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das andere Mal, während sie langsam die Boulevards entlang schritt. Und immer antwortete sie sich mit demselben erstaunten, schwachen Ausdruck:
„Fort."
Die Sonne lag hart und prall auf den Steinfüesen, und in den Schaufenstern gleißte und brannte alles wie unter Brennglas.
Kränze, dicke gewundene Perlenkränze wie draußen auf dem Friedhof, hingen vor den Läden des Boulevard de Clichy, während sich auf dem breiten Boulevard des Batignolles der wahre Sommer an Stelle dieses elenden, künstlichen ausbreitete. Ganze Blumenpyramiden waren zwischen den Baumreihen des Mittelweges aufgebaut, die Luft war förmlich schwer von Narzissen- und Levkoyen- geruch, in den sich die atembeklemmende Wolke des Stadtdunstes mischte. Alle Menschen kauften Blumen, badeten sich in dem ihnen die freie Natur vorzaubernden Duft. Aber sie schlichen und krochen hin wie Schnecken, die lebendigen, frohen Pariser, ausgedörrt von der Hitze und dem Dunst ihrer schönen, riesenhaften Stadt, und in den bleichen Gesichtern mit den schlaffen Mienen lag fast die-? selbe zur Gefühllosigkeit gewordene Gleichgiltigkeit wie in der Miene Nettchens.
Ruhig ging sie hin — im Gefühl, nichts zu versäumen — zu nichts zu spät zu kommen. Als sie den gare du Nord erreicht hatte, in die gewölbte Halle trat, sprang ihr ein Kosferträger entgegen und griff nach dem Bündel, das sie am Arme trug. Sie wies ihn ab, und als sammle sie nun ihre zerstobenen Gedanken, blieb sie stehen, und blickte aufmerksam auf die über den verschiedenen Billetschaltern angebrachten Tafeln. „Cologne-Allemagne" las sie langsam und halblaut. Sie trat an den Schalter heran, zog ihre kleine Geldbörse und entleerte fast den ganzen In-; halt derfelben auf das Brett. „Eologne-troixieme", flüsterte sie. Die Dame hinter dem Schalterfenster reichte ohne aufzublicken ein Billet heraus, und nannte eine Summe in Francs. Nettchen schob alles hin, was sie aus das Brett geschüttet hatte. Jetzt blickte die Dame am Schalter ver, wundert auf. „C'est trop mademoiselle", sagte sie etwas ungeduldig, indem sie fast die Hälfte des ihr Gereichten kurz zurückschob. „Eine Fremde", dachte sie, „o diese unbehilflichen Deutschen!" Sie sah der sich Entfernenden nach. Wie unselbständig, wie blöde sich diese Frauen ausnahmen! Mit unschlüssiger Miene stand Nettchen inmitten der Halle, hilflos auf das Billet in ihren Händen niederblickend. Bis hierher hatte ihre Ueberlegung gereicht, jetzt kam wieder diese stumpfe, verworrene Müdigkeit über sie, die Gleichgiltigkeit gegen alles. —
(Fortsetzung folgt.)
Volkstrachten.
(Nachdruck verboten.)
Der katholische Stadtpsarrer von Freiburg i. B., Dr. Heinrich Hansjakob, der sich nicht nur als vortrefflicher Romanschriftsteller und ausgezeichneter Schil- derer der ländlfchen Bewohner des Schwarzwaldes einen sehr klangvollen Namen gemacht hat, sondern auch um die Würdigung der Volkstrachten ein bedeutendes Verdienst erworben hat, führt in einer kürzlich von ihm erschienenen Schrift u. a. solgendes aus:
So wie wir eine Menge der schönsten, gefühlvollsten Lieder haben, die im Volke entstanden sind ohne jedes Studium der Dichtkunst, so zeigen uns die alten Volkstrachten eine Menge von Kunst- und Schönheits-Erzeugnissen, geschaffen ohne jede künstlerische Anleitung und ohne jede Modezeitung. Und dabei waren in den letzten zwei Jahrhunderten das Landvolk und der Kleinbürger in ihrer Kleidung und in ihrem Herzen deutsch geblieben, während die sogenannten „besseren Stände" französische Sitten 'und Moden in undeutscher Art jnajchmachten und auch in der Politik den Franzosen flattierten. Da kam, vor gerade hundert Jahren, die große französische Revolution. Alle Standesunterschiede wurden abgeschafft, und Fürst Edelmann, Handwerker und Bauer mit dem einfachen Namen „Bürger" bezeichnet. Diese Gleichmachung der Stände hatte auch die Gleichmachung der Trachten zur
