig auf den Pfaden ihrer Hochzeitsreise in Italien wandeln, können eine der großartigsten Erscheinungen beobachten, welche die Natur bietet. Das, was wir so oft in unserer Kinderzeit in schlechten Buntdrucken an den Wänden angestaunt haben, in stockdunkler Nacht ein hoher Berg, an dessen Wänden sich feurige glühende Fluten herabwälzen, die ihren Wiederschein an endlosen Ranchmassen finden und den Glanz der Sterne verdecken, ein vulkanischer Ausbruch und zwar des Vesuvs ist nach langer Zeit wieder einmal zur Wahrheit geworden. Es ist dies das effektvollste, was der reisende Tedesco und Jnglese in der bella Napoli bewundern kann, und wofür die Franzosen gewiß viel Geld hingeben würden, könnten sie sich einen solchen Clou in die Nachbarschaft ihrer Ausstellung zaubern.
In der That hat der Anblick eines feuerspeienden Berges in vollster Thätigkeit immer etwas ungemein Fesselndes für die menschliche Phantasie gehabt. Seit den Zeiten Homers, der den Ulixes auf seiner 10 Jahre langen Heimfahrt nach Ithaka auch an den Fuß des sizilischen Aetna verschlagen werden läßt, seit der jüngere Plinius anläßlich des Vesuvausbruches der 79 nach Christus Pompeji und Herkulanum verschüttete, ein Opfer seines Wissensdranges wurde bis zu James Roß, dem mutigen Polarforscher, der tief unten in den Eismassen, die den Südpol umstarren, die 4000 Meter hohen, thätigen Vulkane Erebus und Terror entdeckte, ist es nicht bloße Neugier und Freude an einer etwas extraordinären Illumination gewesen, welche den Phänomenen des Vulkanismus ihre Beachtung schenkten; denn kein anderes geologisches Geschehnis ist im stände, die Obersläche unserer Erde so schnell zu verändern wie ein Vulkanausbruch; wenn auch der Endeffekt der nagenden Kräfte des Wassers der säkularen Hebungen und Senkungen in die Geschicke von Hunderttausenden vielleicht einschneidender eingreift, so bietet doch die imponierende Plötzlichkeit mit welcher oft binnen wenigen Stunden und Tagen Millionen Zentner flüssiger Lava aus- gespieen werden, Aschenberge sich auftürmen, und andere Partien der Erdoberfläche in die Tiefe versinken, genug des Interessanten, um sich immer wieder mit der Frage zu beschäftigen, was für revolutionäre Kräfte denn eigentlich dort unten in den Eingeweiden unserer Mutter Erde an der Arbeit sind. Diese Fragen sind um so wichtiger als sie aufs engste mit der Frage nach der Beschaffenheit des Erdinneren zusammenhängen und die davon untrennbare Erdbebenfrage immerhin selbst für uns Mitteleuropäer aktuell ist, die die Zuckungen des Erdenleibes zum Glück nur an einem stehengebliebenen Uhrenperpendikel oder an einen: eingestürzten Rauchfang angezeigt erhalten.
Thätige . Vulkane sind auf der Erde irrt ganzen genommen keine Seltenheit. Die neuesten Forschungen ergeben, daß aus nicht weniger denn 320 solcher Riesenschlvte die unheimlichen unterirdischen Feuer Herausrauchen, und immer noch werden neue Feuerberge entdeckt, wie z. B. vor kurzem in dem durchs seinen Goldreichtum plötzlich zur Berühmtheit gelangten Alaska, wo ein derartiger Riesenberg höher als der gigantische oft genannte Mount Elias, etwa 6000 Meter hoch gen Himmel ragt. Noch weitaus größer, ja überhaupt noch gar nicht annähernd genau festgestellt ist die Zahl der ausgestorbenen Vulkane. Bis jetzt sind schon weit über 500 bekannt, und an dieser Zahl partizipieren auch Deutschland, dessen Eifelmaare als erloschene Feuerberge zu betrachten sind, und Oesterreich, welches in Mähren, im Rautenberg bei Freudenthal und noch an mehreren anderen Orten Vulkane besitzt.
