Ausgabe 
19.5.1900
 
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Ein Schauder rüttelte den Körper des Mädchens, sie faßte den Arm der Sitzenden und sprach hastig wie im Neber:Du bist ein Weib, Mama, und wohl erfahren in Ränken und Künsten. So hilf mir, steh' mir bei, und ausgelöscht soll in meiner Erinnerung die Stunde sein, welche mir Deinen Verrat, Deine Schailde offenbarte. Ich kami Baron Rombergs Weib nicht werden, alles in mir empört sich bei dem Gedanken, ich fürchte ihn, ich bebe vor ihm zurück und ich liebe einen andern!"

Die Frau war aufgesprungen.

Du liebst? Wen denn? Sprich, Mädchen, rasch!"

Atemlos, mit vorgebeugtem Oberkörper, lauschte sie den wirren Worten, welche abgebrochen an ihr Ohr klangen, dann richtete sie sich auf, wilden Triumph in Blick und Gebärde. Wieder zog sie das Mädchen neben sich.

Aber das ist ja eine interessante, reizende Geschichte! Der Maler Kraneck, von dessenMädchen mit den Rosen" alle Zeitungen voll waren? Weißt Du, daß Dich recht viele nm diese Eroberung beneiden werden, Liebchen?"

Was soll ich thun, Mama, was soll ich thun?" Dieses Mal klang das Lachen der schönen Frau in der Thal heiter und natürlich.

Aber das ist ja sehr einfach, Schatz! Wie hat's denn vor zwei Jahren die kleine Baronesse Tettenbach mit ihrem Litteraturprofessor gemacht, wie die bildhübsche Alice Wen­gern mit ihrem langmähnigen Musiklehrer? Ganz einfach: -Sie ließen sich in England oder irgendwo trauen, und den verehrten Eltern blieb, als sie dann wieder auf der Bild­fläche erschienen, nichts weiter übrig, als ihnen in bester -form zu gratulieren. Was sollen sie auch thun? Bei solchem fait accompli ist Nachgeben immer das gescheidteste. Du hast ja Deine Brigitte, die Dich als Dame d'honneur be­gleiten kann, den Regeln des Anstandes wäre also vollkom­men genug gethan. . . . Aber ich spreche natürlich nur im Scherz, morgen sehen wir die Sache mit anderen Augen an, lassen alle romantischen Grillen fahren und feiern fröh­liche Verlobung. Nun aber muß ich gehen, es schlägt rich­tig schon elf Uhr, und ich will nicht schuld sein, daß Eber­hard morgen einem bleichen, überwachten Bräutchen den Verlobungskuß auf die Lippen drückt. Gute Nacht,, Meine 1"

Sie war aus der Thür, die Hand hatte sie der Stief­tochter nicht gereicht.

Nicht lange darauf drang Heller Lichtschein von einem; der Erkerfenster des Schlosses Mellinghausen weit hinaus in die schweigende Nacht.

Sich' hierher", flüsterte die Fee der Dämmerung, und die blasse Frau, welche eben so tief wie ein Seufzer hatte es in dem stillen Gemach geklungen geatmet hatte, lächelte.

Welch schönes, herzerfreuendes Bild! Lichte, künst­lerisch geschmückte Räume, und drinnen ein junges strah­lendes Weib, ein schöner Mann mit der Weihe des Genius auf der weißen Stirn, anbetend zu ihr aufblickend.

Ja, er hatte recht gehabt! Er war eilt Künstler von Gottes Gnaden, und sie das seligste, demütigste stolzeste Weib auf Erden. Wie sie aufblühte in diesem Sonnen-: schein, wie ihr Herz die Entbehrungen der Kindheit ver­gaß! Nur ein Schatten fiel in ihr Leben: die Unversöhn­lichkeit des Vaters. Noch im Hause des guten alten Mütter­chens, bald nach ihrer heimlichen Entfernung von Hause, hatte sie geschrieben, ihn um seinen Segen zu ihrer Ver­mählung gebeten. Er hatte die Einwilligung zu derselben nicht verweigert, wie sie und ihr Geliebter gefürchtet, aber geantwortet," er kenne die Braut, die zukünftige Frau des Malers Kraneck nicht, ebensowenig wie er sich der entlau­fenen Tochter erinnere. Das hatte seine Gattin gemeldet and ein paar leichte Worte des Bedauerns hinzugesügt.

Rur ein Zeichen seines Gedenkens war gekommen: die Meldung eines Bankhauses, daß eine alljährlich zu er­hebende Summe für Fran Dina Kraneck daselbst de­poniert sei.

Ihr Gatte hatte darauf in bestimmtester Form ab­gelehnt, aber wieder, von oerselben Stelle, war der Be­scheid an sie gelangt, daß über das Geld keine andere Bestimmung getroffen sei und es zn ihrer Disposition bleibe. Aber sie hatte dem Vater doch wieder geschrieben, aus ihrem Glücksgefühl heraus, und dann als ihr Kind,

ihre Elfriede sie hatte ihm den Namen der verblichenen Mutter gegeben die dunklen Augen auffchlug.

