Das Pflegekind.
Roman von Elsbeth Meyer-Förster.
(Fortsetzung.)
Es war an einem heißen Jnnitage, als Nettchen zwischen den grauen, in der Glut der Sonne gleichsam dampfenden Grabsteinen von Montmartre das winzige Täfelchen suchte, das die Ruhestatt ihres Kindes bezeichnete.
Langsam, fast teilnahmslos ging sie zwischen den Steinen auf und ab.
So dürr und trocken, so steinern und fühllos wie auf diesen grauen Hügeln, auf denen nichts Grünes sproßte, war's auch in ihrer Seele.
Rings flimmerten die tausend und abertausend Perlenkränze, mit denen die kalten Grüfte der Toten geschmückt waren, ,iM Regenbogenfarbenlicht.
Die junge Frau blieb stehen, hob mechanisch hier einen künstlichen Zweig, dort bog sie eine seidene Schleife zurück, um die Inschriften zu lesen.
Worte, die sie nicht verstand. Tote, kalte, fremde Sprache. Buchstaben, auf die sie hinstarrte, als suche sie einen Sinn in ihnen, und die sie doch nicht begriff, von denen ihr Geist nichts wußte, während sie mechanisch die Silben mit den Lippen bildete.
Nirgends Blumen und Grün. Und ihre ausgetrocknete Seele lechzte nach stillem Kirchhofsgrün. —
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toulid) liebt, ist nicht verlassen, Sei er auch einsam und allein;
üiie? Es will ihn alles lind umfassen, Es will ihm alles Bote sein.
Die Thäler blühn, die Wipfel klingen, Die Augen grüßen, wo er zieht;
Und manche trauten Orte singen Bon Liebe ihm ein heimlich Lied.
Und Vögel tragen seine Lieder
Auf ihren muntern Schwingen fort, Und seine Grüße hallen wieder Zum ferne« Lieb, von Ort zu Ort.
Und selbst des Himmels goldne Sterne
Sind seiner Liebe zugethan
Und ziehen in die dunkle Ferne
Von Herz zu Herzen lichte Bahn.
Ludwig Pfau.
Ein Hügel, so klein, daß es weh that, darauf hinzusehen, nur mit einem handgroßen Täfelchen geschmückt, lag, als sie das Ende des Kirchhofs erreicht hatte, zu ihren Füßen. Als müsse sie sich langsam besinnen, blickte Nettchen auf die Nummer nieder. 6077! Man hatte es ihr so ost wiederholt. Wie einem Papageien hatte man es jhr vorgesprochen. Ja, 6077 ruhte ihr Kind.
Sie ließ sich am Grabrand nieder, legte den Busch Heckenrosen, den sie in Händen trug, auf den Hügel. —i Ihr Kind sollte nicht die unechten Perlenkränze haben, diese häßlichen, schillernden, künstlichen Gebilde, die den Friedhof mit einem unechten Schimmer bedeckten. Ihr Kind! Ihre Augen wurden groß und weit, und blickten ins Leere. Was da unten schlummerte, war ja nicht einmal die Seele ihres Kindes, — tot war es zur Welt gekommen, — das sie mit so unsäglicher Freude, so unsäglichem Schmerz erwartet hatte.
In ihrer Erinnerung war alles weh und krank, sie konnte noch nicht daran rühren. Dem schrecklichen Abend, mit seiner Bewußtlosigkeit, waren bewußtlose Wochen gefolgt. In dem hellen, großen Krankensaale von St. Augustin, in den man sie gebracht, hörte sie nach ihrem Erwachen, nur wie.im Traum, die Stimmen der Wärterinnen, die davon sprachen, daß das Kind tot geboren war. — „Infolge der Erschütterung — infolge eines Falles!" hörte sie die Aerzte sagen. Es waren Worte, die sich in ihr Gedächtnis gruben, wie surchtbare, schwarze Krallen. Aber die Ohnmacht kam wieder, die Sinne versanken in wohlthätigen Schlummer.
Dann war der Tag gekommen, wo man ihr ihre Kleider brachte, ihr Hütchen, auf das die Hand der jungen Krankenschwester einen Flor genäht hatte. Sie war entlassen, sie durfte nach Haus! Sie sprach das Wort nach, wie sie es ihr in freundlichen, aber doch geschäftlichen Worten versprachen. Das Wort hatte keinen Sinn, keine Bedeutung für sie'. Es war ihr fremd, wie die fremden Worte auf den Grabhügeln. Aber da sie die Augen des Krankenpersonals auf sich gerichtet fühlte, hatte sie wie vorhin vor dett Grabsteinen die Silben nachgebildet. Sie hatte den Schwestern die Hand gedrückt, ihr Bündel an sich genommen und war gegangen. „Ihr Gatte ist benachrichtigt", rief ihr eine der Pflegerinnen nach. „Seien Sie nicht hart, Madame, er wird bereut haben, was er that."
Sie war gegangen. Aber nicht „nach Haus". Wohl hatte fie ihren Weg nach Montmartre genommen, aber auf den Friedhof hinaus. Und jetzt, nachdem sie mechanisch von dem Hügel Abschied genommen, schritt sie dem Nordbahnhof zu. Ohne eine bestimmte Absicht. Sie wußte nur, Und sagte es vor sich hin: „Von dort gehen Züge."
Ihr Kopf war noch schwach, von der Krankheit ausgeleert. „Wohin will ich?" sagte Nettchen sich ein über