, Auf dem europäischen Festlande ist der Vesuv der -einzig thätige Vulkan; dagegen finden sich auf den Mittel
meerinseln deren bereits sechs, unter denen der Aetna, der Stromboli und der Vulkan auf Santorin im griechischen Archipel die bekanntesten sind. Auch auf den vielfach noch zu Europa gerechneten Azoren finden sich sechs nicht gerade bedeuteitde Vulkane. Imposanter wirken die Plutonischen Gewalten im europäischen Nordmeere. Bon den Feuerbergen aus Jan Mayen und den neun thätigen Vulkanen auf Island sind immer einige in voller Arbeit. Ungleich zahlreicher und gewaltiger sind aber die Werkstätten des Hephaestos in fremden Erteilen. Von dem äußersten unter Schnee und Eis begrabenen Norden des amerikanischen Kontinents ziehen sich in meridionaler Richtung über 2000 geographische Meilen bis zur Südspitze Südamerikas die Bergketten der Rocky Mountains, der Cordilleren und Anden hin und in ihnen liegen reihenweise angeordnet zahlreiche, erloschene und thätige Vulkane. Schon Alaska weist ihrer fünf auf; ihnen reihen sich auf dem Festland der Bereinigten Staaten acht weitere an, welchen in Mexiko zehn Vulkane folgen. In dem räumlich beschränkten Zen- tral-Amerika sind 25 thätige Feuerberge die Ursache zahlreicher Erdbebenkatastrophen; dann folgen Ekuador mit 14. Pern und Bolivia mit 7, Chile mit 18 Vulkanen, und auch auf dem an der Schwelle des südlichen Eismeeres gelegenen unwirtlichen Feuerland speit das Erdinnere aus einem solchen Ventil sein Feuer gen Himmel. Die Jnsel- brücke der Aleuten, welche sicy vom nördlichsten Amerika über das Beeringmeer nach Sibirien hinüberspannt, beherbergt nicht weniger als 31 thätige Vulkane; in stolzer Reihe tote Soldaten in der Front schließen sich ihnen auf Kamtschatka 12 wahrhaft riesige Feuerberge an; dann baut der Jnselstreifen der Kurilen mit 10 Vulkanen nach Japan herüber, wo deren wiederum 17 in Thätigkeit sind, an deren Spitze das Wahrzeichen des Landes der ausgehenden Sonne, der wolkenumgebene, schneebedeckte Fusijama marschiert. Dann vermitteln acht Vulkane auf den Liu-kiuinseln und Formosa die Verbindung mit den Feuerheerden der Philippinen, Molukken und Sundainseln, deren Zahl sich aus ein volles halbes hundert beläuft, und von hier aus erstrecken sich mehrere Reihen von insgesamt 26 thätigen Vulkanen durch das Polynesische Meer nach Neuguinea und Neuseeland hinunter, die mit je drei Stück den Reigen beschließen.
Dergestalt sind in Form eines spitzen Bogens oder Winkels, dessen Schenkel sich nach dem Südpolarmeer öffnen und den Stillen Ozean umspannen, während der Scheitelpunkt im nördlichen Eismeer zwischen Asien und Amerika liegt, mehr als zwei Drittel sämtlicher thätiger Vulkane in augenfälligster Kettenform angeordnet. Weniger klar ausgesprochen, aber doch für den Geologen deutlich erkennbar ist auch die reihenweise Position der 10 beziehungsweise 17 Vulkane auf den Inseln und dem Festlande Afrikas. Nur etwa ein Fünftel sämtlicher thätigen Vulkane liegen isoliert oder in regellosen Herden beieinander; saft sämtliche liegen aber unweit des Meeres und wo sie weit von diesem sich mitten im Binnenlande befinden, sind oder waren wenigstens wie in Zentralafrika — man denke nur an den Kilimandscharo und Kenia — große Süßwasserbecken in der Nähe.
Diese beiden höchst auffälligen Umstände leiten uns zu der Erklärung hinüber, welche die moderne Geologie über die Entstehung der Erscheinungen des Vulkanismus giebt. Noch vor wenigen Jahrzehnten standen sich zwei Meinungen schnurstracks gegenüber. Nach der ersteren, welche ihren vornehmsten Verfechter in Alexander v. Hum boldt fand, ist die letzte Ursache der Bulkanbildung in der angeblichen Feuerflüssigkeit des Erdinneren zu suchen, welche die Kant-Laplacesche Hypothese über die Weltenbildung tote für alle Sonnen, Planeten und Monde,' so auch für die Erde wenigstens während langer Epochen ihrer geologischen Geschichte annimmt Ueber einem 1700 geographische Meilen im Durchmesser betragendem Erdball aus geschmolzenem Gestein, dessen Temperatur sich zum mindesten aus mehrere tausend Grade belaufen mußte, sollte sich die feste Erdrinde, auf der wir wohnen, in einer Dicke von nur 9 bis 10 Meilen darüber lagern. Rechnen wir diese Proportionen einmal auf die Größe eines stattlichen Apfels von 10 Zentimeter Größe, der durchschnittlichen Länge des Zeigefingers einer Männerhaiid, um.


