Ausgabe 
19.4.1900
 
Einzelbild herunterladen

- 215

Gemeinden gepflegt werden. Wir erwähnen davon fol­gendes:

1. DieKenntnisderHerstellungderTrach- ten muß gefördert werden. Die Trachtenschneider drohen auszusterben, wenn nicht Leute dazu angehalten werden, sich in der Herstellung der Trachten unterrichten zu lassen.

2. Anschaffung von T r a ch t e n st ü ck e n für arme Konfirmanden, wo hierfür Mittel vorhanden sind. Denn bei der Konfirmation entscheidet es sich viel­fach, ob die Tracht weiterhin getragen werden soll oder nicyt. Der oberhessische Verein giebt auch Aus­stattungsbeihilfen an besonders brave und gesittete Ver­einsmitglieder.

3. Pflege des Handspinnens. Eine allgemeine Wiederbelebung des Spinnens erscheint aussichtslos; statt dessen ist auf die Einführung zeitgemäßer Arbeitsformen bedacht zu nehmen; wo aber, wie in abgeschlosseneren Ge­genden, die Verhältnisse noch weniger entwickelt sind, da sollte darauf geachtet werden, daß in den Häusern, in denen es für die langen Winterabende keine nutzbringendere Be­schäftigung giebt, das Handspinnen beibehalten wird. Denn die Tracht wird vielfach aus Selbstgesponnenem hergestellt. Hierher gehört auch die Frage der Spinnstuben, die man im Schwarzwald in besonderer Art als Spinnabende wieder aufleben läßt. Beispiel: Das Spinnfest in St. Blasien, auf Anregung der Großherzogin von Baden.

Ferner gilt es, dahin zu wirken, daß trachtentragende Landleute, die in die Stadt kommen, nicht zum Gegenstand des Spottes oder widerlicher Begasfung werden. Auch beim Militär könnte etwas geschehen, daß die Unteroffiziere bei Ankunft der Rekruten die Trachten nicht lächerlich machen.

Am meisten aber kann von solchen gewirkt werden, die in .den Trachten-Gemeinden drin stehen, durch Er­munterung und Belehrung, vor allem bei Gemeindeabenden. Besonders muß auch gegen Auswüchse der Tracht ein Wort gesagt werden. Wenn z. B. in Gutach die Frauen ihren Stolz darein setzen, immer dickere Bollen auf ihren Hut und also auch ein immer schwereres Gewicht auf ihrem Kopf zu tragen, sodaß der Hut jetzt ca. 3 Pfund wiegt, so kann dieser thörichte Stolz nur dahin führen, daß dieses Monstrum und damit auch die ganze Tracht immer mehr in Mißkredit kommt.

Eine hocherfreuliche Anregung ging von unserem Kaiserpaar aus, als die Majestäten sich am 3. September 1898 in Oeynhausen die westfälischen Volkstrachten (Gegend von Minden und Lübbecke) vorführen ließen. In ihren verschiedenartigen Trachten standen die Frauen und Mäd­chen (außerdem aus jeder Gemeinde ein Mann) in langer Doppellinie da, wo der Kaiserliche Zug hielt, aufgestellt. Jede Gemeinde hatte ein Geschenk mitgebracht: Leinen, Bettzeug, eine Kiepe mit selbstgearbeiteten Holzsachen als Schinkentellern, Löffeln, Holzschuhen, Korallen, ein wunder­schönes Spinnrad mit Haspel. Alle diese Sachen trugen die Frauen in der ersten Reihe.

Es sei das Gedicht hier wiedergegeben, durch das einige Mädchen dem Kaiserpaare die Bedeutung des Trachten­wesens sehr hübsch zu Gemüte führten:

Wir sind gekommen, wir Mädchen und Frauen,

Um unsere Majestäten zu schauen,

Auch ihnen zu zeigen in alter Tracht, Was unsere Hände zuwege gebracht.

Es sind nur Sachen gering und klein:

Die Löffel, das Rad und was sonst mag sein.

Sie können des Königs Vermögen nicht mehren;

Doch weiß er, so denk' ich, auch Kleines zu ehren.

Denn Kleines ist groß, wenn nur wird bedacht, Daß eigener Fleiß es fertig gebracht.

Das mag statt aller die Leinwand sagen,

Wenn ihre Geschichte wir hier vorgetragen:

Sülvst hevt toi et saiet (gesät),

Sülvst hevt toi et wehnt (gejätet),

Wi hevet et luket (den Flachs aus der Erde gezogen), Wi hevet et repet (die Flachsknoten abgestreift).