Vielleicht, daß er doch einen der Briefe öffnete, nicht jeden ungelesen zurücksendete!

Als aber dann ach, so bald! die Sonne ihres Glückes unterging, da schwieg sie, da fand sie keine Worte. Es war ja alles tot und kält in ihr, jedes Empfinden ausgelöscht. Nach Hause hatten sie ihn gebracht, leblos und starr, ihren Geliedten, ihren Gatten, der noch vor wenigen Stunden so lebensfroh, mit so sieghaft glücklichem Lächeln von ihr Abschied genontmen.Ein Herzschlag", sagten die Aerzte, und standen selbst erschüttert vor bem toten Manne, den die unerbittliche geheimnisvolle Macht so früh fortgerissen von Weib und Kind, fortgerissen auch von seiner Kunst, welche sich bereits herabgeneigt, ihm den. vollen Kranz des Ruhmes lächelnd auf das Haupt zn drücken. Sie suchten auch wohl das junge, fast noch kind­liche, Jo plötzlich zur Witwe gewordene" Weib zu trösten, aber es sah sie alle mit leeren Augen an und bemerkte nicht einmal sein Kind, welches vom Arme der Wärterin die Händchen nach der Mutter ausstreckte. Armes vater­loses Würmchen, wenn Du jetzt nicht Deine Brigitte ge­habt hättest! Wie lange dauerte es. noch, ehe Deine Mütter Anteil an Dir an dem Leben nahm! Sie mußte es end­lich wohl; die Sorge schlich an sie heran, immer näher und näher, sah ihr mit den kalten, glanzlosen Augen ins Ge­sicht-und rüttelte an ihrer Schulter. Sie führ zusammen und erwachte. Was nun? In der feuent Residenz so weiter zu leben, war unmöglich; des Vaters, des harte» Mannes, der in ihrem grenzenlosen Jammer kein Wort für sie gehabt, noch unberührtes Almosen in Empfang nehmen, wäre eine Versündigung gegen den Toten; das alte Mütterchen war dem Sohne schon in die Ewigkeit vorangegangen. Sie selbst mußte für sich und das Kind einstehen. Die Musik, ihre Fertigkeit im Klavierspiel siel ihr ein. Sie suchte Schüler', sie wollte sich um geringe» Lohn mühen, aber umsonst: der Erfolg war nicht mut­erweckend. Da fiel ihr ein Zeitungsinserat in die Hände. In einem kleinen, fern von dem großen Verkehr liegen­den Städtchen, oben im Reich, macht sich das Bedürfnis nach einer Klavierlehrerin geltend. Miete, Lebensmittel billig, gesunde Luft rc. Sie setzte sich mit dem Einsender in Verbindung es war ja so gleichgiltig wo sie lebte und nun waren es bereits zehn lange Jahre, seit sie ihre» Einzug hier gehalten.

Sie hatte es auch nicht zu bereuen gehabt; daß ihr zarter, an mildere Luft gewöhnter Körper dem oft rauhe« Klima nicht gewachsen war, beachtete sie wenig wenig­stens nicht bis zu dem Tage, da man ihr ihr Kind bleich, mit blutender Stirn heimgebracht. Da hatte sie einge­sehen in langen bangen Nächten war ihr die Erkenntnis gekommen daß sie nun weiter wandern müsse des Kindes wegen, daß es Egoismus sei, noch länger zu zögern. Es war schon zu lange geschehen und hatte schlimme Früchte getragen. Wie hätte sie nur ihr zartes Kind den rohe« Händen eines Hobrecht anvertrauen können? Warum hatte sie nicht längst einen Ort^ gesucht, der Elfriede eine gute Erziehung ermöglichte? Sie hatte ja die Mittel dazu, des Vaters Gabe mußte längst ein stattliches Kapital bilden, aber sie war zu stolz gewesen, es anzunehmen, und sie hatte den kleinen Ort lieb gewonnen, weil er ihr erlaubte, ungestört ihren Schmerz zu pflegen.

Nun war Elfe seit Wochen wieder gesund, wurde, von ihr selbst und dem alten treuen Freunde, dem Dr. Hanne- mattn, mit dessen Neffen der auch seit jenem verhäng­nisvollen Tage die Musterschule nicht mehr betreten - unterrichtet, aber einen festen Entschluß über ihren zu­künftigen Wohnort hatte sie noch immer nicht gefaßt. Es eilte auch nicht damit, vor dem Herbst konnte sie ihre Ver­pflichtungen am Orte nicht lösen.

Aber dann, dann wollte sie nur für ihr Kind leben! Leben? Und der dumpfe Schmerz in der Brust, der eigentlich nie schwieg, und die hellen roten Tropfen, welche sie manchmal verstohlen von den Lippen wischte? Die blasse Frau fuhr in ihrem Sessel auf, quälende Angst in de« Blicken. Da öffnete sich die Thür des Zimmers, eine kleine zierliche Gestalt mit wehenden Locken stand in derselben und hielt ihr lächelnd einen Kranz entgegen. Sie stürzte zu ihr hin, sie an sich reißend.