Folge. Infolge dieser Revolution und ihrer Einwirkung aus Deutschland begann im Anfang unseres Jahrhunderts auch bei uns die Abneigung gegen die alte Tracht und die Sucht, sich wie die Herrenleute zu kleiden. Professor W. H. Riehl, der vor vierzig Jahren ganz Deutschland zu Fuß durchwanderte und das deutsche Volk wie wenige kennen lernte, sagt von der Landbevölkerung am Mittelrhein: „Der abgelebte rheingauische Volksschlag hat längst keine eigene Tracht mehr. Der Bauer kleidet sich wie ein verlumpter Bürger." So ist es heute leider Gottes schon allüberall in deutschen Landen. Statt der schönen alten Volkstrachten sehen wir in den allermeisten Dörfern am Rhein hinunter und auch überall, wo das Landvolk in Bezug auf Tracht es ähnlich gemacht, die Bauern und Bäuerinnen in Anzügen, wie sie in den Städten die „verlumpten Bürger" und die Bettelweiber tragen. Ist das vielleicht schöner als die alte, schmucke, selbstgesponnene Kleidung, und wenn sie nur aus gefärbtem Zwilch bestand? In neuerer Zeit hat aber die neue Mode auch um sich gegriffen in den Gegenden, wo bis vor wenig Jahren noch die alte deutsche Tracht herrschend war. In Tirol, Ober- und Niederösterreich, in Steiermark, in Kärnthen, im bayerischen Hochland, auf allen deutschen Mittelgebirgen (vorab auf dem Schwarzwald), in den Alpen der Schweiz und in den so- gxjnannten Marschländern an der Nord- und Ostseeküste — wohnte bisher noch, fern vom Verkehr, ein echtes Bauern- volk und trug die altererbten Volkstrachten. Auch hier droht, wie gesagt, die neue Mode langsam, aber stetig, um sich zu greifen.
Dr. Hansjakob wünscht das Fortbestehen und die Förderung der Volkstrachten zunächst im Interesse des Bauernstandes selbst, sodann im Interesse des religiösen, des staatlich-politischen und des gesellschaftlichen (sozialen) Lebens und endlich im Interesse der Kunst und der Poesie des Volkes.
Der „Ausschuß für Wohlfahrtspflege auf dem Lande" hat Mn zu diesen Ausführungen Hansjakobs Stellung genommen. In dem Organ des Ausschusses, der Zeitschrift „Das Land" (Verlag von Trowitzsch & Sohn in Berlin), heißt es in Nr. 17:
Wir erkennen mit ihm in den Volkstrachten ein gutes Stück deutschen Volkstums. Die Trachten haben meist eine ehrwürdige Vergangenheit, und wenn sie auch im Laufe der Zeit sich picht immer gleich geblieben sind, sondern sich vielfach verändert haben, so ist doch gerade dies das Eigentümliche, daß diese Umgestaltungen aus dem Landvolk selbst heraus entsprungen sind und nicht etwa irgend einer Mode nachgeäfft wurden. Woran die Seele des Volkes gearbeitet hat, das kann uns nicht gleichgiltig sein, sondern erfordert unsere Teilnahme. Es muß uns eine Freude sein, wenn das Landvolk sich noch mit eigenen Federn schmückt und noch etwas auf sich und seine Eigenart hält. Denn, darin spricht sich eine urwüchsige Kraft, ein stolzes Selbstbewußtsein und ein origineller Schönheitssinn aus, den wir — nicht nur um der Künstler und Kurgäste willen, sondern im Interesse der Erhaltung des natürlichen Volkstums und des Heimatsgefühls — nicht dahinschwinden sehen möchten. Die Abnahme der Volkstrachten ist begreiflich in unserer Zeit der Freizügigkeit und des Verkehrs, in der die Menschen in ganz anderer Weise wie früher durcheinandergewürfelt werden. Der Verkehr wirkt nivellierend, gleichmacherisch, er ist ein Feind des Originalen. Daher sind die Trachten am meisten bedroht in den Gegenden, in denen ein starker Verkehr und infolgedessen auch Industrie herrscht.
Was läßt sich trotzdem zur Erhaltung derselben thun?
Es haben sich besondere Vereine für diesen Zweck gebildet, zuerst in Baden, dann in Oberhessen (Verein sür Erhaltung oberhessischer weiblicher Volkstrachten unter dem Protektorat der Großherzogin Viktoria Melita), in Westfalen, (Altenburg d. Red.) und in anderen Ländern. Diesen Vereinen gebührt das Verdienst, die Aufmerksamkeit weitet Kreise aus die Bedeutung der Volkstrachten hingelenkt zu haben.
Was diese Trachtenvereine leisten, ist der Nachahmung und Förderung wert und sollte von der Wohlfahrtspflege und von den Landfreunden selbst in den trachtentragenden