Sülvst hevt wi et rötet (ins Wasser gelegt), Sülvst hevt wi et spreet (ausgebreitet zum Trocknen), Wi hevet et boket (in der Mühl' stampfen lassen).

Wi hevet et racket (auf der Sacke den Bast entfernt) Un hevet et heickelt (durch die Hechel gezogen) Un hebet et spunnen

Un hevet et haspelt (v. d. Spule z. Gebinde laufen lassen),

Un hevet et bleket up'r Wisk in'er Sunnen, Tolest hevt wi et wüsket (gewebt) To Hus upn Stelle (Webstuhl), Un do is nu de Welle (Rolle).

Wat flietige Lüe sülvst kürnt maken:

Rad, Holsken (Holzschuhe), Bedden, Lierpel un Laken: Wi bringet et ferig mit usrer Hand

Im Hufe, im Goren (Garten) un up dem Land.

Sau is et tau Sanne hie jümmer haulen, Un wi willt ank blieven bim goden Aulen. Den aulen Glauben, de goden Siddeu Laut't^wie us nich niermen ut usrer Midden.

Vor allem möge man das beherzigen und die Vereine zur Erhaltung der Volkstrachten auf eine breitere Grund­lage stellen, die ihnen eine nachhaltige Einwirkung auf das Volkstum überhaupt ermöglicht. Die Satzungen des oberhessischen Vereins bezeichnen als Zweck des Vereins dieErhaltung und Veredelung der alten Volkstrachten in Oberhessen, sowie züchtiger heimischer Sitten und Gebräuche und damit der Liebe zur Heimat und zum Vaterlande". Möge der Verein diesen Zweck erreichen!

Der Kutz.

Autorisierte Uebersetzuug nach dem Französischen be$ H. Satin. Von A. Friedheim.

(Nachdruck verboten.)

An einem sonnenklaren Feiertag im März, den alle Menschen nach den grauen, kälten Wintertagen mit Freuden begrüßten, befanden fich Herr und Frau Montigny mit ihrem Töchterchen unter der Menschenmenge, die mit der Bahn von Paris aus inFreie", d. h. in den zoologischen Garten wollten.

Fräulein Montigny war eine reizende, blauäugige Blondine von vielleicht 18 Jahren, die in ihremtailor-, made"-Kostüm und dem kleinencannotier", um welches ein farbiges Band gelegt war, wirklich allerliebst aussah.

Das Töchterchen stieg nach den Eltern in ein Abteil zweiter Klasse, in dem bereits eine alte Dame!und zwei junge Leute Platz genommen hätten. Kaum hatten die Fahrgäste Zeit gehabt sich zu mustern, da wurde .auch schott das Abfahrtssignal gegeben. Fort ging es in der Richtung des:Bois de Boulogne" und gleich darauf befand sich der Zug in dem Tunnel derBatignolles". Für einige Se­kunden war das goldene Tageslicht ausgeschlossen, dick Kapees waren vollständig dunkel, und gerade während dieser kurzen Spanne Zeit ertönte zur größten Ueberh raschung der Anwesenden in rasch sich folgenden Absätzen das Geräusch von mehreren Küssen.

Als der Helle Tag wieder in die Wagenfenster fiel, da saß Fräulein Montigny mit hochrotem Köpfchen da, und ihr Nachbar zur Rechten, ein hübscher junger Mensch in sehr gentilem Anzug, schien merkwürdig verlegen. Herr Montigny sah ihn durchdringend und scharf, nichts weniger als freundlich: an, und das sichtlich in die Augen fallende Unbehagen des jungen Herrn war nicht dazu angethan, den aufsteigenden Zorn des Vaters von Fräulein Moni tigny zu dämpfen.

AmBois de Boulogne" angekommen, stiegen alle Insassen des Kupees aus, und Herr Montigny hatte es trotz der drängenden Menschenmasse doch fertig gebracht, dicht hinter dem jungen Mann zu bleiben, und so mit ihm: zugleich an dem Ausgang, wo die Billdts abgenommen wurden. Halt zu machen.

Der Verfolgte schien aber nichts von dieserAnhäng-, lichkeit" gemerkt zu haben; denn als Herr Montigny ihm nicht gerade sanft die Hand auf den Arm legte, fuhr er erschrocken zusammen.

Bitte, Ihren Namen", zischte Herr Montigny ihn an, Aus welchem Grunde fragen Sie mich danach?" Ich wünsche denselben zu wissen . . ." ,^sules Salvet".

Herr Jules Salvet, Ihr Betragen ist unverschämt .

Mein Herr! ..." v-